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Tag: Fußball-Nationalmannschaft

Im Fall Özil waren viele schlecht beraten

Er hat es getan, aber seine Aussagen hatten einen anderen Inhalt, als es der DFB und die Öffentlichkeit erwartet hatten. Nach wochenlangem Schweigen zu den umstrittenen Erdogan-Fotos meldete sich Fußball-Nationalspieler Mesut Özil am Sonntag im Internet zu Wort und lederte los. Nicht einmal, nicht zweimal, nein dreimal. Häppchenweise lieferte er eine Abrechnung mit dem Verband, mit den Medien, praktisch mit allen. Die Abrechnung endete mit Rücktrittsforderungen von DFB-Präsident Dr. Reinhard Grindel und mit dem eigenen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Das Kapitel Özil ist beim DFB beendet, das Thema rund um den 29-Jährigen Deutsch-Türken wird uns aber noch lange beschäftigen. Je nach dem, wie sie es brauchen, werden vor allem rechtsgerichtete Kreise das Thema Özil am Leben erhalten.

Es begann mit den unglücklichen Fotos der Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem Präsidenten der Türkei, Erdogan. Die Öffentlichkeit kritisierte diese Fotos als Wahlhilfe für einen Präsidenten, der Menschenrechte missachtete, entsprechend groß war die Unruhe im deutschen Team, was als Teil des enttäuschenden Abschneidens bei der Weltmeisterschaft in Russland ausgemacht wurde. Während Gündogan Stellung bezog, schwieg Mesut Özil beharrlich. Somit sorgte er dafür, dass das Thema immer am köcheln blieb, es kam keine Ruhe in die Mannschaft, zumal es keinen sportlichen Erfolg gab, der die politischen Strittigkeiten hätte überdecken können. Özil sorgte mit seinem Verhalten auch dafür, dass das Image der Nationalmannschaft als Vorbild für Integration Schaden nahm (dafür erhielt Özil sogar den Bambi). Vorbild für gelungene Integration wurde dann Frankreich als neuer Weltmeister. Vier Jahre zuvor in Brasilien wurde dafür noch Deutschland gefeiert, also eine Wachablösung auf der ganzen Linie!

Eines steht fest: Im Fall Mesut Özil waren viele schlecht beraten. Zunächst einmal Özil selbst (und natürlich auch Gündogan), dass sie die Fotos mit Erdogan nicht abgelehnt hatten. Möglich, dass ihre Berater diese Fotos sogar forciert hatten, doch die Publicity hatten sie vollkommen falsch eingeschätzt. Die Spieler wiederum, die sich von politischen Aussagen distanzierten, standen als Naivlinge da.

Mit Mesut Özil spielten die Berater auch ein schlechtes Spiel, dass sie ihn zunächst mal lange (zu lange) schweigen ließen und jetzt mit einer geballten Abrechnung in drei Teilen Tabula rasa machten. Özil fühlt sich seinen türkischen Wurzeln verpflichtet, fühlt sich missverstanden und schlechter behandelt als andere, weil er eben türkischen Wurzeln habe. Hier verwechselt einer Tatsachen und Wirkung, Einsicht zeigt er nicht. Özil beklagt sich über zu wenig Respekt, zeigt aber keinen Respekt gegenüber dem Nationaltrikot, gegenüber der Öffentlichkeit in Deutschland. Özil wurde ganz einfach schlecht beraten und warf seine Karriere im Nationaltrikot einfach weg. Da hat sich einer ganz schön verdribbelt.

Die Rücktrittsforderung gegenüber dem DFB-Präsidenten kommt nicht überraschend, Reinhard Grindels Rücktritt hatten auch schon andere gefordert, was nach dem schlechten Krisenmanagement des Verbandes auch logisch ist. Auch Grindel war schlecht beraten, ebenso Teammanager Oliver Bierhoff. Von Anfang an hatten die Verantwortlichen des DFB ebenso wie die Spieler die Wirkung der Erdogan-Fotos unterschätzt. Die einzige richtige Konsequenz wäre gewesen, die Özil und Gündogan aus dem WM-Kader zu streichen, um für Ruhe zu sorgen. Da hätte auch Bundestrainer Joachim Löw handeln können. Jetzt trägt er nämlich den Rucksack Özil mit sich rum. Wehe, die schlechten Leistungen wiederholen sich in den nächsten Spielen (immerhin ist Weltmeister Frankreich der nächste Gegner), dann wird es heißen „und Özil fehlt halt doch“.

Allerdings: Özil muss mit einem Makel leben, auch in seinem Verein Arsenal London erntete er oft Kritik, dass er besonders in wichtigen Spiele oft „abtauche“, nicht zu sehen sei, statt das Heft in die Hand zu nehmen. Diesbezüglich war Özil vor der WM wirklich ein Wackelkandidat im Hinblick auf die Nominierung (ganz im Gegensatz zu 2014). Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat zwar in seiner Art übertrieben, aber ganz unrecht hat er mit seiner Bemerkung „Özil habe seit 2014 keinen Zweikampf mehr gewonnen“ nicht. Gewonnen hat Özil jetzt auch nicht.

Wie auch immer, der Fall Özil zeigt sehr deutlich, wie Berater die Fußball-Stars beeinflussen können und wichtig für die Karriere sind. Leider ist es so, dass viele Berater die Eignung für diese wertvolle Aufgabe abgeht. Der Ruf, es handle sich bei ihnen meist von Abkassierern, kommt nicht von ungefähr. So darf sich derjenige Spieler glücklich schätzen, er gut beraten wird. Mesut Özil macht jedenfalls keinen glücklichen Eindruck.

Ereilt Deutschland der Fluch der Weltmeister?

Die Aussage war entlarvend und mag als Beispiel dienen: „Von WM-Feeling haben wir noch nichts mitbekommen“, hieß es aus der deutschen Mannschaft aus dem WM-Quartier Watutinki mitten in einem Wald in der Nähe von Moskau. Dieses Feeling zeigte sich auch beim Auftaktspiel gegen Mexiko beim 0:1: Lasch, ohne Schwung, die gesamte Mannschaft im Schonmodus eines Vorbereitungsspiels. Deutschland reihte sich damit ein in die Gruppe der Favoriten, die fast alle einen verschlafenen Start hatten. Leute, die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland hat bereits begonnen!

Was die deutsche Mannschaft angeht, wurden Bundestrainer Joachim Löw, seinem Trainerteam und den Spielern schmerzhaft die Augen geöffnet. Alle Fehler, die vorher auftraten und angeprangert wurden, konnten nicht abgestellt werden. Die Mexikaner werden sich verwundert die Augen gerieben haben, dass sie so ein Konterfestival feiern konnten. Eine Abwehr war im DFB-Team praktisch nicht vorhanden. War Kompaktheit vor vier Jahren auf dem Weg zum Titel Trumpf, so gab es diesmal einen Tag der offenen Tür. Sinnbildlich Khedira, der die Mitte nicht schließen konnte oder Rechtsverteidiger Kimmich, der stürmte, aber die Abwehr vergaß. Die Warnung für Löw und seine Jungs: Es sind zuletzt zweimal die Weltmeister in der Vorrunde gescheitert. 2014 Spanien nach einem 1:5 zum Auftakt gegen die Niederlande und zuvor 2010 Italien nach einem 1:1 im ersten Spiel gegen Paraguay. Ereilt jetzt Deutschland der Fluch der Weltmeister? Wer die Spannung liebt, darf sich freuen, ab sofort ist jedes Spiel der DFB-Elf ein Endspiel! Aber: Es ist keiner im Kader, der Khedira als Abräumer ersetzen kann, es ist keiner im Kader, der Kraft seiner Persönlichkeit für mehr Ordnung im Mittelfeld sorgen kann. Gündogan, Rudy, Goretzka – keiner von ihnen stellt eine echte Alternative dar!

Eine Mauer steht noch

In Deutschland fiel die Mauer, die das Land teilte, im November 1989. Doch eine Mauer steht noch, bei der Fußball-WM. Es ist Mauer der Kleinen gegen die Großen. Und so wunderten sich auch andere Favoriten, nicht nur Deutschland. Sinnbildlich Island gegen Argentinien, als teilweise alle Feldspieler rund um den eigenen Strafraum das 1:1 verteidigten. Motto: Wenn keine Chancengleichheit herrscht, dann müssen wir uns eben verbarrikadieren. Mit dem Mute der Verzweiflung wird gekämpft und der eine oder andere Konter geht immer noch. Dann kommt manchmal ein 1:1 heraus, manchmal gibt es aber dennoch eine unglückliche Niederlage, so wie für Ägypten gegen Uruguay (0:1) oder Australien gegen Frankreich (1:2). Ein begeisterndes Spiel hat es bisher nur einmal gegeben, das 3:3 zwischen Portugal und Spanien, ein Duell auf Augenhöhe mit offenem Visier.

Die WM läuft und wir staunen, dass sich der Videobeweis bisher als wertvoll erwiesen hat und keineswegs für ein Chaos sorgte, wie es noch vor einem Jahr beim Test vom Confed Cup zu erleben war. Die Order, den Videobeweis sparsam einzusetzen, erweist sich als richtig, ebenso, dass die Schiedsrichter großzügig leiten und nicht jeden kleinen Rempler gleich als Foul werten. Eine Tatsache, die vor allem die Bundesliga-Profis verblüfft. Da wunderte sich auch Khedira vor dem entscheidenden Tor gegen Mexiko, als er nach einer harmlosen Kollision in Erwartung eines Pfiffes die Arbeit einstellte. Das Motto „ruhe sanft“ ist nichts für Fußball-Profis!

Ronaldo gegen Messi 3:0

Vor einem WM-Turnier machen sich ja viele immer Gedanken, wer am Ende der Spieler des Turniers sein werde, wer Torschützenkönig usw. Wenn es um den besten Spieler geht, stehen die Weltfußballer natürlich ganz oben auf der Liste und bei den großen Stars steht es nach dem Auftritt glatt 3:0 für Cristiano Ronaldo gegen seinen alten Kontrahenten Lionel Messi. Es war fast eine Demütigung für den kleinen Argentinier. Ronaldo erzielte alle drei Treffer beim 3:3 gegen Spanien für Portugal, auch per Elfmeter und mit Freistoß. Messi aber verschoss einen Elfmeter und setzte den letzten Freistoß, der Argentinien hätte den Sieg bringen können, über die Latte. Und der dritte im Bunde, der Brasilianer Neymar, bekanntlich der teuerste Spieler auf der Welt, der tauchte gegen die Schweiz fast gar nicht auf. Na gut, er muss nach einer langen Verletzung erst in Schwung kommen und betrachtete die Partie wohl für sich erst einmal als Vorbereitung (siehe oben). Außerdem will er mit Ronaldo und Messi gar nicht konkurrieren. „Die sind von einem anderen Stern“, hat Neymar betont und sieht sich gleichzeitig damit als bester Spieler dieser Welt. So einfach ist das. Nur gewinnen, das ist für die Favoriten gar nicht so einfach… Die Fußball-WM kann noch ganz interessant werden.

Der schwerste Tag vor der WM

Bundestrainer Joachim Löw ging mit der Gelassenheit des alten Hasen und des Weltmeisters an die undankbarste Aufgabe eines Trainers heran: Die Reduzierung des Kaders, die Bekanntgabe der Streichliste. 27 Spieler durften sich zu Beginn des Trainingslagers in Girlan/Südtirol Hoffnungen auf die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland machen, aber es war klar, dass vier nicht mitfahren könnten. Rund 20 Spieler konnten sich ihrer Sache sicher sein, der Rest trainierte zwischen Hoffen und Bangen.

Jogi Löw steht alle zwei Jahre vor einer Welt- oder Europameisterschaft wie alle seine Kollegen in der ganzen Welt vor dieser undankbaren Aufgabe. Es ist der schwerste Tag vor der WM. Mit menschlichem und taktischem Feingefühl ging er die Aufgabe schon Tage vorher an, mit dem Geständnis: „Mein Job ist es leider auch, Träume platzen zu lassen.“ Und dann verteilt er „Zuckerl“, lobt die Gestrichenen, so dass man manchmal erstaunt ist, warum der Trainer auf so einen wertvollen Spieler überhaupt verzichtet. Aber er sorgt auch für Überraschungen. So strich er diesmal Torhüter Bernd Leno aus Leverkusen („Er war 2016 dabei, diesmal nehmen wir Kevin Trapp mit, sie stehen auf einem Level“), es war ihm egal, dass Leno im Gegensatz zu Trapp wesentlich mehr Spielpraxis hatte. So traf es gleich zwei Leverkusener, denn Jonathan Tah war von vornherein erster Streichkandidat, er war der Backup für den verletzten Jerome Boateng, dessen WM-Teilnahme nun sicher ist. Bei Torjäger Nils Petersen war es ähnlich, er erhielt den Vorzug vor Sandro Wagner, durfte reinschnuppern und verabschiedete sich still. Da ging Löw wohl einem Krach im Trainingslager aus dem Weg, nachdem Wagner seine Nichtnominierung für den WM-Kader ziemlich forsch und lautstark kritisiert hatte. Löw ahnte das wohl.

Viele stellen sich die Frage, warum das 22-Jährige Talent Leroy Sané nicht dabei ist. Sein Marktwert beträgt 90 Millionen Euro, er war damit der teuerste Spieler im WM-Kader und „Rookie of the Year“ in der Premiere League in England. Sein Trainer Pep Guardiola hält große Stücke auf ihn und Ex-Kapitän Michael Ballack twitterte wohl stellvertretend für viele, dass es unverständlich sei, auf Sané zu verzichten und er schrieb „kein Sane-Tag von Löw“. Der Bundestrainer aber verteilte eben „Zuckerl“: „Es war eine knappe Entscheidung gegenüber Julian Brandt, sie sind fast auf gleicher Höhe, es konnte aber nur einer mitfahren.“ Was er nicht sagte: Brandt ist pflegeleichter, hat nicht so seinen eigenen Kopf wie Sané und arbeitet disziplinierter.“ Er wird still auf der Weg sitzen, ohne saure Miene. Aber: Wer jetzt zu Hause bleibt, darf künftig doch wiederkommen. Ob Leno, Tah, Petersen oder Sané, ab September steht ihnen die Tür zur Nationalmannschaft wieder offen.

Mit der Bekanntgabe des Kaders war auch das große Thema der vergangenen Wochen abgeschlossen. Der „Fuß der Nation“ hat gehalten, Kapitän Manuel Neuer kehrte nach neun Monaten zurück, als ob er nie fortgewesen sei. Es ist das Schicksal des Marc-Andre ter Stegen, dass der beste Torhüter der Welt vor ihm steht. Er muss warten, er ist 26 Jahre alt, Neuer ist 32. ter Stegen teilt das Schicksal vieler Torhüter, die warten müssen, bis ihr großer Vorgänger abtritt. Auch ter Stegen ist Weltklasse, gehört ebenfalls zu den Besten der Welt. Vorteil Neuer: Er ist Kapitän, hat eine unvergleichliche Ausstrahlung, hat das Torhüterspiel auf ein neues Level gehoben und gilt als erster Spielmacher des Aufbauspiels. Und er ist Weltmeister, er ist Titelverteidiger. Neun Weltmeister sind noch dabei, 23 Spieler im DFB-Kader hoffen auf eine erfolgreiche Titelverteidigung. Und Jogi Löw natürlich.

Übrigens: Das 1:2 nach dem Gewitterregen in Klagenfurt gegen Österreich sollte die Fußball-Fans nicht erschüttern. Lasst den Österreichern den Jubel, aber es hat schon Tradition, dass das DFB-Team vor einem Turnier schwache Spiele abliefert. Es hat aber genauso Tradition, dass Deutschland eine starke Turnier-Mannschaft ist. In Form sind auch andere nicht, so klagten auch die Gruppengegner Mexiko, Schweden und Südkorea über eine schwache Vorbereitung. Aber es gab auch Jubel. Brasilien freute sich über das Comeback von Neymar, der teuerste Spieler der Welt ist der Hoffnungsträger auf den Titelgewinn. Und Ägypten hat Liverpools Pechvogel Salah im Kader, der seine Schulterverletzung vom Finale der Champions League rechtzeitig auskuriert haben soll. Vom Titel träumt man in Ägypten deswegen aber nicht. Auffallend auch: Gastgeber Russland verzichtet auf deutsche Unterstützung, Roman Neustädter und Konstantin Rausch wurden aus dem Kader gestrichen. Dabei hatten sie (beide russischer Vergangenheit) extra die russische Staatsbürgerschaft angenommen, hatten sich aber wohl zu sehr als Russen gefühlt. Ein nicht genehmigter Disco-Besuch stieß sauer auf. Pech gehabt. Da konnte Jogi Löw seine Entscheidungen zum Glück nach anderen Kriterien treffen.

Welches WM-Aufgebot hätten’s denn gern?

Die nationalen Fußball-Ligen beenden in diesen Tagen ihre Meisterschaften, das bedeutet, nach der Punktrunde ist vor der Weltmeisterschaft. Die WM 2018 in Russland (14. Juni bis 15. Juli) beschäftigt natürlich seit geraumer Zeit die Öffentlichkeit, die Medien und die Fans. Doch jetzt wird es langsam ernst, denn am 15. Mai müssen die erweiterten WM-Kader gemeldet werden. Höchstens 35 Spieler dürfen auf dieser Liste stehen, Bundestrainer Joachim Löw hat diese Zahl nur selten ganz genutzt.

Jetzt steigt die Spannung und es ist die Zeit der millionenfachen Bundestrainer, die ihren eigenen WM-Kader zusammenstellen und die am Ende wissen wollen, ob sie einen Volltreffer gelandet haben. Das Motto: Welches WM-Aufgebot hätten’s denn gern?

Es gibt auch für Bundestrainer Jogi Löw noch einige Fragezeichen, das dickste steht hinter dem seit September verletzten Kapitän Manuel Neuer, der nach wie vor sein Comeback verschieben muss und vor der WM kaum noch Spielpraxis sammeln kann. Geht der Bundestrainer das Risiko ein, dem Wackelkandidaten einen Platz frei zu halten? Der Welttorhüter gilt auch abseits des Spielfelds als wichtige Figur im Team, doch das allein kann natürlich eine Nominierung nicht rechtfertigen. Aber auch Jerome Boateng und Emre Can sind angeschlagene Wackelkandidaten, nachdem Lars Stindl und Serge Gnabry wegen Verletzungen schon absagen mussten.

Der endgültige WM-Kader muss am Montag, 4. Juni, benannt werden. Davor gibt es das Trainingslager in Eppan in Südtirol vom 23. Mai bis 7. Juni und das Testspiel gegen Österreich am Samstag, 2. Juni (18 Uhr) in Klagenfurt. Da geht es also um die endgültigen Plätze, als sicher gilt nämlich, dass Löw nicht nur 23 Spieler, sondern eher 26 mit ins Trainingslager nehmen wird.

Eigentlich spricht der Bundestrainer davon, dass er jede Position doppelt besetzt haben will, doch das geht nicht eins zu eins auf, wenn er auch drei Torhüter und 20 Feldspieler nominieren darf. Gerade im Mittelfeld ist aber das Angebot größer. Andererseits fehlt Löw auch ein zweiter rechter Außenverteidiger hinter Joshua Kimmich und es ist fraglich, ob Marvin Plattenhardt das WM-Ticket als Backup zu Jonas Hector auf der linken Seite ergattern kann. Gefragt sind deshalb Spieler, die für mehrere Positionen in Frage kommen, Allrounder also, wie es Matthias Ginter einer ist, der nicht nur Innenverteidiger spielen kann, sondern auch Außenverteidiger oder als defensiver Mittelfeldmann agieren kann. Ähnliches gilt für Sebastian Rudy, auch Niklas Süle zeigte sich schon in dieser Rolle. Solche Fähigkeiten könnten also das WM-Ticket bedeuten. Die Frage ist auch, ob Löw gleich zwei klassische Mittelstürmer nominieren wird oder ob er sich zwischen Platzhalter Mario Gomez und Herausforderer Sandro Wagner entscheidet. Das könnte eine typische Bauchentscheidung werden. Der schnelle Timo Werner hat seinen Platz wohl sicher.

Aber es gibt natürlich viele Fragezeichen, nicht nur durch die Verletzungen. Was wird zum Beispiel mit Mario Götze? Der Siegtorschütze von 2014 schlitterte in eine gesundheitliche und spielerische Krise, befindet sich aber auf dem Weg nach oben. Wer sind die besten Flügelflitzer? Thomas Müller findet seinen Platz wohl auf der rechten Seite, obwohl er ja lieber weiter in der Mitte für Unruhe sorgt. Das erweiterte Aufgebot wird also Hinweise geben, aber noch keine endgültige Antwort.

Auch der Sport-Grantler spielt Bundestrainer, so könnte das WM-Aufgebot aussehen:

Torhüter (3+2): Manuel Neuer, Marc-Andre ter Stegen, Bernd Leno (dazu im erweiterten Aufgebot Sven Ulreich, Kevin Trapp). Abwehr (7+2): Mats Hummels, Jerome Boateng, Niklas Süle, Antonio Rüdiger, Joshua Kimmich, Jonas Hector, Matthias Ginter (dazu Shkedran Mustafi, Marvin Plattenhardt). – Mittelfeld/Angriff (13+5): Toni Kroos, Thomas Müller, Sami Khedira, Mesut Özil, Ilkay Gündogan, Julian Draxler, Leroy Sane, Marco Reus, Leon Goretzka, Timo Werner, Sandro Wagner, Mario Götze, Emre Can (dazu Mario Gomez, Julian Brandt, Sebastian Rudy, Julian Weigl, Kevin Volland). Macht 32 Spieler im erweiterten Aufgebot.

Der Fahrplan bis zur WM: 23. Mai bis 7. Juni Trainingslager in Eppan/Südtirol. 2. Juni Testspiel in Klagenfurt gegen Österreich. 4. Juni Meldeschluss WM-Kader. 8. Juni Testspiel in Leverkusen gegen Saudi-Arabien. 12. Juni Anreise ins WM-Quartier Watutinki bei Moskau. 17. Juni erstes Gruppenspiel gegen Mexiko in Moskau (17.00 Uhr).

Start in das WM-Jahr – die heiße Fußball-Zeit beginnt

Am Freitag, 16. März, fiel gewissermaßen der Startschuss: In der Champions League wurde das Viertelfinale ausgelost, die Top-Teams sind unter sich. Zwei Stunden später verkündete Deutschlands Bundestrainer Joachim Löw seinen Kader für die Länderspiele gegen Spanien und Brasilien, die erste Auswahl im WM-Jahr, die wohl Fingerzeige geben sollte. Das bedeutet: Wir haben den Start in das WM-Jahr – die heiße Fußball-Zeit beginnt.

Das es heiß wird, davon kann vor allem der FC Bayern München reden, denn nach der Länderspielpause stehen dem Deutschen Meister vom 31. März an (Gegner Dortmund) mit Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League (also das Triple, von dem die Bayern träumen) sieben Spiele in 21 Tagen bevor, der April wird der Monat der Entscheidung. Der Start in die heiße Phase war für die Münchner glücklich, bei der Viertelfinal-Auslosung der Champions League wurde keiner der großen Favoriten gezogen, sondern der FC Sevilla. Doch Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, „es gibt keine leichten Gegner mehr“, heißt es natürlich, aber Sevilla ist sicher leichter als Barcelona oder Real Madrid. Das Halbfinale sollte möglich sein. Aber: Sevilla gewann schließlich die Europa League von 2014 bis 2016 dreimal hintereinander und schaltete Manchester United aus. So schlecht sind die Spanier also nicht.

Drei Teams aus Spanien, zwei aus England und Italien sowie die Bayern schafften es ins Viertelfinale. Ein englischer Vertreter wird auch im Halbfinale zu finden sein, denn der FC Liverpool und Manchester City treffen aufeinander, die alten Konkurrenten Jürgen Klopp und Pep Guardiola duellieren sich also wieder. Erstaunlich: Die Bilanz spricht mit sechs Siegen, einem Remis und fünf Niederlagen für Klopp! Das zweite heiße Duell ist der Aufguss des letzten Finals, Juventus Turin und Titelverteidiger Real Madrid treffen sich diesmal bereits im Viertelfinale. Schwierig für die alten Herren der alten Dame Juve, Real will seine letzte Chance auf einen Pokal in der Champions League nutzen und außerdem den historischen Triumph erweitern: Sie schafften erstmals eine erfolgreiche Titelverteidigung, jetzt wollen Ronaldo und Co. den Hattrick. Er ist nur noch fünf Spiele entfernt. Im vierten Duell ist der FC Barcelona großer Favorit gegen den AS Rom.

Im April und Mai gehören die Fußball-Schlagzeilen der Champions League, danach übernimmt endgültig die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Doch die WM ist quasi bei jedem Spiel präsent, geht es doch um die endgültige Auswahl der Nationaltrainer, jedes Match ist eine Bewährungsprobe für die Kandidaten. Bundestrainer Joachim Löw hat ein bisschen Einblick gegeben, aber die Karten noch nicht auf den Tisch gelegt. Der Kader für die Länderspiele gegen Spanien am 23. März in Düsseldorf und Brasilien am 27. März in Berlin wurde bewusst groß gehalten. Bei 26 Spielern muss Löw nicht allzu viele enttäuschen, zumal er zwei Kandidaten guten Gewissens zu Hause lassen kann, nämlich die Dortmunder Marco Reus und Mario Götze, die nach langer Verletzungspause noch nicht in Hochform sein können und sich lieber schonen sollen. Sie stehen auf der Warteliste. So ist kein einziger Dortmunder im Aufgebot. Das Ausscheiden gegen Salzburg in der Europa League (1:2 und 0:0) zeigte, warum.

Ein bisschen in die Karten schauen kann man Jogi Löw jedoch schon, obwohl er wie üblich betont, dass die Tür für jeden noch offen stehe. So hält er an seinem bekannten Torhüter-Trio fest (außer Kapitän Manuel Neuer auf den er ja noch hofft), Münchens Neuer-Vertreter Sven Ulreich, der derzeit als bester Torhüter der Bundesliga gilt, bekam keine Chance. Wenn Löw ihn hätte testen wollen, dann wohl jetzt. Das gilt auch für den Augsburger Philipp Max, dem viele eine Chance als Linksverteidiger gegeben hätten, schließlich ist er der Vorlagen-König der Bundesliga. Statt ihm kehrt der etablierte Jonas Hector vom 1. FC Köln wieder zurück. Ein schlechtes Zeichen hat wohl auch Flügelflitzer Amin Younes bekommen, der gerade bei Ajax Amsterdam Probleme hat, denn er fehlt.

Dagegen drückt sich Löw bei 26 Kandidaten vor weiteren Entscheidungen. So sind neben Timo Werner die klassischen Strafraum-Mittelstürmer Mario Gomez und Sandro Wagner dabei, doch nur für einen wird Platz im WM-Aufgebot sein. Kandidaten für die Streichliste sind wohl auch Lars Stindl (Gladbach) und Sebastian Rudy (Bayern). Der eine hat nicht die Form wie zum Beispiel vom Confed-Cup, der andere hat nicht allzu viele Spielanteile beim neuen Verein. Keine guten WM-Voraussetzungen.

Soll es draußen auch noch einmal stürmen und schneien, der Fußball ist ganz heiß. Das Frühjahr ist traditionell in den großen Ligen die Zeit der Entscheidungen. Im Fußball wird die Ernte im April und Mai eingefahren, doch die Mehrheit der Klubs wird am Ende eher von einer schlechten Ernte sprechen.

Ist Deutschland jetzt unschlagbar?

Das war ein Paukenschlag, der die Fußball-Welt aufhorchen ließ: Deutschlands U 21 wurde am Freitag, 30. Juni, Junioren-Europameister, zwei Tage später holte Deutschland in St. Petersburg auch noch den Confed Cup. Das Besondere an der Situation: Bundestrainer Joachim Löw hatte auf das Gros der Weltmeister von 2014 beim Confed Cup verzichtet und acht Spieler im jüngsten Kader des Turniers, die noch in der U 21 hätten spielen können. Und dennoch wurden die U 21 Europameister! Welch ein Potential hat der deutsche Fußball! Die Fußball-Welt ist in Aufruhr: Ist Deutschland jetzt unschlagbar?

In beiden Endspielen gab es das gleiche Muster. Der Gegner war jedes Mal Favorit. Da die jungen Spanier, die teilweise bereits in der Champions League für Furore gesorgt hatten und schon als künftige Stars gehandelt werden. Dort der Südamerika-Meister Chile, der in Person von Anführer Arturo Vidal tönte: „Wir werden siegen und dann sind wir die Besten der Welt.“ Deutschland gewann jeweils mit 1:0. Nicht mit spielerischem Glanz, aber doch mit hohem technischem Niveau, aber vor allem mit Kampfgeist und Siegeswillen. Der kann bekanntlich Berge versetzen – und damit kann man Pokale gewinnen. Auch wenn die meisten Weltmeister sich eine Ruhepause gönnen.

Jogi Löws Vorgänger und Ex-USA-Nationalcoach Jürgen Klinsmann schaut bewundernd auf das deutsche Aufgebot und konstatiert: Jogi Löw hat eine Auswahl von 50 Spielern für die Weltmeisterschaft 2018. Da ist das A-Team, das mehr oder weniger Pause hatte, da sind die Gewinner des Confed Cups, die an der Tür zur Nationalmannschaft rütteln und da sind die Junioren-Europameister, die davon träumen, das zu wiederholen, was Neuer, Höwedes, Boateng, Khedira, Özil und Co. schafften: 2009 Europameister und dann 2014 Weltmeister. Heißt: 2018 in Russland werden noch andere den Vortritt im DFB-Team haben, aber 2022 in Katar sind die Europameister von 2017 dran. Die Fußball-Welt hat nur eine Hoffnung: Nicht immer werden die Junioren-Europameister später auch Weltmeister. Das wäre zu einfach.

Bundestrainer Joachim Löw hat das Glück, dass er Spieler für jede taktische Ausrichtung hat und jede Menge flexibler Spieler, die für ein WM-Aufgebot unheimlich wichtig sind. Aber jetzt hat er eine einfache und eine schwere Aufgabe. Die einfache Aufgabe ist, die 23 besten Kandidaten für das WM-Team zu finden. Er kann dabei fast keine Fehler machen und Verletzungssorgen wird er kaum kennen, denn es steht auf jeder Position adäquater Ersatz bereit. Seine Aufgabe wird es sein, die Jungs in Form zu bringen und wie bei der U 21 und beim Confed Cup sowie 2014 in Brasilien eine echte Mannschaft zu formen.

Die schwere Aufgabe hat es in sich, Löw muss die Euphorie in Deutschland dämpfen. Logisch, wenn ein B-Team den Confed Cup gewinnt, wird das A-Team Weltmeister. Doch Löw beginnt bereits jetzt die Schwierigkeiten herauszuarbeiten: Die Talente sind noch nicht so weit, eine Weltmeisterschaft ist ein anderes Kaliber als ein Confed Cup, gegen Argentinien, Brasilien, Italien, England oder Spanien geht es anders zur Sache. Der Bundestrainer muss Kritik vorbeugen, ein frühzeitiges Scheitern bei der WM würde als Bumerang auf ihn zurückkommen, nach dem Motto: Bei so einer Auswahl muss herauskommen.

Doch das ist Zukunftsmusik oder die Zukunftsangst des Herrn Löw. Zunächst muss erst die WM-Qualifikation bestanden werden und da ist Deutschland (noch ohne Punktverlust) auf einem guten Weg. Und dann muss man wirklich erst sehen, wie stark die Gegner sind und was sie auf die Beine stellen. Favoriten sind oft gescheitert, wie jetzt bei der U 21-EM und beim Confed Cup. Joachim Löw muss sich die nächsten zwölf Monate vielleicht mehr mit Ausreden für den Fall der Fälle beschäftigen als mit der Taktik gegen die künftigen Gegner.

Das könnte nach heutigem Stand das WM-Aufgebot Deutschlands sein:

Tor: Neuer, ter Stegen, Trapp. – Abwehr: Boateng, Hummels, Rüdiger, Mustafi, Kimmich, Hector, Henrichs, Toljan. – Mittelfeld: Kroos, Khedira, Goretzka, Stindl, Rudy, Özil. – Angriff: Müller, Gomez, Werner, Reus, Draxler, Sané. Und dabei fehlen in dieser Aufzählung Höwedes, Gündogan, Can, Ginter, Götze, Schürrle, Weiser, Gnabry und andere, die sich ebenfalls in den Vordergrund gespielt haben. Welch eine Auswahl!