Der Sport – Grantler

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DFB-Team 2018: Der Absturz und ein bisschen Hoffnung

Die Bilanz der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Jahr 2018 ist furchterregend und deshalb bestimmt ein Ausdruck die Diskussionen um das Team von Bundestrainer Joachim Löw: Ein Horrorjahr. Der stolze Weltmeister von 2014 hat 2018 einen Absturz erlebt. Zwei offizielle Turniere, zweimal Gruppenletzter, sowohl bei der Weltmeisterschaft in Russland als auch bei der neu geschaffenen Nations League. Da gab es nicht einmal einen Sieg, sondern nur zwei Unentschieden und zwei Niederlagen gegen Weltmeister Frankreich und Gruppensieger Niederlande. Das letzte Spiel gegen die Holländer sollte „das Beste zum Schluss“ bringen, wie Jogi Löw hoffte, doch nach 80 Minuten, die Mut machten, und nach einer 2:0-Führung brachten die letzten Minuten erneut einen Absturz. Wieder nur 2:2, bezeichnend, dass der Ausgleich in der Nachspielzeit fiel. Eben ein Horrorjahr.

Die Jahresbilanz ist wirklich erschreckend für eine einst so stolze Mannschaft wie die DFB-Elf: Gerade mal vier Siege und drei Unentschieden, aber sechs Niederlagen. Die bittere Erkenntnis für Jogi Löw, der gern an seinen treuen (und lange Zeit überragenden) Weggefährten festgehalten hätte, den Weltmeistern von 2014. Doch die Zeit des Tempo-Fußballs ließ die einstigen Rennpferde wie lahme Gäule ausschauen. Spät, fast zu spät und eigentlich nur gezwungenermaßen hat sich Löw zum Umbruch entschieden und erntet am Ende für die Zukunft auch ein bisschen Hoffnung. Die jungen Wilden können es richten, wenn sie noch ein bisschen Erfahrung sammeln und auch entsprechend gelenkt werden. Diese richtige Mischung zu finden, ist die Hauptaufgabe des Bundestrainers, um nach dem Absturz den Aufbruch in eine glorreiche Zukunft zu schaffen.

Joachim Löw hat bereits Zeit verloren, weil er eben zu lange an den Weltmeistern festgehalten hat. Jetzt beklagt er, dass er 2019 mit der Qualifikation zur Europameisterschaft 2020 (12. Juni bis 12. Juli) keine Testspiele mehr hat. Kommt Deutschland bei der Auslosung am 2. Dezember in eine Sechser-Gruppe, wird es für das DFB-Team in den Länderspielpausen mit Doppelspieltagen im März, Juni, September, Oktober und November nur Pflichtspiele geben. Keine Zeit für Experimente also.

Eine Basis hat der Bundestrainer allerdings gefunden. Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sane sind ein modernes Tempo-Trio, das jede Abwehr zur Verzweiflung bringen kann, weil eben jeder unberechenbar ist. Bezeichnend, dass den Deutschen der Sieg aus den Händen glitt, als diese drei vom Feld gegangen waren. 80 Minuten lang hatte Jogi Löw gegen die Niederlande quasi seine Mannschaft der nahen Zukunft auf dem Feld mit Neuer – Süle, Hummels, Rüdiger – Kehrer, Kimmich, Kroos, Schulz – Werner, Gnabry, Sane. In der Abwehr sollte Boateng noch nicht abgeschrieben sein, stehen auch Ginter und Hector auf der Liste, in Mittelfeld und Sturm gehört die Zukunft vor allem dem 19-Jährigen Kai Havertz, Julian Brandt und ein bisschen auch Marco Reus. Alle anderen, vor allem auch Thomas Müller, der dies ausgerechnet in seinem 100. Länderspiel erkennen musste, müssen sich hinten anstellen. Spieler wie Goretzka oder Rudy suchen ihren Platz und bekommen Konkurrenz aus der U21, die in diesem Jahr ungeschlagen blieb und 2019 nach dem EM-Titel greift. Auch da also ein bisschen Hoffnung für die Zukunft.

Die Niederlande machte es den Deutschen vielleicht vor, denn bei den beiden letzten großen Turnieren fehlte das Land und es durchschritt ein tiefes Tal. Jetzt das strahlende Comeback mit dem Gruppensieg in der Nations League gegen die Weltmeister von 2014 und 2018. Wer hätte das gedacht. Überhaupt zeigte die viel kritisierte Nations League, dass sie eine Zukunft haben kann, die Großen müssen um ihre Pfründe kämpfen, die Kleinen haben ihre Erfolgserlebnisse gefeiert, siehe Zwerg Gibraltar. Eine Endrunde der Liga A (im Juni 2019 in Portugal) mit Gastgeber Portugal, Niederlande, Schweiz und England hätte so keiner erwartet. Aber Trost ist das für Deutschland nicht.

Der Bundestrainer hat jetzt die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Deutschland nicht so tief fällt und nicht so lange unten bleibt wie die Niederlande, also bei den großen Turnieren fehlt. So weit sollte der Absturz dann doch nicht gehen. Bei der EM 2020 muss Deutschland dabei sein, zumal in jeder Quali-Gruppe der Erste und Zweite weiterkommt (mit einem dicken Brocken ist zu rechnen). Bei der nächsten Austragung der Nations League wird sich das DFB-Team in der ungewohnten Umgebung der Zweitklassigkeit bewegen, in Liga B mit Gegnern wie Island, Polen, Österreich, Tschechien, Finnland aber auch Vizeweltmeister Kroatien. Mal sehen, wie dann die Fans auf die Gegner reagieren, die ja keine Großen sind. Auf Schalke war es erstaunlich stimmungslos.

Wir sehen, die Zukunft ist ein Stück weit sehr ungewiss, aber nach dem Absturz bleibt auf jeden Fall ein bisschen Hoffnung.

Zwischenbilanz der Fußball-Bundesliga vor dem Jahres-Endspurt

Elf von 34 Spieltagen sind absolviert, quasi ein Drittel der Saison, Zeit für eine Zwischenbilanz der Fußball-Bundesliga. Die Länderspielpause dient zum Durchschnaufen, bevor der Jahres-Endspurt beginnt, sechs Spiele sind es noch bis zum 23. Dezember, ausgerechnet in der Woche vor Weihnachten müssen die Klubs zusätzlich ran, alles andere als ein Weihnachtsgeschenk für die Fans (erstaunlich, dass es am 24. Dezember kein Montagspiel gibt!). Wer aber hat bisher die Erwartungen erfüllt, wer nicht? Der Sport-Grantler gibt einen kleinen Überblick:

Über dem Soll

Auffallend, fünf Klubs befinden sich über dem Soll, genau fünf aber auch unter dem Soll, dazwischen das breite Mittelfeld. Fangen wir aber mit der Spitze an und damit natürlich mit Borussia Dortmund. Ungeschlagener Tabellenführer mit vier Punkten Vorsprung vor Gladbach und sieben auf Bayern München (Platz 5), was will man mehr. Vor der Saison hatten selbst die Dortmunder nicht damit gerechnet, schließlich musste man erwarten, dass der neue Trainer Lucien Favre mit einer neuen Mannschaft mit vielen jungen Spielern Zeit für den Erfolg benötigen würde. Aber die Konkurrenz wurde praktisch überrannt, die Neuen schlugen ein (kein Wunder, dass der kicker Dortmund als Transfersieger sah, Schlusslicht ist Stuttgart) und alle staunen, auch die Bayern. Für die letzten sechs Spiele der Vorrunde stellt sich die Frage, bleibt die Borussia ungeschlagen? Könnte sein, die Gegner sind Mainz (auswärts), Freiburg (zu Hause), Schalke (A), Bremen (H), Düsseldorf (A) und Gladbach (H).

Dortmund überstrahlt alles, aber über dem Soll sind sicherlich auch die Nächstplatzierten, nämlich Borussia Mönchengladbach, RB Leipzig und Eintracht Frankfurt. Von Leipzig durfte das erwartet werden, unter Trainer-Sportdirektor Ralf Rangnick sollte es doch wieder in die Champions League gehen. Bei Gladbach und Frankfurt bleiben Fragezeichen, ob die Teams ihre Form durchhalten. Bei beiden beeindruckt der Schwung, die Eintracht bestaunt ihr „magisches Dreieck“ mit Jovic, Rebic und Kostic. Kein Wunder, dass die Stürmer bei vielen Großklubs auf der Wunschliste stehen, u. a. auch bei Bayern München. Ja, und zu den Spitzenteams gesellt sich auch der Außenseiter Mainz 05, derzeit auf Rang neun, also im gesicherten Mittelfeld und spielerisch stark, das durfte man so nicht unbedingt erwarten.

Im Soll

Das breite Feld befindet sich quasi im Soll, zum Teil ist der Sprung nach oben noch im Visier (Hoffenheim, Bremen), zum Teil gilt ein einstelliger Tabellenplatz als Ziel (Berlin, Augsburg), zum Teil ist man froh, wenn man nicht im Abstiegskampf steckt (Freiburg, Wolfsburg). Dazu gesellt sich noch Neuling 1. FC Nürnberg, der mit Rang 15 und zehn Punkten im Moment sogar der Relegation entgeht, also mit dieser Platzierung am Saisonende punktgenau das Ziel erreicht hätte: Nur nicht absteigen.

Die Stimmung ist bei den betroffenen Vereinen natürlich ein bisschen unterschiedlich. So haben sich vor allem Hertha BSC und Wolfsburg ihren Aufenthalt im Mittelfeld zu Beginn der Saison verdient. Die Hertha ist jetzt fünf Spiele ohne Sieg (der letzte gelang ausgerechnet gegen die Bayern, dann schlug wohl der „Bayern-Fluch“ zu, denn Bayern-Bezwinger tun sich danach mit dem Siegen schwer), Wolfsburg hat in den letzten acht Spielen gerade einmal gewonnen (in Düsseldorf). Bei beiden heißt es also, den Trend umkehren, sonst sind sie nicht mehr lange im Soll. Trainer Pal Dardai hat Ruhe in Berlin, Bruno Labbadia in Wolfsburg fordert mehr, Ziel war ja, nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben. Von der Relegation hat man die Nase voll,.

Ein Sonderfall ist der FC Augsburg. Platz 10 und 13 Punkte bedeuten das Soll, nur einmal war man in sieben Jahren Bundesliga besser (14/15 Platz 7 mit 15 Punkten, am Ende 5. und in der Europa League). Was die Augsburger ärgert: Sie haben viele Punkte verschenkt, haderten über individuelle Fehler und späte Gegentore. Ohne „Geschenke“ könnte der FCA punktgleich mit den Bayern sein! Der Verein sieht sich immer im Kreis derer, die gegen den Abstieg kämpfen, die Spieler allerdings wollen mehr, Das könnte möglich sein, zumindest nach Weihnachten sollte es mit den Geschenken aber vorbei sein.

Unter dem Soll

Logisch, dass hier der Blick ans Tabellenende geht, aber nicht nur. Der Verein, der gefühlt wohl am meisten von seinen Zielen entfernt ist, heißt Bayern München. Sechs mal in Folge Meister und jetzt nur Fünfter, nicht einmal in der Champions League – ein Wunder, dass Trainer Niko Kovac nicht in Frage gestellt wird. Das Verletzungspech schlägt zwar weiter unerbittlich zu (jetzt fällt auch James aus), aber dennoch soll es im Endspurt ein Punktesammeln ohne Niederlage geben. Die größten Hürden des Restprogramms kommen zum Schluss der Vorrunde: Am 19. Dezember gegen Leipzig, am 22. in Frankfurt.

Gleich nach den Bayern kommt natürlich der VfB Stuttgart, das Schlusslicht. Da hat man sich mehr erwartet, auch wenn klar war, dass sich eine so erfolgreiche Rückrunde wie im letzten Jahr unter Tayfun Korkut, die mit Rang sieben endete, nicht wiederholen lässt. Korkut musste gehen, aber Nachfolger Markus Weinzierl startete mit klaren Niederlagen, bisher hat sich noch wenig geändert. Ruhiger ist es bei Neuling Fortuna Düsseldorf, der ja fast im Soll liegt, denn mit einem Wiederabstieg muss man rechnen, und bei Hannover 96, für das der Kampf gegen den Abstieg nicht unerwartet kommt. Kurios: Die Fans machen wieder Stimmung, aber stimulierend auf das Team wirkt das scheinbar nicht.

Anders sieht es natürlich bei Schalke 04 und Bayer Leverkusen aus. Das internationale Geschäft war das Ziel, Vizemeister Schalke stürzte tabellarisch am meisten ab, aber auch Leverkusen blickte vom letztjährigen Platz 5 eher in die Champions League, als dass man die unteren Regionen im Kalkül hatte. Die Mannschaft hat das Zeug zum begeisternden Fußball, doch zeigt sie ihn zu selten. Schalke war im Vorjahr mit minimalistischem Fußball erfolgreich, jetzt geht das nicht mehr und die Tore fehlen, Dazu fällt ein Stürmer nach dem anderen aus (Uth, Embolo, Burgstaller), da muss Trainer Dominik Tedesco die Leistung vom Vorjahr wiederholen: Viele Punkte mit wenig Toren. Erstaunlich, die Manager auf Schalke und in Leverkusen verteidigen tapfer ihre Trainer gegen die ständigen Anfragen der Medien, wann denn der Coach gehen muss. Wenn aber weiter die Punkte fehlen, könnte es bald ganz anders aussehen.

Lassen wir uns überraschen, wer frohe Weihnachten feiern kann.

Mit Tempo an den Bayern vorbei

Die Fußball-Bundesliga befindet sich in einer Art „Glücksrausch“. Endlich ist es so weit, die Alleinherrschaft des FC Bayern München ist beendet. Der „Glücksrausch“ wird aber auch befeuert, weil sich Dortmund und die Bayern beim 3:2 des Tabellenführers ein hochklassiges Spitzenspiel geliefert haben, das via Fernsehen beste Werbung für die Bundesliga in rund 200 Ländern rund um den Globus war. Der „Glücksrausch“ wird aber auch befeuert, weil Dortmunds Verfolger Mönchengladbach, Leipzig und Frankfurt einen attraktiven Tempo-Fußball spielen und die Hoffnung keimen lassen, dass es nach einem sechs Jahre langen Alleingang der Bayern an der Spitze nun kein Solo der Dortmunder geben wird. Die Bayern schauen von Rang fünf zu und müssen konstatieren, dass die Konkurrenz mit Tempo an ihnen vorbei gezogen ist.

Im Hinblick auf die Bundesliga und die Bayern ist jetzt von Machtwechsel und Umbruch die Rede. Schlagwörter für Gegenwart und Zukunft. Selbst die Dortmunder wehren ab, dass dies schon ein Machtwechsel sein kann. Noch ist die Meisterschaft in weiter Ferne, vielleicht schnaufen die Bayern vor dem nächsten Großangriff nur ein wenig durch. Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat die Richtung schon vorgegeben: „Wir müssen nicht in jedem Jahr Meister werden“ und „wir werden im Sommer das Mannschaftsgesicht ziemlich verändern“. Da schwingt die Erkenntnis mit, dass man in diesem Jahr mit dem Verzicht auf größere Verpflichtungen wohl falsch lag. Pflichtgemäß will man den Kampf um den Titel natürlich nicht aufgeben, auf der Bayern-Homepage heißt es „Die Jagd hat begonnen“ und Hoffnung gibt es: Nach elf Spieltagen ungeschlagen waren die Dortmunder zuletzt in der Saison 2002/03, Meister wurde am Ende – Bayern München.

Das Zauberwort in der Bundesliga heißt derzeit aber „Tempo“. Ein Zauber, der an den Bayern vorbei ging, Ihr Kredo Ballbesitz ist veraltet. Die Bayern feierten eine Halbzeit lang in Dortmund zwar eine Wiederauferstehung, zeigten einen Kampfgeist wie noch nie in dieser Saison und bewiesen, ganz abschreiben sollte man sie nicht. Und dennoch gab es Szenen, die einen Machtwechsel ebenso deutlich machen wie den notwendigen Umbruch. Zum Beispiel als Franck Ribery vor dem entscheidenden 3:2 den Ball in der gegnerischen Hälfte verlor und dem schnellen Sancho nicht folgen konnte. Die Bayern hielten an Robben, Ribery und auch Martinez fest, jetzt haben sie den Salat bzw. das fehlende Tempo. Die Hoffnungsträger sind verletzt, die Franzosen Coman und Tolisso nämlich. Sie stehen für Höchstgeschwindigkeit.

Die Bayern müssen sich aber auch fragen, ob ihre Scoutingabteilung nicht einiges verschlafen hat. Stürmer wie Sancho und Alcacer in Dortmund, Plea in Gladbach, Nelson in Hoffenheim oder gar das Frankfurter Duo Jovic und Rebic sorgen für Tempo und Aufmerksamkeit. Warum landete keiner von ihnen in München? Gerade Pokalsieger Eintracht Frankfurt wurde zu Saisonbeginn unterschätzt, als es beim Wechsel von Trainer Niko Kovac zu Adi Hütter kriselte. Doch inzwischen hat der Österreicher die Eintracht in Schwung gebracht, Kovac die Bayern dagegen nicht. Haben die Bayern den falschen Trainer? Coach Dieter Hecking und Manager Max Eberl haben in Gladbach nach einer enttäuschenden Saison die richtigen Schlüsse gezogen und an den richtigen Stellschrauben gedreht, Gladbach spielte sich mit Tempo an die Spitze, da schnaufen die Bayern wie eine Dampflok hinterher. Es gibt aber zwei Hoffnungen: Die Bayern-Stars haben endlich erkannt, dass es nur mit vermehrten Einsatz und Mannschaftsgeist geht. Und: Die Bayern haben ihre Krise mit Verletzungen schon hinter sich, die Konkurrenz blieb bisher weitgehend davon verschont. Außerdem müssen die anderen erst noch eine gewisse Konstanz beweisen. Die Jagd könnte sogar erfolgreich sein, ausgeschlossen ist das nicht.

Die Bundesliga insgesamt aber im „Glücksrausch“, sie wehrt sich erfolgreich gegen Langeweile, auch am Tabellenende. Dort gab es einen „Aufstand“ der Schlusslichter, und urplötzlich sind auch Mannschaften, die man eigentlich oben sucht, unten dabei, nämlich Bayer Leverkusen und der vorjährige Vizemeister Schalke 04. Da ist Spannung garantiert.

Auch Jogi Löw braucht Tempo, Tempo

Die Bundesliga muss ihren „Glücksrausch“ ein bisschen konservieren, denn es steht erst mal wieder einmal eine Länderspielpause an. Und was die deutsche Nationalmannschaft betrifft, da kann von einem „Glücksrausch“ keine Rede sein. Bundestrainer Joachim Löw und seine Mannen stehen nämlich sogar vor einem Abstieg aus der Liga A der neuen Nations League. Deutschland braucht die Schützenhilfe von Frankreich gegen die Niederlande und am Montag, 19. November, zudem einen Sieg gegen den Kontrahenten. In Amsterdam hat Deutschland bekanntlich 0:3 verloren, ein Tiefpunkt. Ein Sieg muss in Gelsenkirchen auch deshalb her, um für die nächste EM-Qualifikation als Gruppenkopf gesetzt zu sein und schweren Gegnern aus dem Weg zu gehen.

Auch Bundestrainer Jogi Löw muss mit der Zeit gehen und seinem Team eins verpassen: Tempo, Tempo. Da heißt es möglicherweise Abschied nehmen von verdienten Spielern, denn für Tempo stehen zum Beispiel Toni Kroos und Thomas Müller nicht. Tempo garantieren dagegen der gerade überragende Marco Reus, Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sane. Erfolg garantieren sie damit freilich noch nicht, könnte auch sein, dass Deutschland nach der WM-Pleite allzu schnell schon die nächste Pleite erlebt.

Der Sturm im Eishockey hinterlässt nur Gutes

In der Natur verbreiten Stürme Angst und Schrecken, sie hinterlassen immer mehr nur Verwüstung. Im deutschen Eishockey hat der Sturm dagegen einen guten Ruf. Marco Sturm wohlgemerkt, 40-Jähriger Bundestrainer, der jetzt den Deutschen Eishockey-Bund und die Nationalmannschaft in Richtung National Hockey League (NHL) verlässt. Aus dem Bundestrainer wird ein Co-Trainer bei den Los Angeles Kings, für die er 2010/11 schon einmal spielte. Eine Aufgabe, die für ihn Sprungbrett auf dem Weg zum NHL-Cheftrainer sein soll. Der DEB will und kann ihm keine Steine in den Weg legen. Aber anders als Stürme in der Natur hinterlässt Marco Sturm für das deutsche Eishockey nur Gutes.

Der Dingolfinger und Ehrenbürger seiner Geburtsstadt geht als „Silberschmied“ in die Eishockey-Geschichte ein, weil er die DEB-Auswahl im Februar bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea zum sensationellen Gewinn der Silbermedaille führte. Da profitierten er und der Verband davon, dass die NHL-Stars bei Olympia nicht mitmachen durften. Sturm und sein Team nutzten die Gunst der Stunde und sorgten so dafür, dass Eishockey in Deutschland seinen Ruf verbesserte und vermehrt Kinder auch wieder Schlittschuhe anziehen wollen. In einem Verband, der früher eher mit Streit für Aufmerksamkeit sorgte, hinterlässt Marco Sturm also eine große Lücke. Der ewig lächelnde, freundliche und sympathische Niederbayer passte auch gar nicht zu den grantigen und selbstverliebten Funktionären um Präsident Franz Reindl.

Der DEB-Präsident, der jahrzehntelang als Sportdirektor dem deutschen Eishockey keine Impulse geben konnte, ist nach seinem Glücksgriff Sturm also wieder gefordert. Vor Marco Sturm war die Nationalmannschaft für viele Spieler eher ein notwendiges Übel als ein Aushängeschild, es hagelte bei den Nominierungen jeweils Absagen und bei Weltmeisterschaften stand nie die wirklich stärkste Mannschaft auf dem Eis. Bei Marco Sturm kamen die deutschen Stars wieder gerne, sie glaubten an eine gute Zukunft und wollten beim Aufschwung dabei sein. Jetzt aber droht wieder ein Abschwung, bei dem wieder niemand dabei sein will… Gefordert ist der Präsident, der vielleicht vor allem angesichts dieser Herausforderung eher auf den Posten des Weltpräsidenten schielt, den der Schweizer Rene Fasel in Bälde abgeben wird. Franz Reindl hat es schon immer verstanden, Mängel in seiner Arbeit durch gute Kontakte zu den für ihn wichtigen Personen zu überdecken.

Marco Sturm, der 1006 Spiele in der NHL absolvierte, aber nur 41 Länderspiele für Deutschland, weil er eben lange in Übersee lebte (allein von 1997 bis 2005 spielte er bei den San Jose Sharks, war Leistungsträger und Publikumsliebling), verabschiedet sich am Wochenende beim Deutschland-Cup in Krefeld. Erst vor einem Jahr ist er mit seiner Familie von Florida (wo er zuletzt spielte) nach Niederbayern umgezogen, aber Sohn und Tochter sind nicht richtig heimisch geworden. Da kommt ein Umzug nach Kalifornien wie gerufen. Kings-Cheftrainer Willie Desjardins ist ein alter Wegbegleiter des Deutschen. Mal sehen, ob Marco jetzt auch die NHL im Sturm erobert.

Für seine Nachfolge in Deutschland werden einige Namen gehandelt, doch ob die Wunschkandidaten zur Verfügung stehen, ist eine andere Frage. So wird es für die Weltmeisterschaft im Mai 2019 in der Slowakei wohl eine Interimslösung geben, sich also ein Vereinstrainer dem Nationalteam annehmen. Favorit für die Zukunft könnte der ehemalige Stanley-Cup-Sieger Uwe Krupp sein, der schon einmal erfolgreich als Nationaltrainer gearbeitet hat und derzeit bei Sparta Prag glänzt. Pavel Gross (Mannheim) oder Harold Kreis (Düsseldorf) sind Kandidaten als Helfer im Mai. Eine Lösung für die Zukunft sind sie wohl eher nicht. Menschenfänger wie Marco Sturm sind sie alle nicht.

Duell Dortmund – Bayern: Es geht um alles!

In der Fußball-Bundesliga sind erst zehn von 34 Spieltagen absolviert, doch das Gipfeltreffen Borussia Dortmund – Bayern München am Samstag (18.30 Uhr) hat bereits den Charakter eines Endspiels. Es geht um alles – vor allem natürlich für den FC Bayern, der als Titelverteidiger dem Rivalen aus dem Ruhrpott hinterher hechelt und am vergangenen Wochenende mit dem 1:1 gegen Freiburg nicht nur Boden verloren hat, sondern auch den Rückkehr der Krise verkraften muss. In Dortmund sieht es ganz anders aus, quasi das Gegenteil ist der Fall: In 15 Pflichtspielen ist die Borussia unter dem neuen Trainer Lucien Favre noch ungeschlagen, Höhenflug statt Krise also. Gewinnt Dortmund, kann es den Vorsprung auf sieben Punkte ausbauen!

Rückblende: In den letzten sieben Jahren waren die Bayern nach dem 10. Spieltag jeweils Tabellenführer! Schlechter sah es nur in der Saison 2010/11 aus, mit Platz 7 und 10 Punkten Rückstand auf Borussia Dortmund. Trainer war damals Louis van Gaal. Am 11. Spieltag gab es ein 3:3 in Gladbach, mit dem Abrutschen auf Platz 9 und12 Punkte Rückstand auf Dortmund.

Früher hieß es bei dem Star-Ensemble der Münchner, diese Mannschaft könnte auch der Platzwart trainieren. Man sah zuletzt, dies gilt nicht mehr. Niko Kovac hat sein „Meisterstück“ mit dem Pokalsieg mit Eintracht Frankfurt (gegen die Bayern!) gemacht und sich damit empfohlen. Mit der Ansammlung der Stars hat er aber offensichtlich seine Probleme. Verloren gegangen ist der spielerische Glanz, mit dem die Bayern einst unter Pep Guardiola beeindruckten, weggeblasen ist das Selbstbewusstsein, das „mia san mia“, das noch unter Jupp Heynckes zum Titelgewinn führte. Abgelöst wurde es von Unsicherheit und Unzufriedenheit, „Markenzeichen“ heute sind schlampige Pässe, Fehler in der Abwehr und mangelnde Chancenverwertung. Klingt eigentlich nach den Sorgen eines Absteigers.

Bezeichnend: Nationaltorhüter Manuel Neuer bekommt kaum einen Ball zu fassen, von den letzten zehn Schüssen waren acht im Netz. Torjäger Robert Lewandowski ging die Selbstverständlichkeit verloren, bei einer entscheidenden Szene vor dem Freiburger Tor musste er nachdenken, ob er den linken oder rechten Fuß nimmt – Chance vorbei. Wenn ein Torjäger nachdenkt, trifft er nicht. Die Versetzung von Joshua Kimmich als Thiago-Ersatz (im Pokalspiel verletzt) ins Mittelfeld erwies sich als Flop, Kimmich produzierte fast nur Fehlpässe, aber Kovac reagierte nicht. Ein Problem ist auch, dass Sportdirektor Hasan Salihamidzic keine Führungsstärke zeigt, um dem Trainer zur Seite zu stehen, die Spieler an die Kandare zu nehmen. Vier Heimspiele in Folge konnten die Bayern jetzt nicht gewinnen, wenn das keine Krise ist. Das lässt auch nichts Gutes erahnen für das Champions-League-Spiel am Mittwoch gegen AEK Athen, obwohl die Bayern das Hinspiel mit 2:0 gewannen. Auswärts sind sie auch in der Bundesliga noch das stärkste Team. Ein Hoffnungsschimmer für Dortmund?

Eins ist sicher: In Dortmund geht es um alles. Es folgt die Länderspielpause und damit Zeit für die Verantwortlichen, sich nach einem Nachfolger für Niko Kovac umzusehen, der die Mannschaft wieder in die Erfolgsspur bringt (Jupp Heynckes wird es wohl kaum sein!). Nur ein Sieg rettet wohl den Coach. Er muss seinem Team endlich seine Handschrift verpassen, er muss taktisch zeigen, dass er der Aufgabe gewachsen ist. Dortmund hat in dieser Woche auch die Leichtigkeit verloren, aber der Tabellenführer machte das, was bisher die Bayern auszeichnete und zum Erfolg führte: Schlechte Spiele dennoch gewinnen.

Von Siegen träumen auch andere Teams, am Tabellenende drohen die Schlusslichter Stuttgart und Düsseldorf (die kurioserweise beide 0:3 verloren und gleichauf blieben) und Hannover (mit sechs Punkten einen Zähler mehr) den Anschluss nach oben zu verlieren. Die Saison ist zwar noch lang, aber sie wird besonders schwer, wenn der Rückstand zu groß wird. Insofern stehen da auch zwei „Endspiele“ an, nämlich Nürnberg gegen Stuttgart und Hannover gegen Wolfsburg, Für Düsseldorf könnten die Punkte gegen Hertha BSC besonders hoch hängen.

Hirngespinst „Super League

Geht es auch für die Bundesliga um alles? In den letzten Tagen geisterte wieder einmal das Hirngespinst einer europäischen „Super League“ durch die Medien. Offensichtlich arbeitet vor allem Real Madrids Vereinsboss Perez an der Umsetzung einer alten Idee der Spitzenklubs, die immer wieder aufmucken, weil sie sich mit dem „Fußvolk“ der nicht ganz so großen Vereine nicht abgeben wollen. Doch der Drang nach der große Kasse wurde bisher immer von der Vernunft und der Realität gebremst und so wird es auch diesmal wieder sein. Allein die gesamte Organisation würde in Unordnung geraten, die Pläne-Schmieder konnten nicht beantworten, was zum Beispiel mit den Nationalspielern passiert, wenn sie die Verbände verlassen wollen. Eine eigene Luxus-Liga gerät schnell an ihre Grenzen.

Und so wird es auch für die Bundesliga nicht um alles gehen, auch wenn Beteuerungen aus Dortmund und München, die nationale Liga nicht verlassen zu wollen, keineswegs eine Garantie für die Zukunft sind. Die Super League könnte nur an die Stelle der Champions League treten, wäre aber auf Dauer selbst bei großer Gewinn-Marge am Ende sportlich und gesellschaftlich eher ein Verlustgeschäft.

Dem Fußball würde es mehr helfen, wenn sich auch die geldgierigen Vereinsbosse damit beschäftigen würden, Korruption und unlautere Geschäfte zu ahnden bzw. zu verbannen. Was rund um FIFA-Präsident Infantino erneut an die Öffentlichkeit kam, lässt nur einen Schluss zu: Beim Weltverband wurde unter dem neuen Präsidenten alles nur noch korrupter und schlechter. Eine Tatsache, die nach der Ära Josef Blatter eigentlich als undenkbar schien. Aber das wurde hier schon oft angeprangert.

Krieg der Fans: Wem gehört der Fußball?

Die 2. DFB-Pokalrunde im Fußball unter der Woche brachte Spannung und sportliche Highlights, wurde aber überschattet von Pyro-Orgie, Ausschreitungen und Massenschlägereien, der sogenannten Fans, die eigentlich nur Chaoten sind. Die Situation in den Fußball-Stadien Deutschlands hat sich verschärft, die Fans führen einen Krieg, den sie am ersten Bundesliga-Spieltag bereits angekündigt haben: „DFB & DFL: Ihr werdet von uns hören“ hieß es auf einem Spruchband. Verhandlungsbemühungen waren gescheitert, weil die Fan-Gruppierungen keinen Kompromiss eingehen und nicht auf Pyro verzichten wollten. Das Entgegenkommen des Verbandes, auf kollektive Strafen zu verzichten, war nicht ausreichend. Jetzt hat der Fußball den Salat bzw. die Gewalt.

Dabei steht die Frage im Vordergrund: Wem gehört denn der Fußball? Die Fan-Gruppen der Ultras gehen offensichtlich davon aus, dass ihnen der Fußball gehört. Ein Teil geht ins Stadion, um Spaß zu haben. Sie beeindrucken teilweise mit einer ideenreichen Choreografie, feiern andererseits ihr eigenes Fest auf den Tribünen, der Fußball ist hier Mittel zum Zweck. Wenn unten auf dem Rasen nichts los wäre, würde es auch auf der Tribüne keinen Spaß machen. Sie sind aber keine Vereinsanhänger, die ihre Mannschaft bedingungslos unterstützen und den Sport in den Vordergrund stellen. Missmutig werden sie dennoch bei fehlendem Erfolg. Das mussten in den letzten Jahren viele Vereine erfahren.

Viele Vereins- und Verbandsfunktionäre benehmen sich allerdings so, als wollten sie deutlich machen, der Fußball gehört uns, wir bestimmen, was im Fußball passiert. Dabei überziehen sie manchmal, vor allem die Gier nach Geld ließ die Kluft zu den – sagen wir mal – „harten Fans“ immer größer werden. Das Ziel, immer mehr zu kassieren, vor allem über Fernsehgelder, dafür aber eine Zerstückelung der Spieltage in Kauf zu nehmen, geht an den Interessen der Ultras vorbei.

Der Fußball aber gehört in Wirklichkeit jedem von uns, der Spaß daran findet. Der Fußball sollte zumindest den Kindern gehören, die Freude am Kicken haben, sollten den Familien gehören, die (zumindest früher mal) einen Familienausflug auf den Sportplatz gemacht haben, weil der Vater oder der Filius gespielt hat. Im Profisport sollten Spieler, Vereine, Zuschauer eigentlich eine Einheit bilden, weil Fußball einfach Spaß macht.

Diese Sicht der Dinge ist den Ultras, die von Hooligans unterwandert werden, vollkommen egal. Sie haben ihre Weltanschauung und von der weichen sie nicht ab. Gewalt wird als Teil der „Show“ gesehen und die Polizei wurde zum Gegner, weil die Gesetzeshüter eben verpflichtet sind, Gewalt zu unterbinden. Die Ultras und Hooligans ignorieren geflissentlich, dass auch Außenstehende zu Schaden kommen und unter den ausufernden Gewaltorgien leiden. Strafrechtliche Beleidigungen über Plakate machen ihnen Freude. Dass sie hier Grenzen überschreiten, ist ihnen egal, sie meinen, sie könnten ihre eigenen Grenzen setzen und die Öffentlichkeit (sprich in diesem Fall Vereine und Verbände) müssten dies akzeptieren.

Bei dieser Denkweise ist es natürlich klar, dass eine vernünftige Regelung, dass ein Kompromiss kaum zu finden ist. Es bleibt Verbänden, Vereinen und der Polizei nichts anderes übrig, als nach dem Gesetz vorzugehen und alles zu tun, um Gewalt zu unterbinden. Hertha BSC als Leidtragender der Krawalle der Ultras in Dortmund (siehe nachfolgender Kommentar) hat bereits reagiert und bis auf Weiteres Spruchbänder und Fahnen verboten. Die Stadionkontrollen müssen intensiver durchgeführt werden, damit Feuerwerke und Pyro nicht mehr in die Stadien geschmuggelt werden können. Es muss außerdem alles unternommen werden, um Täter zu identifizieren und zu verurteilen. Erst wenn die Ultras die Härte des Gesetzes kennenlernen, wenn ihnen deutlich wird, dass sie sich selbst und ihrer Zukunft Schaden zufügen, könnten sie zur Vernunft kommen. Wenn überhaupt.

Der Fußball (es geht nicht um die Bundesliga allein) muss jedenfalls alles tun, um den guten Ruf zu wahren bzw. wiederherzustellen. In England ist dies ja auch gelungen, da drohten vor einigen Jahren Hooligans den Fußball mit Gewalt zu unterdrücken, angeblich wurden pro Saison rund 4000 Hooligans verhaftet. Heute geht es wieder gesitteter zu, wozu auch beigetragen hat, dass es nur noch Sitzplätze in den Stadien gibt. Das könnte auch ein Mittel in der Bundesliga sein. Die Ultras würden vielleicht ihre Lust verlieren, dass die Stimmung leidet, muss man in Kauf nehmen. Es kann doch nicht sein, dass einige Gewalttäter Millionen Fußball-Fans den Spaß am Sport vermiesen.

In der Bundesliga gibt es ein Tempolimit

Tempo, Tempo – das war an den ersten Spieltagen das Motto der erfolgreichen Mannschaften in der Fußball-Bundesliga. Doch jetzt mussten Teams wie Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach und mit Abstrichen auch Werder Bremen, Hertha BSC Berlin und Eintracht Frankfurt feststellen, dass es in der Bundesliga ein Tempolimit gibt. Alle sahen das Stoppzeichen, von den ersten sieben Klubs gewann am Wochenende nur der FC Bayern München!

Es war die Auffälligkeit am 9. Spieltag, dass die Mannschaften mit dem Markenzeichen Tempo-Fußball oder schnelles Umschaltspiel erste Rückschläge hinnehmen mussten. Die Bäume wachsen halt nicht in den Himmel, die Konkurrenz hat nach Gegenmitteln gesucht und so mussten einige den Fuß vom Gas nehmen. Andererseits zeigten andere zudem, dass man auch mit nüchternem, sicherem Fußball zum Ziel kommen kann, so zum Beispiel Bayern München und der FC Augsburg. Aber zugegeben, der Tempo-Fußball ist schöner anzuschauen, doch am Ende zählen (vor allem für die Trainer und ihren Arbeitsplatz) nur die Ergebnisse und die Punkte.

Apropos Trainer und Arbeitsplatz, vor einem Jahr lag am 9. Spieltag Borussia Dortmund ebenfalls an der Spitze, begeisterte mit Tempo-Fußball, sah sich aber mit den Bayern mit jeweils 20 Punkten gleichauf. Jupp Heynckes saß beim 1:0-Sieg in Hamburg erstmals wieder auf der Bayern-Bank. Der Abstieg der Dortmunder (mit der Entlassung von Trainer Peter Bosz) und der Durchmarsch der Münchner begann. Ähnliches ist allerdings in diesem Jahr nicht zu erwarten. Rückschläge wird es für die jungen Dortmunder zwar geben (Borussia-Boss Watzke: „Wir sind noch zu grün“), aber einen so gravierenden Einbruch kaum. Auf der anderen Seite machen die Bayern nicht den Eindruck einer Übermannschaft. Sie erarbeiten sich derzeit Siege und Punkte, die Leichtigkeit fehlt. Im Blickpunkt bereits das große Duell am 10. November in Dortmund.

Trainer und Arbeitsplatz – der von Heiko Herrlich in Leverkusen dürfte vorerst gefestigt sein, Bayer feierte mit dem 6:2 in Bremen eine Art Wiederauferstehung, allerdings war Werder gnädig und half ein wenig mit. Aber die Konstanz geht allen Himmelsstürmern ein bisschen ab, das zeigte sich beim 1:3 von Gladbach in Freiburg ebenso wie beim 1:1 von Frankfurt in Nürnberg. Der Aufsteiger hätte gern alle drei Punkte mitgenommen, um Abstand nach unten zu wahren. Das Schlusslicht teilen sich kurioserweise zwei Mannschaften, die punkt-und torgleich gleich schlecht sind – Fortuna Düsseldorf und der VfB Stuttgart mit nur fünf Punkten und je 6:21 Toren. Mehr Gegentreffer musste sonst niemand hinnehmen. Bei Stuttgart hat der Trainerwechsel nicht gefruchtet, in Düsseldorf ist davon keine Rede – vorerst noch.

Heldt kennt die Regeln nicht

Wie könnte es anders sein, rund um die Spiele gab es wieder vielfach Diskussionen um den Videobeweis. Die Schwäche: Eine Einheitlichkeit war nicht zu erkennen, manchmal waren die Leute im Kölner Keller einfach zu voreilig. Manchmal blamierten sich aber auch die Eiferer in den Vereinen, so wie Hannovers Manager Horst Heldt. Von einem Sportdirektor sollte man meinen, dass er die Regeln kennt, auch wenn sie manchmal etwas hart zuungunsten des eigenen Vereins ausgelegt werden. Dass Schiedsrichter Dr. Kampka das Handspiel von Haraguchi nach Hinweis des Video-Assistenten und TV-Bildern auch als solches wertete, war regelgerecht. Natürlich bekam der Japaner aus kurzer Distanz den Ball an den Arm, dieser war aber ausgestreckt und deshalb war es Hand. Heldt moserte süffisant, dass Haraguchi den Arm schlecht in der Kabine lassen könne. Auffällig ist aber, dass eben wegen dieser Regel viele Abwehrspieler mit auf den Rücken verschränkten Armen sich einem Gegenspieler beim Schussversuch entgegenstellen. Heldt schoss einmal mehr über das Ziel hinaus und disqualifizierte sich als angeblich guter Manager.

Auf Europas Bühnen herrscht unter der Woche Pause, dafür darf der DFB-Pokal wieder in den Mittelpunkt rücken. Der Wettbewerb, der bei manchen Klubs als schnellste Möglichkeit auf dem Weg zu einem Titel angesehen wird, der Wettbewerb, in dem der eine oder andere Trainer, wenn er sein Team im Vorteil sieht, sonstigen Ersatzspielern einen Einsatz schenkt. Das Motto „Klein gegen Groß“ bleibt auch bestehen, vor allem im Duell SV Rödinghausen (Regionalliga) gegen Bayern München. Da zeigte sogar die ARD ein Interesse für eine Live-Übertragung am Dienstag im Fernsehen, was vielen sauer aufstieß („Immer die Bayern“). Spektakulärer sicherlich am Mittwoch (auch in der ARD) die Partie RB Leipzig – TSG Hoffenheim, wenn Trainer Julian Nagelsmann mit seinem aktuellen auf seinen künftigen Verein trifft. Eine seltene Konstellation, dass diese Fakten schon feststehen. Nagelsmann kann also auf keinen Fall verlieren, eine glückliche Situation für einen Trainer.

Chaoten wollen den Krieg

Der deutsche Fußball musste am Wochenende wieder einmal mit schlimmen Begleiterscheinungen von Seiten der Fan-Chaoten leben. Die wollen gegenüber der DFL, dem DFB und auch der Polizei offensichtlich den Krieg, nachdem alle Bemühungen um eine Verständigung gescheitert sind. Gewalt vor den Stadien und vor allem auf den Rängen kann aber zu einer ernsthaften Bedrohung für den Fußball werden. Den Fußball, den die Ultras angeblich lieben.

In Dortmund randalierten Hertha-Chaoten auf der Tribüne, brannten unter dem Schutz eines riesigen Banners Pyrotechnik ab und lieferten sich dann eine Schlägerei mit der Polizei, als diese aus Sicherheitsgründen das Banner einkassierte, damit man gegen das Abbrennen von Pyros einschreiten kann. Rund 200 Randalierer schlugen mit Stangen auf die Polizisten ein, die sich u. a. mit Pfefferspray wehrte. Es gab etliche Verletzte.

Ein beleidigendes Banner gegenüber einem tödlich verunglückten Polizisten zeigten Chaoten in Rostock. In Worms wiederum brannten bei einem Fan die „Sicherungen“ durch, als im Regionalligaspiel Gast Pirmasens den 1:1-Ausgleich erzielte. Der Zuschauer überwand den Zaun und schlug den Wormser Trainer Peter Tretter, der leicht verletzt wurde.

Es ist eine traurige Tatsache, dass die Gewalt in den Fußballstadien offensichtlich zurückgekehrt ist. Diese einzudämmen bzw. sogar zu verbannen wird eine schwierige Aufgabe für die Verantwortlichen.

Rot träumt, Silber holt Gold

Drei Rennen stehen in der Formel 1 noch auf dem Programm (Mexiko 26.10., Sao Paulo 11.11., Abu Dhabi 26.11.), doch die Spannung ist dahin. Der WM-Titel 2018 ist praktisch vergeben, Lewis Hamilton benötigt gerade noch einen siebten Platz, um die Ernte einzufahren, umgekehrt müsste Sebastian Vettel aber auch alle drei Rennen gewinnen, um seine Chance zu wahren. Wer glaubt daran… Schon ein Sieg von Vettel in Mexiko City wäre ein Wunder, seine Bilanz der letzten drei Rennen: Ausfall, Zeitstrafe, Kollision mit Hamilton und kein Sieg.

Die Saison 2018 hat sich für Ferrari und den Deutschen anders entwickelt, als sie es vorgehabt haben. Dabei ging es gut los und Vettel saß anscheinend im besseren Auto. Doch Ferrari und Vettel blieben sich treu, Fehler auf beiden Seiten. Von einem Vorsprung gegenüber Mercedes konnte in der zweiten Saisonhälfte keine Rede mehr sein und Sebastian Vettel muss anerkennen, dass Lewis Hamilton der bessere Fahrer ist – ein würdiger Weltmeister. Dass Ferrari durchaus gewinnen kann, zeigte ausgerechnet der Finne Kimi Räikkönen, der bekanntlich gehen muss. „Rot“ träumte vom Titel, Vettel hatte wie Hamilton seine fünfte Meisterschaft im Visier, aber anscheinend träumte der Heppenheimer auch auf der Strecke, nur so lassen sich drei Crash in den letzten fünf Rennen erklären. Hamilton behielt die Nerven und so holt jetzt Silber das Gold.

Bei Mercedes wird offensichtlich seriöser und beständiger gearbeitet als bei Ferrari, wo eher mal Luftschlösser gebaut werden. Das Ungestüme der Italiener färbt wohl auch auf Vettel ab, der in den Zweikämpfen gern das Risiko sucht und oftmals der Leidtragende ist, wenn der Gegner nicht – wie von Vettel erwartet – zurückzieht. Vettel kann bei Hamilton eine Lehrstunde nehmen, der blieb vernünftiger und nahm da und dort eine Niederlage im direkten Duell mit einem Konkurrenten hin – um am Ende eben zu gewinnen. Sein Rat für den Deutschen: „Es ist manchmal besser, nicht das Risiko zu suchen.“ So wird man dann Weltmeister.

Sebastian Vettel hat eine Chance vergeben, für die nächste Saison kann er noch einmal träumen, aber er sollte aufmerksam verfolgen, was sein englischer Kontrahent von sich gibt. Lewis Hamilton glaubt nämlich „ich habe das Beste noch vor mir“ und auch der bald fünfmalige Weltmeister, der damit mit der Legende Juan Fangio gleichziehen kann, hat Träume: „Mein großes Ziel sind acht Titel.“ Er möchte den bisherigen Rekordweltmeister Michael Schumacher (sieben Titel) entthronen. Wer kann ihm den Rekord verwehren? Ein Vettel, der ruhiger und vernünftiger wird, oder vielleicht das ebenfalls noch ungestüme Talent Max Verstappen mit Red Bull? Ein Trost für die Formel-1-Fans, dass ein bisschen Spannung schon noch erhalten bleibt, trotz der Dominanz von Mercedes und Hamilton.

Träumen werden auch die Rennsportfans in Deutschland und von Ferrari, dass nämlich die Legende Schumacher wieder auflebt. Wie es dem bei einem Skiunfall schwer verunglückten Rekord-Weltmeister geht, bleibt im Geheimen, aber Sohn Mick hat sich aufgemacht, in die großen Fußstapfen des Vaters zu treten. Der 19-Jährige holte sich die Meisterschaft der Formel 3, was als Sprungbrett in die Formel 1 gilt. Die sogenannte Superlizenz für die Königsklasse hat er mit seinem Erfolg schon in der Tasche. Jetzt fragt sich jeder, wer hat bald Mick in der Tasche? Ferrari träumt, dass der Name Schumacher wieder auf der Siegerliste der Roten stehen könnte. Mercedes will sich hier nicht mit Silber (sprich Zweiter zufrieden geben), sondern arbeitet daran, dass es für Mick eine silberne Ära geben könnte. Auch bei Mercedes träumt man ja ein bisschen, nämlich von einem deutschen Fahrer im deutschen Auto. Mit Michael Schumacher klappte es nicht mehr, Nico Rosberg war die Ausnahme.

Die Formel 1 ist aber kein Traumland, sondern harte Arbeit ist gefragt. Arbeit und Talent, aber auch die entsprechende Vernunft und manchmal eben auch Zurückhaltung. Nicht nur Mick Schumacher muss noch lernen, sondern auch der 31 Jahre alte vierfache Weltmeister Sebastian Vettel.

Warum haben die Bayern-Bosse die Nerven verloren?

Die bizarre Pressekonferenz des FC Bayern München am Freitag mit den Bossen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge sowie Sportdirektor Hasan Salihamidzic hat weltweit in der Sportwelt für Aufsehen gesorgt. Noch nie haben wohl Führungskräfte in einer konzertierten Aktion derart vor allem gegen die Medien vom Leder gezogen. Sie finden die Berichterstattung über die Bayern und seine Spieler „respektlos“, „polemisch“ und „herabwürdigend“. Das Ergebnis war, dass sie sich dabei selbst der Lächerlichkeit preisgegeben haben, zumal ja Präsident Uli Hoeneß als „Abteilung Attacke“ bekannt ist und in seinen Äußerungen vielfach schon über das Ziel hinausgeschossen ist. Da gilt das Grundgesetz, das Rummenigge jetzt zitierte („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) auch nicht. Warum aber haben die Bayern-Bosse die Nerven verloren?

Es sollte wohl eine Art Befreiungsschlag nach einem sportlichen Tief (noch keine Krise) sein, nach vier Spielen ohne Sieg und nur Platz sechs in der Bundesliga. Trainer Niko Kovac haben sie dabei seltsamerweise aber nicht gestützt. Ein Ablenkungsmanöver für die internen Probleme? Da ist nämlich die Unzufriedenheit der Stars, wenn Nationalspieler nicht zum Einsatz kommen und auf der Bank sitzen. Das war aber schon zu Saisonbeginn klar, wenn nicht eine große Verletzungswelle den Kader dezimiert. Oder ist es die Unfähigkeit, den „Maulwurf“ zu enttarnen, der Internas aus der Mannschaftskabine an die Presse (bevorzugt Bild) ausplaudert. Gerade die Springer-Presse haben die Bayern-Bosse explizit an den Pranger gestellt. Gute Nachrichten über die Bayern werden dort künftig Seltenheitswert haben, Geheimnisse wird es bei den Bayern aber auch nicht mehr geben, es sei denn, das Informations-Leck kann geschlossen werden. Andererseits sind die Bayern für die Springer-Presse im Sport das besondere Verkaufsargument, bei Sport-Bild sind Bayern-Themen gefühlt bei 70 Prozent der Hefte der Aufmacher.

Seltsam, dass gestandene Funktionäre, die sich bei Erfolgen ja auch gerne im Licht der Öffentlichkeit zeigen, bei Kritik, die, das sei den Bayern zugestanden, durchaus über das normale Ziel hinausschießt, so schnell die Nerven verlieren. Das hätten sie eher intern regeln sollen, so wie mit Unterlassungserklärungen, die wohl unterwegs sind. Es ist das Problem mit den modernen Medien, vor allem mit dem Boulevard, dass erstens nichts mehr geheim bleibt und dass zweitens alles aufgebauscht und übertrieben dargestellt wird. Da können vor allem die Königshäuser in Europa ein Lied davon singen, denn die bunten Blätter auf der ganzen Welt leben ja von Spekulationen und teils erfundenen Geschichten über die Royals. Auch die wehren sich inzwischen zum Teil vor Gericht, allerdings moderater. Die große Bühne hätten die Bayern-Bosse auch nicht suchen sollen.

Es passte allerdings wie die Faust aufs Auge, dass sich die Bild am Sonntag an diesem 8. Spieltag auch blamierte und ein Beispiel lieferte, wie tendenziös im Boulevard berichtet wird. Der FC Augsburg feierte mit einem „Retrospieltag“ sein 111-jähriges Bestehen, der FCA sieht seine Wurzeln beim FC Alemannia Augsburg, der am 20. Oktober 1907 gegründet wurde. Glückliche Fügung, das genau zum Jubiläum am 20. Oktober ein Bundesliga-Spieltag anstand, die Mannschaft spielte in Trikots, die dem Aussehen der Anfänge ähnelten und fuhr sogar mit einem alten Setra-Bus-Oldtimer ins Stadion. So weit zur Feier im ausverkauften Stadion.

Gegner war allerdings ausgerechnet der RB Leipzig, die Mannschaft des Brause-Herstellers, von der FCA-Präsident Klaus Hofmann sagt, der Verein hätte die Zulassung für die Bundesliga gar nicht erhalten dürfen. So wurde es auch ein knallhartes Duell mit dem Rekord von 44 Fouls. Das Spiel hatte am Ende beim 0:0 keinen Sieger. Doch einen Verlierer gab es, eben BamS, denn die Springer-Zeitung hatte nichts Besseres zu berichten, dass Augsburg „ausgerechnet gegen Leipzig“ das „Retrospiel“ angesetzt hatte und fragte „eine Provokation?“.

Die Reporter sollten wissen, dass es Zufall war, der Spielplan wird von der DFL über ein Computerseystem erstellt. Aber wenn man eben von Zoff berichten will, dann wird nicht die ganze Wahrheit erzählt. Aus diesem Grund werden eben manche Medien unglaubwürdig. Vielleicht sorgen auch solche Machenschaften dafür, dass die Auflagen der Zeitungen zurückgehen. Bild verlor im letzten Quartal wieder 11 Prozent seiner Leser, liegt nur noch bei 1,4 Millionen Auflage, hatte einst mehr als doppelt so viel und BamS rutschte auch um 10,5 Prozent auf rund 790.000 ab.

Es passte übrigens ebenfalls wie die Faust aufs Auge, dass ausgerechnet im „Retrospiel“ die moderne Technik über Aufregung sorgte. Einen Elfmeterpfiff für Leipzig nach Schiedsrichter Welz nach langen, vier Minuten langen Diskussionen und Nachforschungen zurück, weil eine Abseitsstellung erkannt wurde. Die Gerechtigkeit siegte, aber die Geduld war bei allen am Ende. Fast wie bei den Bayern-Bossen…

Die Bayern bestimmten das Thema und die Mannschaft sorgte mit dem 3:1-Sieg in Wolfsburg selbst wieder für mehr Ruhe und Nationalspieler Thomas Müller wollte über seine Bankrolle nicht motzen, „wir müssen als Mannschaft auftreten“. Der Sport war insgesamt überhaupt ähnlich beeindruckend wie die Bayern-Pressekonferenz. Frankfurts Serbe Luka Jovic spielte sich mit fünf Toren beim 7:1 gegen Düsseldorf in den Vordergrund, Dortmund und Mönchengladbach begeisterten mit Tempo-Fußball, einen Fußball, den die Bayern derzeit nicht auf den Rasen bringen. Vielleicht lässt auch das die Bayern-Bosse unruhig werden. So hechelt der Titelverteidiger der Konkurrenz weiter hinterher, Dortmund, Gladbach und überraschend Bremen bleiben vor den Münchnern, die dieses Tempo nicht zeigen, aber mit Abgeklärtheit und Kampfgeist gepaart mit ein bisschen Spielwitz (Thiago, James, Lewandowski) wieder in die Spur fanden. So könnten Siege in den nächsten Aufgaben Athen, Mainz und DFB-Pokal endgültig wieder für mehr Ruhe sorgen.

Den richtigen Kontrast zu den Attacken zeigte übrigens der frühere Bayern-Spieler Juan Bernat, der ausgerechnet bei dieser unseligen Pressekonferenz von Uli Hoeneß attackiert wurde („Er hat bei uns einen Scheißdreck gespielt, deshalb musste er gehen.“). Bernat erwiderte, er habe vier schöne Jahre bei den Bayern gehabt. Der kleine Spieler zeigte also Größe, eine Größe, die Hoeneß und Rummenigge nicht gezeigt haben.

Jogi Löw wurde zum Mut gezwungen

Im Fußball greift der Jugendwahn um sich! Nimmt man die letzten Spiele der Nations League, dann sorgten die Teams für Furore, die sich dem Nachwuchs verschrieben haben. Allen voran England, das mit der jüngsten Mannschaft seit 60 Jahren einen Coup in Spanien landete. Jugend forsch hieß es auch bei der deutschen Nationalmannschaft, doch Bundestrainer lenkte nicht aus freien Stücken auf diese Linie um. Nach dem 0:3-Debakel gegen die Niederlande wurde er zum Mut gezwungen und präsentierte die deutschen Talente gegen Frankreich. Sie überzeugte nicht ganz so wie die Engländer, aber selbst die 1:2-Niederlage gegen den Weltmeister wurde in Deutschland wie ein Sieg gefeiert. So ändern sich die Zeiten.

Bundestrainer Joachim Löw nahm nach der Pleite bei der Weltmeisterschaft in Russland Änderungen in der Mannschaft nur sehr zögerlich vor, sein Argument war zum Teil sicherlich stichhaltig („Die haben den Fußball doch nicht verlernt“), aber die Weltmeister von 2014 sind müde geworden, befinden sich in einem Formtief bzw. zeigen einen nicht enden wollenden Abwärtstrend. Löw blieb also gar nichts anderes übrig, als auf die Jungen zu setzen, er konnte nur gewinnen: Bei guter Leistung hätte er alles richtig gemacht, bei schlechter Leistung hätte er seinen Kritikern sagen können, „seht, die Jungen sind noch nicht so gut“. Jetzt sind die Gefühle zwiespältig, Deutschland hat gute Talente, aber andere Nationen sind weiter. Ergo: Die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft ist ungewiss.

Die Begegnung gegen den Weltmeister als Basis: Deutschland hat keinen Griezmann, Deutschland hat keinen Mbappe. Deutschland hat aber auch keinen Rashford wie England oder Raheem Sterling, bei dem mit zwei Treffern gegen Spanien der Knoten geplatzt ist. Englands Sieger-Team hatte ein Durchschnittsalter von 23 Jahren, Löw Jungs kamen diesmal auf rund 25 Jahre im Schnitt (gegenüber 28 gegen die Niederlande). Die Ginter, Süle, vor allem Kimmich (fast schon ein Routinier), Werner, Gnabry, Sane, Kehrer, Draxler und Brandt lassen hoffen, sind aber kein Versprechen auf eine gute Zukunft.

Immerhin hat Bundestrainer Joachim Löw seinen Teil zu einer guten Leistung beigetragen, die taktische Einstellung überraschte den Gegner, das 3-4-3 kann auch das Rezept gegen die Niederlande sein im vielleicht entscheidenden Spiel um den Erhalt der Liga A in der Nations League. Die Formdelle des DFB-Teams kann nämlich gewaltige Ausmaße haben: Absturz in der Weltrangliste, Absturz in de Europarangliste und keine Nominierung als Gruppenkopf bei der Qualifikation zur EM 2020. Die UEFA ging nämlich in ihrem Zwang zur Aufwertung der neuen Nations League so weit, die alte Regelung wegzuwerfen und allein die Platzierung in der Nations League für die Einteilung der Gruppen heranzuziehen. Und da schaut Deutschland schlecht aus, ist momentan gerade mal Zehnter (vor Kroatien und Island). Auch für diese Tabelle wäre ein Sieg gegen die Niederlande am 19. November wichtig, um sich nicht einen dicken Brocken für die EM-Qualifitkation einzuhandeln.

Es könnte sein, dass die Stimmung im DFB dann ganz schnell wieder umschlägt. Wie Beobachter berichten, feierte man im DFB-Lager das 1:2 gegen Frankreich wie einen Sieg, DFB-Präsident Reinhard Grindel hat schon wieder eine rosa Zukunft vor Augen: „Das, was die junge Mannschaft gezeigt hat, darauf kann man aufbauen. Wir können mit Zuversicht auf die kommenden Wochen und Monate schauen.“ Dabei verschloss der DFB-Präsident die Augen vor den Problemen: Torhüter Manuel Neuer ist nicht mehr der schier unüberwindbare Rückhalt, bei den Außenverteidigern fehlt internationale Klasse, einen Spielmacher gibt es nicht mehr und einen Torjäger schon gleich gar nicht. Erschreckend, wie Werner und Sane mit ihren Torchancen umgingen. Ein Sieg wäre möglich gewesen, Tempo und Spielwitz allein reichen nicht.

Sie sind jung, sie müssen noch lernen, noch viel lernen für eine rosa Zukunft.