Im Sommer träumen alle von einer goldenen Zukunft

von knospepeter

Am Ende einer Fußball-Saison gibt es wohl mehr enttäuschte Anhänger als solche, die feiern können. Von 14, 16, 18 oder mehr Vereinen, egal ob Amateure oder Profis, kann nur einer den Titel feiern, in manchen Ligen gibt es höchstens noch die Relegation. So sind doch eigentlich die Wochen zwischen den Spielzeiten, nämlich der Sommer, die schönste Zeit für Vereine und Fans. Da tut sich was in den Klubs (siehe Thema Wechsel vom 20. Juni: „Das Wechseltheater ist spannender als die Punktrunde“) und alle träumen von einer goldenen Zukunft, die soll nämlich meist besser und erfolgreicher werden (bei manchen geht schlechter oder chaotischer gar nicht mehr).

Bestes Beispiel für die Träume von einer goldenen Zukunft ist Hertha BSC Berlin. Dort gab es bei großer Hitze (wie fast überall in Deutschland) am Sonntag eine Außerordentliche Mitgliederversammlung, auf der es im CityCube im Messegelände noch hitziger zuging als draußen und die Weichen für eine bessere Zukunft gestellt werden sollte. Ob das gelungen ist, wird sich zeigen, aber wie so oft, hat Hertha wieder einen besonderen Weg eingeschlagen. Der Aufstieg ist nämlich einmalig in der Bundesliga, von der Kurve an die Spitze des Vereins. Nachfolger des zuletzt ungeliebten Präsidenten Werner Gegenbauer, der 14 Jahre lang den Verein führte, wurde mit Kay Bernstein ein Mann der Fans. Er setzte sich mit 1670 zu 1280 Stimmen gegen seinen Hauptkonkurrenten Frank Steffel durch, früherer Bundestagsabgeordneter, Boss von Handball-Bundesligist Füchse Berlin und vom Aufsichtsrat vorgeschlagen. Ein Mann des Establishment halt, aber die Mehrheit wollte einen Neuanfang.

Für den steht Kay Bernstein, ein „Mann der Kurve“, wie er selbst sagt, Mitbegründer der Ultra-Gruppe „Harlekins ’98“, die später mit sozialen Projekten auf sich aufmerksam machte. Heute ist der 41-Jährige Event- und Kommunikationsmanager, er sollte zumindest das Handwerk des Verkaufens verstehen. Gut verkauft hat er sich den Mitgliedern gegenüber schon, analysierte „unsere Dame liegt auf der Intensivstation, wir können sie nur von innen gesund machen, eine Entgiftung von innen heraus“. Sein Ziel: „Wir müssen unsere blauweiße Seele zurückgewinnen.“ Er stand nicht im Anzug am Rednerpult, sondern in einer Hertha-Jacke. In seinem Zehn-Punkte-Programm als erste Maßnahmen steht u. a., dass die Profis für die Mitarbeiter der Geschäftsstelle grillen. Motto: Es geht nur gemeinsam. Mit Geldgeber Lars Windhorst will er sich schnell zusammensetzen, noch wichtiger ist das Gespräch mit Manager Fredi Bobic.

Von einer goldenen Zukunft träumen sie alle, selbst bei Bayern München, dort ist der Gewinn der Champions League das Ziel. Eine bisschen bescheidener ist man in Dortmund, dort will man bald die Bayern an der Spitze der Bundesliga ablösen. Aber wer schon oben ist, bei dem sind die Wünsche nicht so ausgeprägt. Anders ist es wohl in Mönchengladbach, dort wird von Europa geträumt, zuletzt war man eher in der Abstiegszone zu finden. Jetzt wird wieder geträumt, der neue Trainer Daniel Farke hat frischen Schwung in den Verein gebracht, er ist einer der „jungen Wilden“, auf die derzeit viele Vereine setzen.

Da ist der FC Augsburg ein typisches Beispiel, Enrico Maaßen, erst 38, hat Markus Weinzierl abgelöst, der zwar die Hauptaufgabe erfüllt hat, weil die Bundesliga erhalten blieb, aber an internen Streitigkeiten scheiterte. Maaßen kommt von Dortmunds zweiter Mannschaft und sieht den FCA als Sprungbrett und weiß wie sich der Verein die Zukunft wünscht: „Wir wollen wieder eine klare Identität kreieren, etwas, wofür der Verein steht.“ Manager Stefan Reuter will endlich Ruhe auf dem Trainerposten, der Neuling bekam einen Drei-Jahres-Vertrag, weil er für Schwung, ein Miteinander und spielerischen Fortschritt steht. So etwas wünschen sich viele Vereine, eine goldene Zukunft eben.

Der 1. FC Köln spricht dagegen fast schon von einer goldenen Vergangenheit, der neuer Trainer Steffen Baumgart hat den Verein vom Tabellenende weg nach Europa geführt. Diese goldenen Tage sollen Bestand haben, sein Vertrag wurde vorzeitig von 2023 bis 2024 verlängert. Nach Freiburger Vorbild will es der neue Geschäftsführer Christian Keller auch so handhaben, frühzeitig reden, dann vorsichtig für ein Jahr verlängern. Mit Baumgart liegt er da auf einer Linie. Köln lebt also eine goldene Gegenwart.

Frauen lassen hoffen

Zuletzt hatte es bei den Fußball-Frauen ja ein bisschen gehapert, die Leistungen war nicht zufriedenstellend, gegen Serbien gab es in der WM-Qualifikation sogar eine Niederlage. Wie soll es dann gegen die Großen bei der Europameisterschaft aussehen? Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hatte allerdings den Optimismus nie verloren und versprach fast schon gebetsmühlenartig, dass die Nationalspielerinnen bis zur Europameisterschaft in England in Form kommen werden. Das Versprechen wurde fast schon eingelöst, der Schwung und die Begeisterung, mit der ihre Schützlinge die Schweiz mit 7:0 an die Wand spielten, lässt hoffen. Noch fehlt es vielleicht ein bisschen an Präzision, aber mit dem schnellen Spiel sollte auch Dänemark als erster Gegner am 8. Juli vor Probleme gestellt werden.

Vorteil Deutschland, Vorteil Voss-Tecklenburg: Der Kader ist sehr ausgeglichen, die Bundestrainerin kann nachlegen, wenn jemand nicht in Form ist. Die Auswechslungen gegen die Schweiz brachten keinen Bruch im Spiel, sondern eher noch mehr Schwung. Und Frankfurts Stürmerin Nicole Anyomi glänzte plötzlich als rechte Verteidigerin, nachdem Giulia Gwinn vom Feld ging. Dabei war die Außenverteidiger-Position als Schwachstelle ausgemacht worden, weil es für Gwinn und Felicitas Rauch keinen wirklich Ersatz im Kader gibt. Passende Notlösungen offensichtlich schon.

Angeführt wurde das Team gegen die Schweiz von Klara Bühl von Bayern München, der einfach alles gelang, an vier Toren war sie beteiligt. Als sie ging, kam Jule Brand (Hoffenheim) – und traf! Auch im Mittelfeld zeigten Oberdorf-Magull-Däbritz eine Harmonie, die hoffen lässt. Nicht geprüft wurde die Abwehr, die vielleicht ein Sorgenkind sein könnte. Noch sind es ja eineinhalb Wochen bis zum Start, die Mädchen träumen jedenfalls auch von einer (nahen) goldenen Zukunft.

Mehr zur Europameisterschaft der Frauen an dieser Stelle in einer Woche.