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Tag: Deutschland

Warum Deutschland nicht Fußball-Weltmeister wird

Die Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018 ist fast gelaufen, 23 von 32 Nationen stehen fest. Afrika sucht noch drei Vertreter und einige Play-Offs stehen noch an. Turbulent gingen die letzten Spiele in Amerika und Europa zu Ende, mit Chile und den Niederlanden fehlen in Russland prominente Vertreter, Italien muss noch bangen. Deutschland hat die Qualifikation bekanntlich ungeschlagen mit einem neuen Weltrekord beendet. Ist die DFB-Elf, immerhin auch Erster der Weltrangliste, damit der logische Favorit? Vorsicht! Der Sport-Grantler sagt, warum Deutschland nicht Fußball-Weltmeister wird.

Es wäre ja zu schön, wenn Deutschland erstmals nach Brasilien (1958 und 1962) die erfolgreiche Titelverteidigung gelingen würde. Das Zeug dazu haben die Löw-Schützlinge sicherlich, aber einiges spricht auch dagegen. Wer an schlechte Omen glaubt, hat gute Argumente. Eben, dass eine erfolgreiche Titelverteidigung unwahrscheinlich ist (doch jede Serie geht einmal zu Ende, siehe Real Madrid in der Champions League) und vor allem, dass der Confed-Cup-Sieger danach nie Weltmeister wurde. Da wehrte Bundestrainer Joachim Löw zwar schon im Sommer nach dem überraschenden Cup-Gewinn mit einem B-Team ab, „daran denke ich überhaupt nicht“, aber der Sport hat doch seltsame Gesetzmäßigkeiten.

Realistischer muss man darauf verweisen, dass Jogi Löw zwar eine starke Mannschaft mit einer großen Kaderbreite zur Verfügung hat, aber die überragenden Spieler, die gerade in wichtigen Spielen den Unterschied ausmachen können, die fehlen. Gerade der Titelgewinn 2014 in Brasilien hat gezeigt, dass für den großen Coup alles stimmen, alles zusammenpassen muss und gerade diese glückliche Fügung wird sich vier Jahre später nicht gleich wiederholen. Könnte sein, dass Löw und seine Mannen 2014 das Füllhorn von Glücksgöttin Fortuna bereits geleert haben. Ein Handicap ist auch, dass Deutschland in der Qualifikation kaum gefordert wurde. Zwar stehen in den nächsten Freundschaftsspielen mit England, Brasilien und Spanien starke Gegner parat, aber die Wettkampfhärte kann auch hier nicht geschult werden. Wird die junge Garde den Druck aushalten? Ein Handicap. Alles deutet darauf hin, dass Deutschland eher nicht Weltmeister wird, die Konkurrenten Brasilien und Frankreich sind wohl weiter, mit Spanien und Argentinien (Messi !!!) ist immer zu rechnen.

Natürlich gibt es auch Gründe, warum Deutschland zum Favoritenkreis gehört und deshalb Weltmeister werden kann. Der große Kader ohne deutliche Leistungsunterschiede ist ein Vorteil, weil selbst Verletzungspech kaum für einen Qualitätsverlust sorgt. Dazu hat die DFB-Elf den Vorteil, dass jeder Gegner mit Respekt antritt. Jogi Löw weiß, wie man Titel gewinnt, aber die Turniere vorher und nach 2014 zeigten auch, dass der Bundestrainer gern mal zu taktischen Fehleinschätzungen neigt. Was aber die Anhänger des mystischen Glaubens angeht, da gibt es einen verlockenden Hinweis vom Schicksal: Italien war erster Doppel-Weltmeister genau vor 80 Jahren 1934 und 1938. Das wäre doch ein Jubiläum!

Was wirklich passiert, werden wir vom 14. Juni bis 15. Juli 2018 in Russland sehen. Am 1. Dezember folgt die Auslosung der WM-Gruppen. Was passieren kann, musste vor allem Chile erleben. Der Südamerika-Meister scheiterte u. a. an einem Einspruch! Kurios: Die Chilenen hatten 2016 gegen das 0:0 gegen Bolivien Protest eingelegt, weil der Gegner einen nicht spielberechtigten Spieler eingesetzt hatte. Dem Protest wurde stattgegeben, aber auch Peru profitierte davon, weil dieser Spieler auch in dem Vergleich mitgewirkt hatte. Nur: Peru hatte verloren und bekam gleich drei Punkte geschenkt und landete nun vor Chile auf Platz fünf und bestreitet die Qualifikation mit Neuseeland. Hätte Chile auf den Protest verzichtet, wäre Chile Fünfter geworden! Pech auch für die USA, die mit der 1:2-Niederlage bei Trinidad & Tobago allerdings auch selbstverschuldet ausgeschieden ist. Panama, das den USA die Qualifikation wegschnappte, gewann allerdings durch ein Phantom-Tor. Man sieht, im Fußball kann alles passieren, auch, dass Deutschland Weltmeister wird.

Der Davis-Cup und andere Probleme im Tennis

Die Trophäe ist ein wuchtiger Pokal, der Wettbewerb hatte einst auch eine wuchtige, eine große Bedeutung. Früher gierten die Spieler danach, im geschichts- und prestigeträchtigen Wettbewerb antreten zu können, heute ist er eher zu einem Ärgernis verkommen, zu einer Belastung. Die Rede ist vom Davis-Cup, dem bedeutendsten Mannschaftspokal im Tennis. Im Zeichen des Profi-Tennis sind geldträchtige Turniere für die Spieler allerdings wichtiger, zumal sie um Weltranglistenpunkte kämpfen müssen. Heute heißt es „Davis-Cup? Ach bitte, das muss auch ohne mich gehen“. Der Davis-Cup ist also zum Problem geworden, aber er ist nicht das einzige Problem im deutschen und internationalen Tennis.

Eines hat Tennis mit vielen anderen Sportarten gemeinsam: Die Belastung für die Profis ist einfach zu groß geworden. Ist der Sport publikumswirksam, also attraktiv, dann drängen sich die Veranstalter an die Fleischtöpfe, um auch ein paar Bissen abzukommen. Attraktiv ist ein Turnier allerdings nur, wenn auch Stars präsentiert werden können. Die jetten dann rund um die Welt, bis sie ein Stoppzeichen bekommen – von ihrem Körper. Die Jagd nach Geld und Punkten findet ein jähes Ende. Siehe das letzte Grand-Slam-Turnier, die US Open: Die Liste der fehlenden Stars war größer als die derer, die auf dem Court zu sehen waren. Andy Murray (Großbritannien), Novak Djokovic (Serbien), Stan Wawrinka (Schweiz), Kei Nishikori (Japan) und Milos Raonic (Kanada) fehlten alle. Da war der Weg frei für Rafael Nadal (Spanien), zumal sich Roger Federer (Schweiz) vorzeitig im Viertelfinale verabschiedet hatte. Die beiden teilten sich übrigens in diesem Jahr die große Titel. Nadal siegte in Paris und New York, Federer in Melbourne und Wimbledon. Wobei vor allem der 36jährige Federer ein Beispiel dafür ist, wie man heute mit seinem Körper umgehen muss: Er legt immer wieder Pausen ein, verzichtet auf Turniere, konzentriert sich auf Höhepunkt.

Wenn im Alter (36 Jahre sind im Profi-Sport ein hohes Alter) der Körper nicht mehr so will, ist mehr der Kopf gefragt, die Geldgier weicht der Vernunft. Junge Spieler wollen in erster Linie eins: Nach oben in der Weltrangliste und in der Geldrangliste. Irgendwann rächt sich die strapaziöse Jagd nach Ruhm und Reichtum. Ein Opfer einer solchen Überbeanspruchung wurde auch der Golf-Star Tiger Woods. Der dominierte einst das Golf-Geschehen, aber dann spielten Geist und Körper nicht mehr mit. Die Veranstalter zahlten horrende Summen, weil nur Tiger Woods die große Publicity garantierte. Der Tiger spielte und kassierte bis es nicht mehr ging.

Zurück zum Tennis. Wenn die Stars sowieso schon ihre Turniere reduzieren müssen, dann zeigen sie eigentlich fast logisch dem zusätzlichen Nationenwettbewerb Davis-Cup ihre kalte Schulter. Die deutsche Mannschaft kann ein Lied davon singen, Die Spitzenspieler Alexander und Mischa Zverev sowie Altstar Philipp Kohlschreiber sagten ab. Schonung war angesagt, kein Davis-Cup. Mit der B-Besetzung gelang mit Ach und Krach dennoch der Klassenerhalt der Weltgruppe, Deutschland blieb erstklassig. Eines ist gewiss: Ärger um die Teilnahme gibt es auch in der nächsten Saison.

So muss der Weltverband über seinen Schatten springen. Warum muss der Davis-Cup jedes Jahr ausgespielt werden? Olympische Spiele gibt es ebenso im Vier-Jahres-Rhythmus wie die Fußball-Weltmeisterschaft. Das würde auch dem Davis-Cup gut tun und könnte sogar noch seine Bedeutung steigern. Wenn der Cup nicht mehr zur Belastung wird, sind die Stars auch wieder dabei und können so wieder die Helden der Nation werden. Heute sind sie bei einer Absage nur die Buhmänner. Das ist weder gut für das Tennis noch für den Davis-Cup.

Joachim Löw und die Suche nach dem richtigen System

Eigentlich dürfte Joachim Löw als Bundestrainer der Fußball-Nationalmannschaft ein fröhlicher Mann sein. Nach außen hin strahlt er auch Zuversicht und Gelassenheit aus, doch im Inneren sieht es vermutlich anders aus. Jogi Löw könnte auch ein Mann sein voller Zweifel, voller Bedenken und zerfressen von der Unsicherheit, wie er es denn wirklich bewerkstelligen soll, aus rund 40 überdurchschnittlichen Kickern ein Weltmeister-Team zu formen. Einmal hat er es schon geschafft, doch beim Titelgewinn 2014 war die Auswahl der Kandidaten nicht so groß, was die Arbeit sogar erleichtert hat.

Eines muss man wissen: Die Aussagen in der Öffentlichkeit und die Gedanken bei der Fortentwicklung der Mannschaft sind zwei Paar Stiefel. So muss der Bundestrainer seinen Kader loben und die Welle der Begeisterung mitgehen. Deutschland ist Weltmeister, gewann den Confed-Cup und die U21 wurde Europameister. Auch der Sport-Grantler fragte: „Ist Deutschland jetzt unschlagbar?“. Die Auswahl ist immens, vielleicht aber auch erdrückend und erschwert die Sichtung. Es wird ein Puzzle-Spiel und Löw braucht am Ende vor allem eine glückliche Hand. Das weiß er. Nach außen hin gibt er sich optimistisch und kämpferisch: „Die Auswahl war noch nie so groß, der Konkurrenzkampf noch nie so hart.“ Er sagt das, was die Öffentlichkeit hören will.

Doch bei aller Auswahl, Joachim Löw ist auch auf der Suche nach dem richtigen System für die richtigen Spieler. Er kann in jede System-Kiste greifen und wird immer die richtigen Spieler dafür im Kader haben. Der Erfolg ist damit allerdings noch nicht garantiert. Siehe das mühselige 2:1 in Prag gegen Tschechien. Die „variable Offensive“ war die Losung, der defensive Gegner sollte quasi schwindlig gespielt werden, doch schwindlig wurde es eher den Löw-Schützlingen. Müller und Co. rannten auf dem Feld durcheinander und wussten am Ende selbst nicht mehr, wo das gegnerische Tor steht. Die tschechischen Abwehrreihen behielten ihre Ordnung und rätselten: „Ja wohin laufen sie, denn (die Deutschen)?“ Also: Ein Fehlschlag. Übrigens auf der ganzen Linie, durch die verbalen Ausfälle einer Horde deutscher Chaoten.

Dagegen war das nächste WM-Qualifikationsspiel in Stuttgart gegen Norwegen ein Genuss. Spielfreude pur auf dem Feld, ein fröhliches Publikum, das seinen Spaß hatte, keine Ausfälle auf dem Feld und der Tribüne. So soll die Stimmung bei einem Länderspiel sein. Leider heute eine Ausnahme. Die Spielfreude sollte allerdings keine Ausnahme sein, war aber auch dem zuvorkommenden Gegner geschuldet, der sich als Zuschauer gefiel. Solche Freiheiten bekommen Özil, Draxler, Müller, Kroos und Werner in keinem Training. Aber eine Gewissheit muss Joachim Löw gewonnen haben: Die Mannschaft braucht eine klare Linie, ein klares Konzept, kein Durcheinander.

Gegenüber vielen anderen Nationen, die auf eine WM-Teilnahme 2018 in Russland gehofft hatten und jetzt bangen müssen, befindet sich die DFB-Elf in einer komfortablen Situation. Ein Punkt am 5. Oktober in Belfast gegen Nordirland und Deutschland ist durch. Zweifel gibt es keine, notfalls muss ein Sieg zum Abschluss gegen Aserbaidschan her. Dagegen bangen die Niederlande, steht Österreich vor dem Aus, muss Italien wohl in die Qualifikation und in Südamerika jammern Argentinien und Chile. Dagegen hat ein wieder erstarktes Brasilien bereits die Fahrkarte zur WM gelöst und auch Frankreich beeindruckt mit einem Offensivspiel mit den Assen Griezmann, Mbappe und Pogba. Und doch gingen die gefürchteten Stürmer gegen den Fußball-Zwerg Luxemburg beim sensationellen 0:0 leer aus. Das macht deutlich: Man darf sich nie zu sicher fühlen. Kein Wunder, dass Joachim Löw insgeheim doch von Zweifeln geplagt wird.

Strafe muss sein! Im Sport nicht immer!

„Der Sport hat seine eigenen Gesetze“ heißt es oft bei strittigen Entscheidungen. Manchmal werden dann auch allgemeine Lebensregeln außer Kraft gesetzt, zum Beispiel die Weisheit „Strafe muss sein“. Die gilt zwar auch im Profisport, aber eben nicht immer. Drei Beispiele, die in der letzten Zeit zu Diskussionen in der Öffentlichkeit führten.

Nummer 1 die Attacke von Sebastian Vettel gegen Lewis Hamilton in der Formel 1. Der Deutsche wurde zum Rächer, als ihn Konkurrent Lewis Hamilton vermeintlich widerrechtlich ausbremste, was für ihn eben nur in der Wahrnehmung galt, aber nicht wirklich so war. Vettel ließ seinem Wutausbruch freien Lauf, die Vernunft hatte Pause und zudem ignorierte er die Regeln und fuhr Hamilton als Revanche seitlich ins Auto. Eine Aktion, die im Rennsport überhaupt nicht geht, wo es immer wieder Todesopfer zu beklagen gibt und sich Fahrer und Verbände Gedanken machen, wie die Sicherheit erhöht werden kann. All diese Bemühungen konterkarierte Vettel. Seine Strafe: Zehn Sekunden „Nachsitzen“, eine Wartezeit, die nicht ausreichen kann, um sein Mütchen zu kühlen. Weil Konkurrent Hamilton dann auch noch technische Probleme hatte, wurde „Rambo“ Vettel zum punktemäßigen Gewinner des Laufs in Baku. Der Weltverband beschäftigte sich zwar im Nachhinein noch einmal mit dem Vorfall, beließ es aber nach einer Entschuldigung von Vettel bei einer Verwarnung. Hier wurde die Weisheit „Strafe muss sein“ außer Kraft gesetzt, Vettel hätte zumindest die WM-Punkte für diesen Lauf verlieren müssen oder eine Sperre für wenigstens ein Rennen zur Abkühlung gebraucht. Den Gerüchten sind Tür und Tor geöffnet, profitierte Vettel davon, dass sein Rennstall Ferrari oft Sonderbehandlungen erhält oder von der Nähe des FIA-Präsidenten Jean Todt zu Ferrari? Vettels Vorbild Michael Schumacher hat für einen ähnlichen Rammstoß mal alle WM-Punkte einer Saison verloren. Noch Fragen?

Nummer 2 im Finale des Fußball-Confed-Cup in Russland. Deutschland brachte den selbsternannten Favoriten Chile zur Verzweiflung und der Ehrgeiz der Südamerikaner wurde ebenso wie die Ungeduld immer größer. Da schlägt man schon mal über die Stränge, Gonzalo Jara tat dies eine halbe Stunde vor Schluss mit einem Rammstoss mit dem Ellenbogen in das Gesicht des Deutschen Timo Werner. Bilder zeigen, wie sich dessen Gesicht verformte. Die Fernsehbilder sprachen eine deutliche Sprache. Nicht für Schiedsrichter Mazic. Der Serbe konnte auf den Videobeweis zurückgreifen und griff dann mit seiner Karte daneben, nachdem er die Tätlichkeit zuvor sogar ignoriert hatte: Gelb statt Rot. Die Weisheit „Strafe muss sein“ wurde also auch hier außer Kraft gesetzt, ein Sträfchen statt Strafe. Immerhin siegte ja Deutschland dennoch mit 1:0. Ein bisschen Gerechtigkeit.

Nummer 3 betrifft den Radsport, nach dem Motto, die Tour de France muss doch dabei sein. Aber gerade dort, wo in Sachen Doping lange Zeit viel zu wachsweich gehandelt wurde und auch heute noch die Augen gerne verschlossen werden, wurde als Zeichen „wir wollen Gerechtigkeit“ hart durchgegriffen. Für viele, selbst für die Konkurrenten, zu hart. Weltmeister Peter Sagan fuhr im Zielsprint die Ellenbogen aus, brachte Mitstreiter Mark Cavendish zu Fall und kassierte die härteste Strafe, die es nur geben kann: Ausschluss von der Tour de France. Im Radsport wird immer hart gesprintet, sind Stürze im Gewühl des Zielsprints fast schon an der Tagesordnung, da hat die Tour-Leitung über das Ziel hinausgeschossen. Das Zeichen für die Öffentlichkeit, „schaut, wir greifen durch“ war daneben, denn im führenden Team Sky, das die Tour bisher dominiert und dies wahrscheinlich bis zum Schluss in Paris auch weiter tun wird, fahren die Doping-Verdächtigungen weiter mit. Gültige Antworten auf die Anschuldigungen hat es bisher nicht gegeben, sondern nur Ausflüchte. „Strafe muss sein“, aber nicht für den Falschen.

So zeigt sich wieder einmal, dass wir im Spitzensport die Gerechtigkeit leider viel zu selten finden. Im Vordergrund steht das Geschäft und es herrscht eben oft auch trotz aller Regeln die Willkür, dass gerecht ist, was dem Geschäft dient. Ein Wunder, dass der Profisport weltweit noch so viele Anhänger hat. Zugegeben: Auch der Sport-Grantler ist einer

Ist Deutschland jetzt unschlagbar?

Das war ein Paukenschlag, der die Fußball-Welt aufhorchen ließ: Deutschlands U 21 wurde am Freitag, 30. Juni, Junioren-Europameister, zwei Tage später holte Deutschland in St. Petersburg auch noch den Confed Cup. Das Besondere an der Situation: Bundestrainer Joachim Löw hatte auf das Gros der Weltmeister von 2014 beim Confed Cup verzichtet und acht Spieler im jüngsten Kader des Turniers, die noch in der U 21 hätten spielen können. Und dennoch wurden die U 21 Europameister! Welch ein Potential hat der deutsche Fußball! Die Fußball-Welt ist in Aufruhr: Ist Deutschland jetzt unschlagbar?

In beiden Endspielen gab es das gleiche Muster. Der Gegner war jedes Mal Favorit. Da die jungen Spanier, die teilweise bereits in der Champions League für Furore gesorgt hatten und schon als künftige Stars gehandelt werden. Dort der Südamerika-Meister Chile, der in Person von Anführer Arturo Vidal tönte: „Wir werden siegen und dann sind wir die Besten der Welt.“ Deutschland gewann jeweils mit 1:0. Nicht mit spielerischem Glanz, aber doch mit hohem technischem Niveau, aber vor allem mit Kampfgeist und Siegeswillen. Der kann bekanntlich Berge versetzen – und damit kann man Pokale gewinnen. Auch wenn die meisten Weltmeister sich eine Ruhepause gönnen.

Jogi Löws Vorgänger und Ex-USA-Nationalcoach Jürgen Klinsmann schaut bewundernd auf das deutsche Aufgebot und konstatiert: Jogi Löw hat eine Auswahl von 50 Spielern für die Weltmeisterschaft 2018. Da ist das A-Team, das mehr oder weniger Pause hatte, da sind die Gewinner des Confed Cups, die an der Tür zur Nationalmannschaft rütteln und da sind die Junioren-Europameister, die davon träumen, das zu wiederholen, was Neuer, Höwedes, Boateng, Khedira, Özil und Co. schafften: 2009 Europameister und dann 2014 Weltmeister. Heißt: 2018 in Russland werden noch andere den Vortritt im DFB-Team haben, aber 2022 in Katar sind die Europameister von 2017 dran. Die Fußball-Welt hat nur eine Hoffnung: Nicht immer werden die Junioren-Europameister später auch Weltmeister. Das wäre zu einfach.

Bundestrainer Joachim Löw hat das Glück, dass er Spieler für jede taktische Ausrichtung hat und jede Menge flexibler Spieler, die für ein WM-Aufgebot unheimlich wichtig sind. Aber jetzt hat er eine einfache und eine schwere Aufgabe. Die einfache Aufgabe ist, die 23 besten Kandidaten für das WM-Team zu finden. Er kann dabei fast keine Fehler machen und Verletzungssorgen wird er kaum kennen, denn es steht auf jeder Position adäquater Ersatz bereit. Seine Aufgabe wird es sein, die Jungs in Form zu bringen und wie bei der U 21 und beim Confed Cup sowie 2014 in Brasilien eine echte Mannschaft zu formen.

Die schwere Aufgabe hat es in sich, Löw muss die Euphorie in Deutschland dämpfen. Logisch, wenn ein B-Team den Confed Cup gewinnt, wird das A-Team Weltmeister. Doch Löw beginnt bereits jetzt die Schwierigkeiten herauszuarbeiten: Die Talente sind noch nicht so weit, eine Weltmeisterschaft ist ein anderes Kaliber als ein Confed Cup, gegen Argentinien, Brasilien, Italien, England oder Spanien geht es anders zur Sache. Der Bundestrainer muss Kritik vorbeugen, ein frühzeitiges Scheitern bei der WM würde als Bumerang auf ihn zurückkommen, nach dem Motto: Bei so einer Auswahl muss herauskommen.

Doch das ist Zukunftsmusik oder die Zukunftsangst des Herrn Löw. Zunächst muss erst die WM-Qualifikation bestanden werden und da ist Deutschland (noch ohne Punktverlust) auf einem guten Weg. Und dann muss man wirklich erst sehen, wie stark die Gegner sind und was sie auf die Beine stellen. Favoriten sind oft gescheitert, wie jetzt bei der U 21-EM und beim Confed Cup. Joachim Löw muss sich die nächsten zwölf Monate vielleicht mehr mit Ausreden für den Fall der Fälle beschäftigen als mit der Taktik gegen die künftigen Gegner.

Das könnte nach heutigem Stand das WM-Aufgebot Deutschlands sein:

Tor: Neuer, ter Stegen, Trapp. – Abwehr: Boateng, Hummels, Rüdiger, Mustafi, Kimmich, Hector, Henrichs, Toljan. – Mittelfeld: Kroos, Khedira, Goretzka, Stindl, Rudy, Özil. – Angriff: Müller, Gomez, Werner, Reus, Draxler, Sané. Und dabei fehlen in dieser Aufzählung Höwedes, Gündogan, Can, Ginter, Götze, Schürrle, Weiser, Gnabry und andere, die sich ebenfalls in den Vordergrund gespielt haben. Welch eine Auswahl!

Zwei Turniere, ein Ziel – die Zukunft

Dass der Fußball-Weltverband FIFA in erster Linie ans Geld denkt und dann erst der Sport kommt, das mussten wir schon des Öfteren leidvoll erfahren. Auch die Terminplanung wird dem unterworfen, sonst würden die Gedankenspiele nicht um die Aufblähung von verschiedenen Turnieren kreisen. Unsinnig ist auch, dass jetzt der Confed Cup in Russland und die Europameisterschaft der U 21 sich terminlich überschneiden. Beides sind Turniere bei denen es um die Weiterentwicklung des Nachwuchses geht. Doch das will die FIFA nicht wahrhaben, sie sieht blauäugig den Confed Cup als „Fest der Meister“. Aus deutscher Sicht aber heißt es: Zwei Turniere, ein Ziel – die Zukunft.

Der Confed Cup oder „Confederation Cup“, wie er offiziell heißt, hatte seinen Vorläufer im „König Fahd-Pokal“, der 1992 und 1995 in Saudi-Arabien ausgetragen wurde. 1997 übernahm die FIFA, der Pokal wurde bis 2005 alle zwei Jahre ausgetragen, dann war es den meisten Nationen zu viel und danach galt der Vier-Jahres-Rhythmus und der Confed Cup als Test für den WM-Ausrichter ein Jahr vor der eigentlichen Weltmeisterschaft. Doch immer mehr Nationen sprechen sich dafür aus, den Confed Cup ganz abzuschaffen. So dürfte Russland mit dem Turnier vom 17. Juni bis 2. Juli der Abgesang sein. Vor allem 2021 in Katar ist eine Austragung undenkbar, weil der Confed Cup dann aus klimatischen Gründen wie die WM selbst 2022 auch im Winter stattfinden müsste und die Kontinentalverbände da kaum mitspielen. Geld hin und Geld her.

Beim Confed Cup starten die Meister der sechs Kontinentalverbände sowie der Weltmeister und der Ausrichter. Russland ist Gastgeber für Neuseeland (Ozeanien), Portugal (Europa), Mexiko (Mittelamerika), alle in der Gruppe A, sowie Deutschland (Weltmeister), Kamerun (Afrika), Chile (Südamerika) und Australien (Asien), alle in der Gruppe B. Die jeweils Ersten und Zweiten jeder Gruppe kommen ins Halbfinale, die Sieger sind im Finale (Sonntag, 2. Juli, 20.00 Uhr), die Verlierer spielen um Platz drei (Sonntag, 2.7., 14.00 Uhr, wo gibt es das noch?).

Es ist bei der FIFA nicht gut angekommen, dass Bundestrainer Joachim Löw von Anfang an dem Confed Cup nur eine geringe Bedeutung beigemessen hat und vielen Stammspielern für den Sommer freigegeben hat. Sein Argument ist stichhaltig: „Ziel ist die WM 2018, da wollen wir nach Möglichkeit unseren Titel erfolgreich verteidigen. Viele Spieler sind laufend im Einsatz, die brauchen auch mal einen Sommer Pause.“ Gastgeber Russland ist verschnupft, der Eintrittskartenverkauf gestaltet sich zäh, aber nicht alle Nationen denken so. Portugal und Chile zum Beispiel kündigten ihre besten Mannschaften an (mit Cristiano Ronaldo bzw. Vidal und Sanches). Aber eigentlich ist jeder gewarnt, den Confed Cup ja nicht zu gewinnen, denn der Sieger wurde noch nie Weltmeister! Bitter war dies vor allem für Rekordteilnehmer und Seriensieger Brasilien (vier Siege). Außerdem trugen sich Mexiko (1999) und Frankreich (2002 und 2005 in Deutschland) als Titelträger ein. Deutschland war bisher nur Mitläufer und gerade mal beim eigenen Turnier 2005 Dritter.

Dritter, damit wäre Löw auch in Russland zufrieden und jeder Spieler dürfte außerdem vom DFB 30.000 Euro Prämie einstreichen (50.000 Euro für den Sieg). Der Bundestrainer hat ein anderes Ziel: Wer kann den Stammspielern im Hinblick auf die WM Druck machen? Könnte sein, dass sich sein Kreis erweitert. Wer beim Confed Cup überzeugt, der ist einen Schritt weiter und hat die WM-Teilnahme vor Augen. In den ersten Länderspielen galt dies vor allem für Torjäger Sandro Wagner.

Im Vorfeld der beiden Turniere haben die Trainer Löw und Stefan Kuntz für die U 21 genau abgestimmt, wer in welcher Mannschaft antreten soll. Auch die Europameisterschaft gilt als wichtiger Meilenstein für die Zukunft, frühere Europameister der U 21 wurden später auch Weltmeister (Torhüter Manuel Neuer zum Beispiel). Das wünscht man sich auch für die Zukunft. So galt es, für die Spieler eine Perspektive beim Confed Cup zu finden, andererseits eine starke Mannschaft zur Europameisterschaft zu schicken, denn dort ist durchaus der Titel das Ziel. Die Konkurrenz ist allerdings beim Turnier in Polen (16. bis 30. Juni) stark. Zwölf Nationen spielen zunächst in drei Gruppen, nur die Gruppensieger und der beste Zweite kommen ins Halbfinale. Ein harter Modus. Deutschland bekommt es in der Gruppe C mit Tschechien, Dänemark und Italien zu tun (Gruppe A Polen, Slowenien, Schweden, England, Gruppe B Portugal, Serbien, Spanien, Mazedonien). Einige A-Nationalspieler sind dabei, einige U 21-Kandidaten auch bei Löw. Im Hinblick auf den WM-Kader werden die Augen vor allem auf Abwehrchef Jonathan Tah (Leverkusen), die Mittelfeldasse Max Meyer (Schalke) und Mahmoud Dahoud (Gladbach) sowie Torjäger Serge Gnabry (Bremen, bald Bayern) gerichtet sein. Auch Mitchell Weiser (Hertha) und Davie Selke (Leipzig, bald Hertha) könnten sich noch in den Vordergrund spielen.

Dies zeigt, an Talenten mangelt es in Deutschland nicht. Deshalb gibt es bei zwei Turnieren nur ein Ziel – die Zukunft. Es könnte eine gute Zukunft sein.

Der Fußball und die Probleme der Gesellschaft

Die Bilder der vergangenen Woche, die man vom deutschen Fußball sah, waren erschreckend. Chaoten reagierten in den Stadien ihren Frust über Niederlagen und Abstiege ihrer Mannschaften mit Gewalt ab. Leidtragende waren in erster Linie die Ordner der Vereine und die Polizei, die teilweise in Hundertschaften aufmarschieren mussten, Leidtragender war aber auch der Fußball, der von manchen Kritikern als Verursacher der Gewalt hingestellt wird. Doch das falsch. Der Fußball muss diesbezüglich die Probleme der Gesellschaft ausbaden.

Die Bundesliga hat nicht allein mit diesen Probleme zu kämpfen. England hat sie gehabt, Italien kämpft einen verzweifelten Kampf vor allem gegen Rechtsradikale und Schmähungen von den Tribünen aus, in Polen und Russland gehören Krawalle fast zum normalen Spielbetrieb, „Kampfbrigaden“ aus Russland haben schon die Fußball-Welt erschüttert. In Deutschland hieß es bisher immer, „wir haben die Probleme der Hooligans und Chaoten im Griff“, doch die Vorkommnisse der letzten Wochen beweisen das Gegenteil. Platzsturm in Braunschweig, Attacken von den Rängen aus mit dem Werfen von Sitzschalen und Stangen auf das Feld in München, Aufmarsch der „Fans“ von Dynamo Dresden in Kampfkleidung mit einer „Kriegserklärung“ gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) in Karlsruhe, Randale und tätliche Angriffe in Dortmund gegen Anhänger von RB Leipzig schon vor dem Stadion. Nur ein Teil, denn die Liste des Horrors ist lang – zu lang.

Der Fußball leidet, ein Zuschauer-Rückgang wird folgen, weil sich zum Beispiel Familien in diesem Umfeld nicht mehr sicher fühlen. Dazu kommt, dass Großereignisse auch im Sport verstärkt ins Blickfeld der Krake Terror rücken. Und die komplette Sicherheit gibt es nicht, unverständlich, dass zum Beispiel immer noch verbotene Pyrotechnik in die Stadien geschmuggelt werden kann. Sind es demnächst Bomben? Ob jemand Unbeteiligter Schaden nimmt, ist diesen Chaoten egal. Sie wollen bewusst gegen Verbote verstoßen. Ein Experte für Fan-Projekte erläutert in einem Interview aber ganz klar: „Ich erkenne kein fußballspezifisches Problem, sondern generell ein gesellschaftliches. Der schwindende Respekt gegenüber Mitmenschen ist eine bedauernswerte Entwicklung, die ich leider auch in anderen Bereichen des Lebens zunehmend registriere.“

Fast ein Hohn ist es, das zur gleichen Zeit darüber diskutiert wird, ob der Fußball nicht für die Einsätze der Polizei zahlen muss. Das Land Bremen hat eine Vereinbarung zwischen Liga und den Bundesländern ignoriert und die Polizei-Einsätze in Rechnung gestellt. Dies wurde zwar in erster Instanz vor Gericht zurückgewiesen, aber vor allem wegen formeller Fehler. Viele Kritiker sehen aber nur das Geld, das im Fußball verdient und umgesetzt wird, aber nicht, dass Polizei-Einsätze grundsätzlich eine Pflicht des Staates sind. Für den öffentlichen Raum ist nur die Polizei als Gesetzhüter verantwortlich. Im Zuge der Gerechtigkeit müssten künftig alle Veranstalter für die Polizei zahlen. Aber nicht sie – oder eben der Fußball – sind Schuld an den Auswüchsen, sondern die Gesellschaft, in der eine gewisse Verrohung immer weiter fortschreitet. Was ja auch nicht verwunderlich ist, wenn sich schon Staatsoberhäupter als Pöpler gefallen.

Was den deutschen Fußball angeht, so muss der Verband die Relegationsspiele überdenken. Gerade diese Endspiele um Auf- und Abstieg beinhalten ein hohes Konfliktpotential. Die Emotionen sind in diesen Spielen besonders stark. Mit einem ausschließlich direkten Auf- und Abstieg könnten sich DFL und DFB viel Ärger ersparen. Eine Änderung diesbezüglich wäre keineswegs ein Einknicken vor den Chaoten. Außerdem sind harte Strafen gegen diese Chaoten in den Fußballstadien angebracht. Aber auch hier kann der Fußball nur zum Teil tätig werden.

Was bedenklich stimmt, ist die Tatsache, dass in vielen Vereinen die sogenannten „Ultras“, die harten Fans, die für Stimmung in den Stadien sorgen, aber für sich auch einen Teil der Macht reklamieren, tatsächlich eine gewisse Macht erreicht haben und die Vorstände unter Druck setzen. Hier müssen die Vorstände eine Grenze ziehen und notfalls auf Stimmung verzichten. Wie in England könnte man mit der Abschaffung der Stehplätze die Grenze deutlich machen. Weniger Begeisterung bedeutet in diesem Fall auch weniger Krawall. Der Fußball darf nicht den Ultras gehören! Und dann würden sich die Spieler auf dem Feld vielleicht auch nicht mehr so sehr genötigt sehen, den Torjubel teilweise aufreizend und den Gegner missachtend auszudehnen. Auch dies heizt die (negative) Stimmung an.

Trotz allem: Fußballstadien können keine Insel der Glücksseligkeit werden, wenn die Menschheit generell verroht.

Kann der Fußball noch attraktiver werden?

Stillstand bedeutet bekanntlich Rückschritt, insofern darf es nicht verwundern, dass sich auch die Funktionäre im Fußball-Weltverband Gedanken machen, wie der Fußball weiterentwickelt werden kann. Aber die Frage ist eben auch berechtigt: Kann der Fußball noch attraktiver werden?

Tatsache ist, dass der Fußball weltweit eine Spitzenposition einnimmt, in Europa und Südamerika als Nummer eins aller Sportarten, in Asien und Nordamerika ist er auf dem Vormarsch. Die Umsätze steigen ebenso wie die Fernsehhonorare und wenn der Fußball Rückschläge hinnehmen musste, dann nicht durch den Sport, sondern durch Funktionäre, die den Sport mit Korruption und anderem mit den Füßen getreten haben. Wie stark muss der Fußball sein, wenn er einen Skandal wie den um seinen ehemaligen Präsidenten Sepp Blatter fast schadlos überstehen kann! Dennoch kann und muss man sich natürlich Gedanken machen, schade nur, dass manche so abwegig sind, wie die Aufblähung der Weltmeisterschaft auf nun 48 Nationen.

Aber jetzt geht es nicht um einen Turniermodus, sondern der neue Sportdirektor der FIFA, der einstige Weltklassestürmer Marco van Basten, hat laut darüber nachgedacht, wie das Spiel verbessert und attraktiver werden kann. Wer viele Vorschläge bringt, schießt manchmal auch über das Ziel hinaus, mal sehen was Wirklichkeit werden kann. Bisher war es so, dass Regeln schonend verändert wurden und dass nicht gravierend ins ursprüngliche Spiel eingegriffen wurde. Nehmen wir nur die Änderungen für die Torhüter, die heute bei einem Rückpass den Ball nicht in die Hand nehmen dürfen. Fortschritte gab es immer wieder, wie jetzt mit der Einführung des Videobeweises, wenn die moderne Technik helfen soll, das Spiel gerechter zu machen. Stillstand gibt es also nicht.

Die Frage ist immer, wie weitreichend Neuerungen sind bzw. sein dürfen. Schlagworte der Vorschläge des Niederländers sind „Abseits abschaffen“, „Zeitstrafen statt Gelber Karten“, „Fliegende Wechsel“ oder „Shoot-out statt Verlängerung“. Manches wurde schon oft diskutiert und wieder verworfen, zum Beispiel beim Abseits. Es ganz abzuschaffen würde den Fußball gravierend verändern – auf die Streichliste.

Zeitstrafen werden schon lange diskutiert, im Amateurfußball gab es positive Erfahrungen und dennoch wurden sie teilweise wieder abgeschafft. Zeitstrafen statt Gelber Karten könnten für mehr Gerechtigkeit sorgen, weil der Gegner unmittelbar von der Bestrafung profitiert und nicht der nächste Gegner. Da sind Überlegungen also angebracht.

Fliegende Wechsel kann man vergessen, weil sie bei 22 Mann auf dem Spielfeld nicht zu kontrollieren sind und nicht nur die Zuschauer den Überblick verlieren, sondern wahrscheinlich auch Trainer und Schiedsrichter – Streichliste.

Das Shoot-out gab es früher in Nordamerika und hat sich nicht bewährt. Es sorgt für nicht mehr Spannung als ein Elfmeter, wenn der Spieler weitab vom Tor den Ball aufnimmt und auf den Torhüter zuläuft. Der Elfmeter ist dagegen kurz und knackig – also Streichliste. Schwierig wird es auch, den Fußball in punkto Zeitspiel gerechter zu machen, selbst wenn die Uhr (Vorschlag in den letzten Minuten) zum Ende zu angehalten wird. Was ist mit den Spielverzögerungen zuvor? Nein, da müssen die Schiedsrichter weiterhin ein entsprechendes Fingerspitzengefühl zeigen. Und auch Unterbrechungen für die Trainer für kurze Spielerbesprechungen (Time Out) sind nicht notwendig.

Der Fußball kann durchaus auf andere Sportarten schauen und darüber diskutieren, was ihm helfen kann. Aber der Fußball muss ein Original bleiben, nicht umsonst schauen fast alle anderen Sportarten neidisch auf den Fußball. Nehmen wir Deutschland als Beispiel, da heißt es Fußball, Fußball, Fußball und dann kommt lange nichts. Hier können einschneidende Änderungen der Fußballeuphorie eher schaden. Vereine und Funktionäre sollten sich eher bemühen, die Volkstümlichkeit des Fußballs zu bewahren und ihn nicht zur reinen Geldverkehrung zu missbrauchen.

Fußball-WM mit 48 Nationen und die Folgen

 

Als der FIFA-Rat am Dienstag in Zürich tagte, da gab es schon im Vorfeld keine Zweifel mehr, dass die Fußball-Weltmeisterschaft von 32 auf 48 Nationen aufgebläht wird. Selten hatten FIFA-Präsident Gianni Infantino so gute Laune wie an diesem Tag: Er hat Wort gehalten, als er den Funktionären vor allem in Afrika und Asien mehr WM-Plätze versprochen hat und sein Verband macht in der Zukunft (ab 2026 wird erstmals mit 48 gespielt) noch mehr Gewinn, von rund 600 Millionen Euro ist die Rede. Ist die Aufstockung aber auch sportlich ein Gewinn? Wohl auf keinen Fall. Der Sport-Grantler beleuchtet das Für und Wider dieser WM mit 48, zeigt die Folgen auf.

Sport: Der Sport wird leiden, denn von einem Turnier der Besten kann keine Rede mehr sein. Die Qualität der Spiele wird sinken, weil die schwächeren Nationen ihr Heil in einer Abwehrschlacht suchen werden. Schon die Aufstockung bei der Europameisterschaft hatte die gleichen Folgen: Erst mit der K.o.-Runde geht das Turnier richtig los. Der Turniermodus klingt ja genial, denn 16 Gruppen mit je drei Teams, von denen gleich zwei weiterkommen und anschließend sofort die Play-Offs, das bedeutet nicht mehr Spiele als bisher und keine längere Austragungsdauer. Beschwerden über eine höhere Belastung der Spieler greifen nicht.

Aber wie so oft, die FIFA hat etwas beschlossen, das große Ganze, aber wie es im Detail aussehen soll, das muss erst noch beraten werden. So zum Beispiel ist der Austragungsmodus in den Gruppenspielen ungerecht, weil es unterschiedliche Ruhezeiten gibt (was sich nicht verhindern lässt). Außerdem muss verhindert werden, dass in den letzten Spielen geschummelt werden kann. Aber die FIFA öffnet ja dem Betrug gern eine Tür… Ob die Abschaffung von Unentschieden der Weisheit letzter Schluss ist, muss durchgerechnet werden. Gibt es kein Unentschieden, werden viele schwächere Teams versuchen, sich ins Eltmeterschießen zu retten, die Spiele werden unansehnlich. Schöne Zukunft.

Geld: Das zählt bei der FIFA, deren eigene Untersuchungen ergeben haben, dass der Modus mit 32 Nationen sportlich am Besten ist. Aber ein Turnier mit 48 Teilnehmern verspricht mehr Gewinn (siehe oben) und vor allem viele Nationen in Afrika und Asien können nun davon träumen, erstmals ein WM-Teilnehmer sein zu können. Sie träumen auch von einer WM-Gewinn-Ausschüttung. Diese Träume wollte Infantino Wirklichkeit werden lassen und sammelte damit Stimmen. Geld kommt vor Sport.

Qualifikation: Infantino schwärmte davon, dass eine WM-Euphorie noch weiter in die Welt hinaus getragen wird. Rund ein Viertel der 211 FIFA-Mitglieder wird bei der WM vertreten sein. Was unter dieser Masse leidet, sind die WM-Qualifikationen, die an Bedeutung und an Spannung verlieren werden. Ob dies dem guten Ruf des Fußballs nützt? Das Endturnier sportlich schlechter, die Qualifikation uninteressanter – die Aufstockung wurde nicht zu Ende gedacht. Außerdem gibt es jetzt schon Streit um die Vergabe der zusätzlichen Plätze. Jeder Kontinent will natürlich partizipieren und vor allem Europa fürchtet um seine Spitzenstellung. In Süd- und Mittelamerika wird dagegen darüber diskutiert, die Qualifikation zusammen zu legen. In Südamerika könnten sich von zehn Nationen nicht mehr vier, sondern künftig sechs direkt qualifizieren. Wie gesagt, die Spannung leidet. WM und –Qualifikation kein Krimi mehr, sondern eine Seifenoper…

Veranstalter: 16 Gruppen – wo sollen die spielen? Mindestens zwölf WM-Stadien schweben dem FIFA-Präsidenten vor, er wird kaum ein Land finden, dass diese Mammut-WM allein ausrichten kann. Bereits im Vorfeld hatte die FIFA den Weg für eine WM in mehreren Staaten freigemacht, dies wird zur Gewohnheit werden. Für 2026 haben schon die USA, Mexiko und Kanada gemeinsam ihr Interesse angemeldet (der neue US-Präsident Trump hat bis dahin abgedankt und kann Mexiko nicht mehr schaden). In Europa könnte Deutschland mit Frankreich und Italien als Ausrichter auftreten. Oder holt sich China die Mammut-WM ins Mammut-Land?

Fans und Stimmung: Da sind wir beim nächsten strittigen Punkt. An die Fans denkt keiner, ein richtiges WM-Feeling, wie wir es beim Sommermärchen 2006 in Deutschland erlebt haben, wird nicht mehr auftreten. Die Fans werden gerade noch ihre eigene Mannschaft verfolgen können, aber ansonsten wenig von einer Weltmeisterschaftsatmosphäre mitbekommen. Die WM-Freude soll in alle Länder transportiert werden, aber es wird eher Weltmeisterschaften ohne WM-Stimmung geben.

Der Beschluss der Aufstockung von 32 auf 48 Nationen für die Fußball-Weltmeisterschaft steht. Es ist ähnlich wie bei den WM-Vergaben für 2018 an Russland und vor allem 2022 nach Katar, die Folgen wurden nicht bedacht. Ein alter Filmtitel passt gut zu den FIFA-Räten: Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Sehnsucht nach Medaillen, Sehnsucht nach Geld

 

Die Bilanz war eigentlich gar nicht so schlecht: Platz fünf im Medaillenspiegel, 42 Medaillen geholt, davon sogar 17 Goldene. Mehr Gold gab es nur unmittelbar nach der Wende, 1992 mit 33 (insgesamt 82 Medaillen) und 1996 mit 20 (65). Deutschlands Sport könnte zufrieden sein am Ende des Jahres 2016 mit den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro.

Ist er aber nicht. Egal, ob Fans, Verbände oder Regierung – es gibt eine Sehnsucht nach Medaillen. Platz fünf (hinter den USA, Großbritannien, China und Russland) ist ganz gut, aber Deutschland soll Spitze sein, 1992 in Barcelona und 1996 in Atlanta stand Deutschland auf Platz drei im Medaillenspiegel, übrigens ein Ranking, das Deutschland auch im Schnitt aller Sommerspiele seit 1896 einnimmt. Rang fünf ist also zu wenig.

Die Regierung fördert den Sport mit rund 160 Millionen Euro im Jahr und will dafür Medaillen sehen. Die Athleten sollen sauber sein, Doping ist nicht erwünscht, aber sie sollen auch erfolgreich sein, das geht selbst in einer dopingverseuchten Sportwelt. Die Frage ist nur, wie geht der Weg zum Erfolg, sprich Titel und Medaillen. Die Verbände selbst haben auch eine Sehnsucht nach Medaillen, davor aber steht die Sehnsucht nach Geld. Ihre Gleichung ist einfach: Mehr Geld ist gleich mehr Erfolg.

Doch die Gleichung geht nicht auf, das zeigte Rio deutlich. Die Versager waren vor allem die Schwimmer und Fechter, am Geld mangelte es ihnen nicht, sie unterhalten Leistungsstützpunkte, die früher durchaus erfolgreich waren. Die Frage ist jetzt, wie das Geld verteilt werden soll. Innenminister Thomas de Maiziére stellt klar: „Es geht nicht nach dem Gießkannenprinzip. Wer wenig Potenzial hat, kann nicht so viel Geld kriegen, wie jener, der viel Potenzial hat.“ Da verknotet sich ein gordischer Knoten: Wer noch keinen Erfolg hat, bekommt also wenig Geld, er will aber mehr Geld, damit er die Voraussetzungen für mehr Erfolg schaffen kann. Die Lösung könnte sein: Untersuchen, welche Verbände denn Erfolg versprechen!

Allerdings darf es im deutschen Sport nicht nur um Medaillen und Titel gehen. Erfolge tun sich auch da auf, wo die Bevölkerung zum Sport findet, wo die Jugend raus aus Dicos und runter vom Sofa geholt wird, weg von den Computern, hin zu Bewegung, zu Sport in Hallen und an frischer Luft. Gelingt das, hat der Sport schon einmal einen Erfolg erzielt. Am Ende der Kette werden dann auch Medaillen stehen, wenn die Talente richtig gefördert werden.

Es scheint aber so zu sein, dass es im deutschen Sport vorne und hinten knirscht und zwackt. So ist es ein Unding, dass viele Bundestrainer noch keinen Vertrag für 2017 haben. Der Leistungssport wird auch durch unfähige Funktionäre und zu viel Bürokratie gebremst. Die Sportverbände kämpfen um ihre Pfründe und die beginnen beim Geld. So formiert sich Widerstand gegen die geplante Spitzensport-Förderung, die den Erfolgreichen Vorteile verschafft. Viel Zündstoff für die Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sport-Bundes Anfang Dezember in Magdeburg. Dort wird sie wieder offen zutage treten, die Sehnsucht nach Medaillen, zuerst aber die Sehnsucht nach Geld. Und apropos Gießkannenprinzip: Alle werden die Hand aufhalten.

Statistik-Übersicht (deutsche Medaillen bei Sommerspielen, Gold-Silber-Bronze-Gesamt-Rang Medaillenspiegel):

1992 Barcelona: 33-21-28-82-3.

1996 Atlanta: 20-18-27-65-3.

2000 Sydney: 13-17-26-56-5.

2004 Athen: 13-16-20-49-6.

2008 Peking: 16-10-15-41-5.

2012 London: 11-19-14-44- 6.

2016 Rio de Janeiro: 17-10-15-42-5.