Warum haben die Bayern-Bosse die Nerven verloren?

von knospepeter

Die bizarre Pressekonferenz des FC Bayern München am Freitag mit den Bossen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge sowie Sportdirektor Hasan Salihamidzic hat weltweit in der Sportwelt für Aufsehen gesorgt. Noch nie haben wohl Führungskräfte in einer konzertierten Aktion derart vor allem gegen die Medien vom Leder gezogen. Sie finden die Berichterstattung über die Bayern und seine Spieler „respektlos“, „polemisch“ und „herabwürdigend“. Das Ergebnis war, dass sie sich dabei selbst der Lächerlichkeit preisgegeben haben, zumal ja Präsident Uli Hoeneß als „Abteilung Attacke“ bekannt ist und in seinen Äußerungen vielfach schon über das Ziel hinausgeschossen ist. Da gilt das Grundgesetz, das Rummenigge jetzt zitierte („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) auch nicht. Warum aber haben die Bayern-Bosse die Nerven verloren?

Es sollte wohl eine Art Befreiungsschlag nach einem sportlichen Tief (noch keine Krise) sein, nach vier Spielen ohne Sieg und nur Platz sechs in der Bundesliga. Trainer Niko Kovac haben sie dabei seltsamerweise aber nicht gestützt. Ein Ablenkungsmanöver für die internen Probleme? Da ist nämlich die Unzufriedenheit der Stars, wenn Nationalspieler nicht zum Einsatz kommen und auf der Bank sitzen. Das war aber schon zu Saisonbeginn klar, wenn nicht eine große Verletzungswelle den Kader dezimiert. Oder ist es die Unfähigkeit, den „Maulwurf“ zu enttarnen, der Internas aus der Mannschaftskabine an die Presse (bevorzugt Bild) ausplaudert. Gerade die Springer-Presse haben die Bayern-Bosse explizit an den Pranger gestellt. Gute Nachrichten über die Bayern werden dort künftig Seltenheitswert haben, Geheimnisse wird es bei den Bayern aber auch nicht mehr geben, es sei denn, das Informations-Leck kann geschlossen werden. Andererseits sind die Bayern für die Springer-Presse im Sport das besondere Verkaufsargument, bei Sport-Bild sind Bayern-Themen gefühlt bei 70 Prozent der Hefte der Aufmacher.

Seltsam, dass gestandene Funktionäre, die sich bei Erfolgen ja auch gerne im Licht der Öffentlichkeit zeigen, bei Kritik, die, das sei den Bayern zugestanden, durchaus über das normale Ziel hinausschießt, so schnell die Nerven verlieren. Das hätten sie eher intern regeln sollen, so wie mit Unterlassungserklärungen, die wohl unterwegs sind. Es ist das Problem mit den modernen Medien, vor allem mit dem Boulevard, dass erstens nichts mehr geheim bleibt und dass zweitens alles aufgebauscht und übertrieben dargestellt wird. Da können vor allem die Königshäuser in Europa ein Lied davon singen, denn die bunten Blätter auf der ganzen Welt leben ja von Spekulationen und teils erfundenen Geschichten über die Royals. Auch die wehren sich inzwischen zum Teil vor Gericht, allerdings moderater. Die große Bühne hätten die Bayern-Bosse auch nicht suchen sollen.

Es passte allerdings wie die Faust aufs Auge, dass sich die Bild am Sonntag an diesem 8. Spieltag auch blamierte und ein Beispiel lieferte, wie tendenziös im Boulevard berichtet wird. Der FC Augsburg feierte mit einem „Retrospieltag“ sein 111-jähriges Bestehen, der FCA sieht seine Wurzeln beim FC Alemannia Augsburg, der am 20. Oktober 1907 gegründet wurde. Glückliche Fügung, das genau zum Jubiläum am 20. Oktober ein Bundesliga-Spieltag anstand, die Mannschaft spielte in Trikots, die dem Aussehen der Anfänge ähnelten und fuhr sogar mit einem alten Setra-Bus-Oldtimer ins Stadion. So weit zur Feier im ausverkauften Stadion.

Gegner war allerdings ausgerechnet der RB Leipzig, die Mannschaft des Brause-Herstellers, von der FCA-Präsident Klaus Hofmann sagt, der Verein hätte die Zulassung für die Bundesliga gar nicht erhalten dürfen. So wurde es auch ein knallhartes Duell mit dem Rekord von 44 Fouls. Das Spiel hatte am Ende beim 0:0 keinen Sieger. Doch einen Verlierer gab es, eben BamS, denn die Springer-Zeitung hatte nichts Besseres zu berichten, dass Augsburg „ausgerechnet gegen Leipzig“ das „Retrospiel“ angesetzt hatte und fragte „eine Provokation?“.

Die Reporter sollten wissen, dass es Zufall war, der Spielplan wird von der DFL über ein Computerseystem erstellt. Aber wenn man eben von Zoff berichten will, dann wird nicht die ganze Wahrheit erzählt. Aus diesem Grund werden eben manche Medien unglaubwürdig. Vielleicht sorgen auch solche Machenschaften dafür, dass die Auflagen der Zeitungen zurückgehen. Bild verlor im letzten Quartal wieder 11 Prozent seiner Leser, liegt nur noch bei 1,4 Millionen Auflage, hatte einst mehr als doppelt so viel und BamS rutschte auch um 10,5 Prozent auf rund 790.000 ab.

Es passte übrigens ebenfalls wie die Faust aufs Auge, dass ausgerechnet im „Retrospiel“ die moderne Technik über Aufregung sorgte. Einen Elfmeterpfiff für Leipzig nach Schiedsrichter Welz nach langen, vier Minuten langen Diskussionen und Nachforschungen zurück, weil eine Abseitsstellung erkannt wurde. Die Gerechtigkeit siegte, aber die Geduld war bei allen am Ende. Fast wie bei den Bayern-Bossen…

Die Bayern bestimmten das Thema und die Mannschaft sorgte mit dem 3:1-Sieg in Wolfsburg selbst wieder für mehr Ruhe und Nationalspieler Thomas Müller wollte über seine Bankrolle nicht motzen, „wir müssen als Mannschaft auftreten“. Der Sport war insgesamt überhaupt ähnlich beeindruckend wie die Bayern-Pressekonferenz. Frankfurts Serbe Luka Jovic spielte sich mit fünf Toren beim 7:1 gegen Düsseldorf in den Vordergrund, Dortmund und Mönchengladbach begeisterten mit Tempo-Fußball, einen Fußball, den die Bayern derzeit nicht auf den Rasen bringen. Vielleicht lässt auch das die Bayern-Bosse unruhig werden. So hechelt der Titelverteidiger der Konkurrenz weiter hinterher, Dortmund, Gladbach und überraschend Bremen bleiben vor den Münchnern, die dieses Tempo nicht zeigen, aber mit Abgeklärtheit und Kampfgeist gepaart mit ein bisschen Spielwitz (Thiago, James, Lewandowski) wieder in die Spur fanden. So könnten Siege in den nächsten Aufgaben Athen, Mainz und DFB-Pokal endgültig wieder für mehr Ruhe sorgen.

Den richtigen Kontrast zu den Attacken zeigte übrigens der frühere Bayern-Spieler Juan Bernat, der ausgerechnet bei dieser unseligen Pressekonferenz von Uli Hoeneß attackiert wurde („Er hat bei uns einen Scheißdreck gespielt, deshalb musste er gehen.“). Bernat erwiderte, er habe vier schöne Jahre bei den Bayern gehabt. Der kleine Spieler zeigte also Größe, eine Größe, die Hoeneß und Rummenigge nicht gezeigt haben.

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