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Tag: Joachim Löw

Niemand will die Bayern zum Meister machen

Seltsame Fußball-Bundesliga: Erst findet sich in der Saison kein ernsthafter Konkurrent für den Titelverteidiger Bayern München (nachdem die Anfangseuphorie in Dortmund verflogen ist), am Ende, dann, wenn der letzte Schritt der Münchner zum Titelgewinn ansteht, da begehren die Gegner plötzlich auf. Unisono heißt es: „Die Bayern werden ja sowieso Meister, aber bei uns sollen sie es nicht werden.“ Dies ist am Samstag auch die Gefühlslage in Augsburg. Die Bayern Meister beim FCA – keine angenehme Vorstellung bei den FCA-Fans, die kaum Sympathien für den übermächtigen Nachbarn haben.

Die Augsburger wissen, sie brauchen im Derby einen Glanztag, damit die Bayern nicht feiern. Allerdings haben die Schwaben den Vorteil, dass die Bundesliga derzeit für die Münchner nur ein Pflichtprogramm darstellt, im Mittelpunkt stehen die zwei Duelle mit dem FC Sevilla in der Champions League. Da geht es am 3. und 11. April um den Einzug ins Halbfinale und der Gegner könnte eine größere Hürde sein, als bei der Auslosung erhofft. Das 2:2 von Sevilla gegen den FC Barcelona am Wochenende war Warnung genug. Zurück zu Augsburg und die Hoffnung der FCA-Fans: Bayern-Trainer Jupp Heynckes wird zwischen den Sevilla-Spielen wohl rotieren lassen. Motto: Meister werden wir sowieso, wann, ist egal. Die Bayern könnten aber in Konkurrenz treten zu den anderen dominanten Teams in Europa: Manchester City führt in England mit 16 Punkten Vorsprung, Paris St. Germain hat in Frankreich 17 Zähler Abstand auf Monaco, genauso also wie die Bayern gegenüber dem Bundesliga-Zweiten Schalke 04. Wer wird zuerst Meister?

Eines zeigte sich am vergangenen Wochenende: Das 6:0 gegen Borussia Dortmund bewies, dass die Bayern für Sevilla gerüstet sind. Doch so leicht wird es ihnen von den Spaniern nicht gemacht werden. Das 6:0 bewies nämlich auch, dass Dortmund derzeit kein ernsthafter Bayern-Konkurrent ist. Fast unglaublich, dass die Dortmunder am Anfang mal fünf Punkte Vorsprung vor den Münchnern hatten. Jetzt wurden die Westfalen zum Sorgenkind. Was der Mannschaft fehlt, ist eine echte Führungspersönlichkeit. Weil die nicht mehr auf den Rasen geholt werden kann, bauen die Macher um Boss Watzke und Sportchef Zorc auf Führung rund um die Mannschaft. Der einstige Kapitän Sebastian Kehl soll als neuer Leiter der Lizenzspielerabteilung (unter Zorc) nah an die Mannschaft rücken, der einstige Trainer Matthias Sammer soll als externer Berater aufzeigen, wo die Schwachstellen im Mannschaftsgefüge liegen. Nach dem spielerischen Offenbarungseid der Dortmunder in den letzten Wochen und vor allem in München sind auch die Tage von Trainer Peter Stöger gezählt. Nach der Saison wird erst der richtige große Umbruch kommen.

Die Bundesliga bietet kaum sehenswerte Unterhaltung (immerhin gab es diesmal zwei 6:0-Klatschen), aber weiterhin Spannung. Der Kampf um Europa und gegen den Abstieg geht weiter und bietet am kommenden Wochenende zwei brisante direkte Duelle: Bei Frankfurt gegen Hoffenheim und Leipzig gegen Leverkusen geht es um die Fleischtöpfe in Champions League und Europa League. Dagegen spielt Köln gegen Mainz quasi um die letzte Chance auf den Klassenerhalt, weil eben der direkte Anschluss an einen Konkurrenten geschafft werden kann, bei Freiburg gegen Wolfsburg wiederum heißt es, der Sieger bekommt Luft, der Verlierer verstärkt Atemnot im Abstiegskampf. Spielerische Klasse dürfen wir freilich nicht erwarten.

Spielerische Klasse zeigte zweifellos die Nationalmannschaft. Mehr beim 1:1 gegen Spanien, weniger beim 0:1 gegen Brasilien, doch da bot Jogi Löw mehr seine zweite Garnitur auf. Der Bundestrainer begünstigte das Vorhaben der Brasilianer, sich ein bisschen wenigstens für das 1:7 bei der Weltmeisterschaft 2014 zu revanchieren. So hat die geschundene Fußballseele der Südamerikaner wenigstens ein bisschen Ruhe. Deutschland aber gewann seine letzten vier WM-Testspiele gegen England, Frankreich, Spanien und Brasilien nicht (drei Unentschieden, vier Spiele ohne Sieg gab es zuletzt 2004!) und machte damit deutlich: Der Weg zu einer erfolgreichen Titelverteidigung im Sommer in Russland wird kein Spaziergang. Genau diese Testgegner werden auch die größten Konkurrenten sein, wobei Spanien den besten Eindruck hinterließ. Jogi Löw dürfte aber schon Erkenntnisse gewonnen haben, wer ihm in Russland nicht unbedingt helfen kann. Das Berliner Stadion war übrigens ausverkauft, die Fans mussten aber wieder das alte Leiden der Freundschaftsspiele hinnehmen, viel Geld für wenige Stars. Insofern war diese Begegnung sogar ein Plädoyer für die neu geschaffene und in der Kritik stehende Nations League.

Bei der WM soll es auch den Videobeweis geben und das ohne große Tests vorher. Wie kompliziert der Videobeweis ist, der eigentlich Klarheit und Gerechtigkeit bringen soll, zeigte sich wieder in der Bundesliga. Einmal wird eine knappe Abseitsentscheidung geahndet, bei einem anderen Spiel wiederum nicht. Logisch, dass die Aufregung groß ist, wer sich benachteiligt fühlt, wehrt sich. Hannover will bei der DFL sogar Beschwerde einlegen. Fehler dürfen passieren, aber nur zu Ungunsten des Gegners… Und wenn die gefühlte Benachteiligung besonders krass ist, dann flippt auch mal ein Trainer richtig aus. Ein Wunder, dass Freiburgs Coach Christian Streich beim Ärger über ungerechtfertigte Gelbe Karten keinen Herzinfarkt erlitten hat. Aber die Szenen seiner Aufregung zeigten deutlich: Die Bundesliga kann gesundheitsschädlich sein. Die EU wird sicherlich bald entsprechende Warnhinweise vorschreiben.

Die Bundesliga hat ein Eigentor erzielt

Die Fußball-Bundesliga hatte zwar wie alle Ligen in Europa Länderspielpause und dennoch war sie aktiv und hat dabei ein Eigentor erzielt. Eine unter seltsamen Umständen zustande gekommene Entscheidung bei der Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in Frankfurt gefährdet eine gute Zukunft. In einer Art Handstreich hat Andreas Rettig, Geschäftsführer vom Zweitligisten FC St. Pauli, eine knappe Mehrheit der Vereinsvertreter hinter sich gebracht und dafür gesorgt, dass die umstrittene 50+1-Regelung vorerst erhalten bleibt. Die besagt, dass die Mehrheit beim Verein bleiben muss und verschließt die Türen für Geldgeber. Allerdings gibt es bereits Ausnahmen und Auswüchse, was beweist, dass die derzeitige Regelung nicht mehr zeitgemäß ist. Es wurde versäumt, eine echte Entwicklung in die Wege zu leiten, damit auch die kartellrechtlichen und juristischen Zweifel ausgeräumt werden könnten. Das heißt aber auch, dass der Geldfluss für die Liga erschwert bleibt, dass die Bundesliga weiterhin Gefahr läuft, von den Klubs aus Spanien, England, Italien und bald auch Frankreich sportlich abgehängt zu werden. Siehe die diesjährige katastrophale Saison.

Was die Bundesliga angeht, wird derzeit ja auch (ebenfalls auf diesen Seiten) das schwache Niveau der Liga diskutiert. Zum Glück macht da die Nationalmannschaft nicht mit. Ganz im Gegenteil, die DFB-Elf zeigte beim 1:1 gegen Spanien erstaunlich hohes Niveau und begegnete dem Tiki-Taka des Gegners auf gleicher Höhe. Es war ein überaus wertvoller Test für Bundestrainer Joachim Löw und seine Mannen, er zeigte, dass der Weltmeister nach wie vor weltmeisterliche Klasse hat, er zeigte aber auch, dass Deutschland damit nicht alleine ist. Spanien schwingt sich zu alter Klasse auf, auch andere Nationen wie zum Beispiel Brasilien machten auf sich aufmerksam. Deutschland wurden die Augen geöffnet, falls sich überhaupt jemand falschen Träumen hingab: Eine erfolgreiche Titelverteidigung wird bei der Weltmeisterschaft in Russland kein Selbstläufer.

An Ostern übernimmt wieder die Bundesliga das Kommando, der Endspurt beginnt. Noch sieben Spieltage stehen an, es geht um Europa, um den Klassenerhalt und für viele Spieler um einen Platz im WM-Aufgebot. Eigentlich müssten Teams und Spieler auf dem Rasen ein Feuerwerk abbrennen, dürften nur Siege zählen, aber wahrscheinlich lähmt der Druck und es bleibt oberstes Gebot, nur nicht zu verlieren. Die Ausnahme ist – wie fast immer – der FC Bayern München, der eventuell nicht nur Ostern, sondern auch die Deutsche Meisterschaft feiern könnte. Die Konstellation ist allerdings nicht so günstig, denn Verfolger Schalke 04 ist gegen den SC Freiburg Favorit (ein 1:0 liegt in der Luft) und die Bayern selbst müssen gegen den alten Rivalen Borussia Dortmund bestehen. Dortmund ist zwar aktuell nicht auf Augenhöhe, aber unter Peter Stöger in der Bundesliga noch ungeschlagen. Die Bayern haben nach einer Länderspielpause meist Probleme wieder in Schwung zu kommen. Doch die Zeit drängt für sie, denn im April stehen die entscheidenden Spiele an, so folgt schon am 3. April die Prüfung in Sevilla im Viertelfinale der Champions League.

Ungünstig für den Meister, dass genau in diese Zeit die Diskussion um den künftigen Trainer wieder aufflammt und zudem Torjäger Robert Lewandowski immer wieder mit Wechselgerüchten in den Medien auftaucht. Wechselgelüsten des Polen einen Riegel vorzuschieben ist leicht, er hat schließlich Vertrag bis 2021 und die Bayern haben keine Verkaufsabsichten. Schwerer zu lösen ist die Trainerfrage. Die Diskussion im Verein, ob Thomas Tuchel der Nachfolger von Jupp Heynckes werden soll oder nicht, beendet Tuchel offensichtlich auf seine Weise: Den Medien zufolge wechselt er ins Ausland. Die einen sehen ihn als Nachfolger von Arsene Wenger bei Arsenal London, die anderen sehen ihn bei Chelsea London oder sogar Paris St. Germain. Wie auch immer, Tuchel geht wohl immer zu einem Spitzenverein.

Dagegen muss sein quasi Nachfolger in Dortmund, Peter Stöger, um seine Zukunft noch kämpfen. Bei der Borussia ist man von dem Österreicher nicht hundertprozentig überzeugt, was die Zukunft angeht. Ein Erfolgserlebnis in München könnte auch Stöger helfen, zwei Niederlagen hintereinander (zuletzt 1:2 in Leipzig) können sich die Bayern allerdings im Hinblick auf Sevilla nicht leisten. Sie müssen eher zeigen, dass sie für die Champions League gerüstet sind. Diesbezüglich könnten sie sich ein Beispiel an der Nationalmannschaft nehmen.

Noch mehr als das Geschehen an der Spitze wird im April vor allem der Abstiegskampf im Mittelpunkt stehen. In erster Linie Hamburg, Köln, Mainz und Wolfsburg sind dringend auf Punkte angewiesen, zwei dieser Kandidaten wird es erwischen, nur einer hat am Ende die Bundesliga sicher. Vielleicht bleibt die Spannung bis zum letzten Spieltag, wenn sich Wolfsburg und Köln gegenüberstehen. Übrigens: Besonders krass ist der Abstiegskampf eine Etage tiefer, da können Vereine, die um den Aufstieg kämpfen kurze Zeit später mitten im Abstiegskampf stecken. „Liga der Angst“ titelt die Fachzeitung kicker, was eigentlich alles beschreibt. Oder ist der April, eigentlich im Frühling eher ein Monat der Hoffnung, im Fußball ein Monat der Angst?

Start in das WM-Jahr – die heiße Fußball-Zeit beginnt

Am Freitag, 16. März, fiel gewissermaßen der Startschuss: In der Champions League wurde das Viertelfinale ausgelost, die Top-Teams sind unter sich. Zwei Stunden später verkündete Deutschlands Bundestrainer Joachim Löw seinen Kader für die Länderspiele gegen Spanien und Brasilien, die erste Auswahl im WM-Jahr, die wohl Fingerzeige geben sollte. Das bedeutet: Wir haben den Start in das WM-Jahr – die heiße Fußball-Zeit beginnt.

Das es heiß wird, davon kann vor allem der FC Bayern München reden, denn nach der Länderspielpause stehen dem Deutschen Meister vom 31. März an (Gegner Dortmund) mit Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League (also das Triple, von dem die Bayern träumen) sieben Spiele in 21 Tagen bevor, der April wird der Monat der Entscheidung. Der Start in die heiße Phase war für die Münchner glücklich, bei der Viertelfinal-Auslosung der Champions League wurde keiner der großen Favoriten gezogen, sondern der FC Sevilla. Doch Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, „es gibt keine leichten Gegner mehr“, heißt es natürlich, aber Sevilla ist sicher leichter als Barcelona oder Real Madrid. Das Halbfinale sollte möglich sein. Aber: Sevilla gewann schließlich die Europa League von 2014 bis 2016 dreimal hintereinander und schaltete Manchester United aus. So schlecht sind die Spanier also nicht.

Drei Teams aus Spanien, zwei aus England und Italien sowie die Bayern schafften es ins Viertelfinale. Ein englischer Vertreter wird auch im Halbfinale zu finden sein, denn der FC Liverpool und Manchester City treffen aufeinander, die alten Konkurrenten Jürgen Klopp und Pep Guardiola duellieren sich also wieder. Erstaunlich: Die Bilanz spricht mit sechs Siegen, einem Remis und fünf Niederlagen für Klopp! Das zweite heiße Duell ist der Aufguss des letzten Finals, Juventus Turin und Titelverteidiger Real Madrid treffen sich diesmal bereits im Viertelfinale. Schwierig für die alten Herren der alten Dame Juve, Real will seine letzte Chance auf einen Pokal in der Champions League nutzen und außerdem den historischen Triumph erweitern: Sie schafften erstmals eine erfolgreiche Titelverteidigung, jetzt wollen Ronaldo und Co. den Hattrick. Er ist nur noch fünf Spiele entfernt. Im vierten Duell ist der FC Barcelona großer Favorit gegen den AS Rom.

Im April und Mai gehören die Fußball-Schlagzeilen der Champions League, danach übernimmt endgültig die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Doch die WM ist quasi bei jedem Spiel präsent, geht es doch um die endgültige Auswahl der Nationaltrainer, jedes Match ist eine Bewährungsprobe für die Kandidaten. Bundestrainer Joachim Löw hat ein bisschen Einblick gegeben, aber die Karten noch nicht auf den Tisch gelegt. Der Kader für die Länderspiele gegen Spanien am 23. März in Düsseldorf und Brasilien am 27. März in Berlin wurde bewusst groß gehalten. Bei 26 Spielern muss Löw nicht allzu viele enttäuschen, zumal er zwei Kandidaten guten Gewissens zu Hause lassen kann, nämlich die Dortmunder Marco Reus und Mario Götze, die nach langer Verletzungspause noch nicht in Hochform sein können und sich lieber schonen sollen. Sie stehen auf der Warteliste. So ist kein einziger Dortmunder im Aufgebot. Das Ausscheiden gegen Salzburg in der Europa League (1:2 und 0:0) zeigte, warum.

Ein bisschen in die Karten schauen kann man Jogi Löw jedoch schon, obwohl er wie üblich betont, dass die Tür für jeden noch offen stehe. So hält er an seinem bekannten Torhüter-Trio fest (außer Kapitän Manuel Neuer auf den er ja noch hofft), Münchens Neuer-Vertreter Sven Ulreich, der derzeit als bester Torhüter der Bundesliga gilt, bekam keine Chance. Wenn Löw ihn hätte testen wollen, dann wohl jetzt. Das gilt auch für den Augsburger Philipp Max, dem viele eine Chance als Linksverteidiger gegeben hätten, schließlich ist er der Vorlagen-König der Bundesliga. Statt ihm kehrt der etablierte Jonas Hector vom 1. FC Köln wieder zurück. Ein schlechtes Zeichen hat wohl auch Flügelflitzer Amin Younes bekommen, der gerade bei Ajax Amsterdam Probleme hat, denn er fehlt.

Dagegen drückt sich Löw bei 26 Kandidaten vor weiteren Entscheidungen. So sind neben Timo Werner die klassischen Strafraum-Mittelstürmer Mario Gomez und Sandro Wagner dabei, doch nur für einen wird Platz im WM-Aufgebot sein. Kandidaten für die Streichliste sind wohl auch Lars Stindl (Gladbach) und Sebastian Rudy (Bayern). Der eine hat nicht die Form wie zum Beispiel vom Confed-Cup, der andere hat nicht allzu viele Spielanteile beim neuen Verein. Keine guten WM-Voraussetzungen.

Soll es draußen auch noch einmal stürmen und schneien, der Fußball ist ganz heiß. Das Frühjahr ist traditionell in den großen Ligen die Zeit der Entscheidungen. Im Fußball wird die Ernte im April und Mai eingefahren, doch die Mehrheit der Klubs wird am Ende eher von einer schlechten Ernte sprechen.

Helden für ein paar Tage

Handball gilt eigentlich als „deutsche Sportart“. Dies geht vor allem auf Feldhandball zurück, bei dem in grauer Handball-Vorzeit Deutschland dominierte. Der wesentlich attraktive Hallenhandball löste später den langweiligen Feldhandball ab, damit war auch die deutsche Dominanz zu Ende, aber eine erfolgreiche Zeit erlebt Deutschland auch im Hallenhandball. Die Konkurrenz hat allerdings aufgeholt, Deutschland teilweise überholt und heute ist vor allem Spannung Trumpf. Dennoch rückte Handball im Mannschaftssport hierzulande in den Hintergrund, als „deutsche Sportart“ kann man heute eher den Fußball bezeichnen. Handball aber wird unter Wert verkauft. Mit der Europameisterschaft vom 12. bis 28. Januar in Kroatien rückt die attraktive Sportart wieder ein bisschen in den Blickpunkt.

Dabei haben die Handballer mit den Fußballern vom Joachim Löw eines gemeinsam: Sie hoffen auf eine erfolgreiche Titelverteidigung. Das DFB-Team wurde 2014 Weltmeister, das DHB-Team 2016 Europameister. Das war zumindest genauso überraschend wie der Titelgewinn der Fußballer in Brasilien, doch Medienstars wurden die Handballer, die selbsternannten „Bad Boys“ nicht. Sie waren höchstens Helden für ein paar Tage. 13 Millionen Zuschauer zitterten immerhin mit den Handballern beim Finale gegen Spanien, das Deutschland mit 24:17 gewann. Der größte WM-Held war wohl der schier unbezwingbare Torhüter Andreas Wolff, der heute bei seinem Verein THW Kiel nicht einmal die erste Geige spielt. Der „Bad Boy“ als „Good Boy“, Held für ein paar Tage.

Oder kennen Sie den Bundestrainer der DHB-Auswahl? Wenn es um Handball geht, dann werden ähnlich wie im Eishockey meist Stars aus vergangenen Zeiten genannt. Die aktuelle Spielergeneration hat trotz des gesteigerten Medienaufkommens und der Sozialmedien nicht den Bekanntheitsgrad. Das ändert sich für ein paar Tage, wenn die Spiele, wie jetzt von der Europameisterschaft, von den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF übertragen werden. Zuletzt verschwand sogar die Nationalmannschaft auf irgendwelchen kleinen Kanälen. Da wird es doppelt schwer zum Helden zu werden.

Der Bundestrainer heißt übrigens Christian Prokop, ist 39 Jahre alt und feiert seine Turnierpremiere. Es war sein Vorgänger, der Isländer Dagur Sigurdsson, der dem DHB-Team nach einigen eher erfolglosen Jahren wieder Leben einhauchte. Der überraschende Titelgewinn 2016 trotz großer Verletzungssorgen war die Krönung. Danach zog es den Isländer wieder in die Heimat zurück und heute trainiert er Japan, was mehr Aufenthalte in Island und weniger Stress bedeutet. Prokop setzte sich im Bundestrainer-Casting durch, der Trainer des DHjK Leipzig musste ausgelöst werden. Er ist der Julian Nagelsmann (Jungcoach des Fußball-Bundesligisten Hoffenheim) des Handballs, gilt als großes Trainertalent. Ob er den Vorschusslorbeeren gerecht werden kann, muss sich in Kroatien zeigen. Bei der endgültigen Spielerauswahl trat er schon einmal ins Fettnäpfchen, denn Kritiker bezweifeln, ob es gerechtfertigt ist, gleich drei seiner ehemaligen Leipziger Schützlinge zu nominieren. Dafür musste Abwehrchef Finn Lemke zu Hause bleiben. Da könnte der Schuss sprichwörtlich nach hinten losgehen.

Nicht nur ein Titelgewinn darf als Erfolg gewertet werden, bei gutem Auftreten kann auch ein Halbfinale für Zufriedenheit sorgen. „In entscheidenden Spielen entscheiden Kleinigkeiten“, betont Christian Prokop, ein wenig Glück gehört also dazu. Die Gruppenspiele sind eine Art „Warm Up“, Platz drei genügt zum Weiterkommen, Montenegro, Slowenien und Mazedonien sind die Gegner, also Kroatiens Nachbarn auf dem Balkan. Ab der Zwischenrunde wird es wirklich Ernst mit schweren Gegnern. Zu den Favoriten zählen neben Gastgeber Kroatien vor allem Spanien und Frankreich, aber auch Dänemark könnte eine gute Rolle spielen. Ähnlich wie beim Fußball gibt es ja auch immer Überraschungsteams.

Deutschland muss gewinnen, damit Helden für ein paar Tage geboren werden. Deutschland muss gewinnen, damit sich Handball als attraktive Sportart über das Fernsehen gut verkaufen kann. Selbst Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer hatte als Zuschauer Lob für Handball parat: „Eine unheimlich attraktive Sportart, da scheppert’s vorne, da scheppert’s hinten. Das ist nicht so langweilig wie ein Mittelfeld-Geschiebe im Fußball.“ Genau deshalb hatte ja auch Hallenhandball Vorgänger Feldhandball abgelöst.

Manche haben Freude, wenn der Fußball mal pausiert

Von England brauchen wir nicht zu reden, in Spanien und Italien ruht der Fußball zum Jahreswechsel auch nicht, aber in Deutschland hat die Winterpause der Fußball-Bundesliga und der Ligen darunter (Amateure sowieso) Tradition. Über diese Winterpause sind einige glücklich, andere Sportarten freuen sich nämlich, wenn der Fußball mal pausiert und nutzen diese Lücke, um selbst in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu gelangen. Vor allem Eishockey, Basketball und natürlich der Skisport sind präsent.

In England ist dies anders, da hat der „Boxing Day“, der Spieltag der Premier League am zweiten Weihnachtsfeiertag, Tradition, da wird der Besuch des Fußballs zum Familienausflug. Aber auf Sport muss man auch in Deutschland nicht verzichten. Der Fußball pausiert, andere haben Hochbetrieb. Die Deutsche Eishockey Liga hat von Weihnachten an sieben Spieltage innerhalb von 16 Tagen terminiert. Auch im Eishockey hofft man, dass Familien dieses Angebot für einen Ausflug in die Stadien nutzen und so etwas Abwechslung an den freien Tagen haben. Die Vierschanzen-Tournee im Skispringen wird nicht zufällig um den Jahreswechsel herum ausgetragen, sie wurde ein Highlight, hat sich etabliert und lässt den Fußball vergessen, auch die Einschaltquoten im Fernsehen sind beachtlich.

Diese Idee haben sich auch die Skilangläufer zu eigen gemacht, vor einigen Jahren wurde die Tour de Ski gegründet, ein Spektakel ebenfalls zum Jahreswechsel, doch selbst wenn es zum Abschluss im Val die Fiemme in Italien spektakulär den Berg hinauf geht, die Springer fliegen den Läufern davon. Aber dies zeigt, dass die Winterpause des Fußballs von anderen Sportarten gern genutzt wird, sie träumen ja immer davon, mal aus dem Schatten des Fußballs treten zu können.

Was das Fernsehen angeht, in punkto Präsenz in der Öffentlichkeit die Nummer 1 und den Printmedien weit überlegen, da wird gerade in Deutschland gern geklagt, dass es nur Fußball, Fußball, Fußball gebe und sonst nichts. Das sieht Axel Balkausky, ARD-Sportkoordinator, ganz anders. In einem Interview mit dem Sport-Journalist strich er heraus: „Eine so große Vielfalt an Sportarten wie in den ARD-Programmen gibt es auf der ganzen Welt nicht.“ Er legte dazu Zahlen vor: 20 bis 25 Prozent im Sportprogramm sind Fußball, der Wintersport kommt dagegen auf 35 Prozent und der Rest verteilt sich auf Sommersportarten und andere Ballsportarten. Allerdings: Eines ist auch gewiss, der Fußball holt die besten Einschaltquoten, ist das begehrteste Programm. Das werden wir 2018 im Sommer wieder bei der Fußball-Weltmeisterschaft sehen, wenn eine ganze Nation mit den Schützlingen von Bundestrainer Joachim Löw mit fiebert.

Seltsam ist, dass die Sommersportarten mit dem Wintersport nicht mithalten können, wenn der Fußball in Deutschland bei schönstem Wetter eben auch pausiert. Allerdings ist dann vielleicht die Konkurrenz zu groß, da locken Schwimmbäder und Biergärten, da wird der Sport schnell zur Nebensache. Angeblich ist er ja die schönste Nebensache der Welt, will aber gern die Hauptsache sein. Gut aber, dass der Fußball ein paar Lücken lässt, andere Sportarten freuen sich – und mancher von uns auch.

Allen Leserinnen und Lesern ein gutes und erfolgreiches Jahr 2018 und viel Spaß mit dieser Kolumne und beim Sport.

Fußball-WM: Der Titel geht an…

Die Qualifikation ist gespielt, die Gruppen-Auslosung vollzogen – jetzt beginnt im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft die schönste Zeit für die Fans, nämlich die Zeit der Diskussionen und der Rechenspiele. Jeder kann selbst den Spielplan durchrechnen, tippen und sein Fachwissen prüfen. Am Ende heißt es: Der Titel geht an…

Es passt zur Adventszeit, für die Fußball-Fans ist die Zeit der Vorfreude auf das Endturnier allerdings länger. Nicht nur drei Wochen, wie diesmal vom 1. Advent an bis zum Heiligen Abend, ansonsten etwa vier, sondern sechseinhalb Monate lang, bis zum Eröffnungsspiel am Donnerstag, 14. Juni, in Moskau. Die Paarung mit Gastgeber Russland gegen Außenseiter Saudi-Arabien ist allerdings kein Schlagerspiel. Höchstens für die Russen selbst, die über eine Glücks-Auslosung jubeln dürfen mit Ägypten und Uruguay als weitere Gegner. Viele haben ja im Vorfeld geunkt, das es die Russen schon schaffen werden, die Loskugeln entsprechend zu manipulieren. Halten wir es doch wirklich einfach für Glück (vermutliches Glück, denn ob die Gegner wirklich schlagbar sind, muss sich erst zeigen). Gedopt werden konnten die Kugeln ja nicht…

Eine sogenannte „Hammer-Gruppe“ kam bei der Auslosung nicht zustande, ist allerdings auch fast gar nicht möglich. Es ist das Problem wie auch in der Champions League, dass mit der Aufstockung des Teilnehmerfeldes in den Gruppenspielen die Spannung weniger geworden ist. 32 Nationen in acht Gruppen, die jeweils Ersten und Zweiten kommen weiter, da bleiben nach der Papierform nur wenige Fragen offen. Ein bisschen Spannung gibt es natürlich, vor allem im Kampf um Platz zwei und manchmal straucheln ja auch die Favoriten. Das ist ja das Schöne am Sport und speziell im Fußball – sicher ist nichts.

So warnt auch Bundestrainer Joachim Löw im Vorfeld vor Überheblichkeit und sieht Mexiko, Schweden und Südkorea als Gegner an, die seine Mannschaft fordern werden (aber nicht rausschmeißen). Keine Knüller, machbar, aber eben Vorsicht walten lassen. Alles andere als der Gruppensieg wäre für den Titelverteidiger, der wieder einer der WM-Favoriten ist, eine Enttäuschung. Er könnte auch den weiteren Weg erleichtern, wenn Brasilien in der Gruppe E Erster wird, die Schweiz, Serbien oder Costa Rica wären dann die möglichen Gegner im Achtelfinale. Weitere Mitfavoriten würden dann erst im Halbfinale warten. Papierform eben.

Die Bilanz gegen die Gruppengegner ist positiv. Mexiko ist ein alter Bekannter bei Weltmeisterschaften, stellte aber nie einen Stolperstein dar, insgesamt gab es fünf Siege, bei fünf Unentschieden und einer Niederlage. Knapper ist es mit Schweden, das ja immerhin Italien ausgeschaltet hat und damit auch Deutschlands Angstgegner bei Turnieren. Schlüpfen jetzt die Skandinavier in diese Rolle? Zuletzt gewannen sie 1958 als Gastgeber bei einer WM gegen Deutschland (3:1). Bilanz: 15 Siege, 9 Unentschieden, zwölf Niederlagen. Südkorea ist dagegen der große Unbekannte, scheiterte bei der WM 2002 im eigenen Land im Halbfinale mit 0:1 an Deutschland, verlor zuvor auch bei der WM 1994, siegte aber 2004 in einem Freundschaftsspiel mit 3:1. Ob die Augsburger Koo und Ji ihrem Trainer Tipps geben können? Ulli Stielicke hätte sie nicht gebraucht, musste aber seinen Hut nehmen, als Südkorea nicht mehr die gewohnte Leistung zeigte.

Wie gesagt, es wird gerechnet und spekuliert und gewartet auf das Turnier vom 14. Juni bis zum Finale am Sonntag, 15. Juli. Dann heißt es: Der Titel geht an… Es wird auf jeden Fall ein großartiges Turnier werden, das zumindest prophezeit FIFA-Präsident Gianni Infantino, der Meister des Verdrängens: „Es wird die beste WM aller Zeiten“, jubelte er und lässt außen vor, das in Putins Reich Presse- und Meinungsfreiheit ein kümmerliches Dasein fristen.

Übrigens, das Spekulieren könnte eigentlich ein Ende haben. Geht es nach der Statistik, dann steht der Sieger schon fest. Bei den letzten Turnieren 2006, 2010 und 2014 siegte jeweils die Mannschaft, die in der stärksten Gruppe (nach der Weltrangliste) beheimatet und die dort der Gruppenkopf war. Der Titel 2018 geht also an – Frankreich!

P.S.: Der Sport-Grantler feiert heute ein kleines Jubiläum, dies ist die 250. Kolumne seit dem Start am 20. August 2013. Der Dank geht an die Leser in aller Welt! Die meisten Leser sind natürlich im deutschsprachigen Raum zu finden, in Deutschland, Österreich und der Schweiz, regelmäßige Leser dazu gibt es vor allem in Brasilien, Kanada, Italien und den USA. Aber auch in Russland…

Mit der National League werden die Fans betrogen

Derzeit haben wir im Fußball wieder einmal eine internationale Länderspielpause. Sie dient in erster Linie dazu, die letzten Teilnehmer für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland zu ermitteln. Nur wenige Nationen sind da involviert, der Rest macht das, was eigentlich nicht mehr sehr attraktiv ist – er bestreitet Freundschaftsländerspiele. Die internationalen Vergleiche kamen früher gut an, doch diese Freundschaftsspiele sind zu Testspielen verkommen und ohne Spannung locken sie nur noch wenige Fans an. Dies wird sogar bei den traditionsreichen Duellen England – Deutschland und Deutschland – Frankreich so sein.

Dieses Dilemma soll es künftig nicht mehr geben oder zumindest zur Seltenheit werden. Die UEFA, der europäische Fußball-Verband, hat dafür als Gegenmittel die National League erfunden. Dies ist eine Liga für Nationalmannschaften, deren Spiele in den Freiräumen zwischen Europa- und Weltmeisterschaften einschließlich ihrer Qualifikationsspiele ausgetragen werden sollen. Punktspiele also statt Freundschaftsspiele. Die Krux ist: Das Programm für die Spieler wird noch größer, die Nationaltrainer finden kein Testfeld mehr und deshalb hat zum Beispiel der deutsche Bundestrainer Joachim Löw bereits abgewehrt: „Die National League hat für uns keine Bedeutung, wir werden diese Spiele zum Testen verwenden.“ Gut, wenn er das offen sagt, seine Kollegen werden das nicht anders sehen und am Ende gibt es also nur verkappte Testspiele. Der Fan wird also betrogen, er erhält eine Mogelpackung.

Im Herbst 2018, nach der Weltmeisterschaft in Russland, soll die neue National League starten. Alle UEFA-Verbände sind dabei, das Feld wird in vier große Klassen unterteilt, gemäß der Spielstärke wie sie die Rangliste ergibt. Künftig soll es dann Auf- und Abstieg geben. Damit die Mogelpackung nicht gleich auffällt, gibt es auch vier Startplätze für die Europameisterschaft 2020, die bekanntlich mit 24 Teams in 13 Ländern ausgetragen wird. Der Spielmodus dieser National League ist so kompliziert, dass ihn die Fans wahrscheinlich gar nicht verstehen, vielleicht nicht einmal die Spieler, die wohl einfach nach dem Motto auflaufen „gewinnen wir halt mal“.

Auf jeden Fall werden zwölf Nationen die Ligen A und B bilden, in C und D werden es 15 oder 16 sein. Innerhalb der Liga werden vier Gruppen gebildet, in denen die Teams gegeneinander spielen. Die Liga A könnten nach Stand der Dinge Deutschland, Europameister Portugal, Belgien, Spanien, Frankreich, England, Schweiz, Italien, Polen, Island, Kroatien und die Niederlande bilden. Durchaus attraktive Gegner, wobei von Austragung zu Austragung die Gruppen natürlich neu ausgelost werden und hoffentlich verhindert wird, dass es zu immer gleichen Duellen kommt. Die erste Auslosung findet am 24. Januar 2018 in Lausanne statt. Der Sieger der National League wird in einem Endturnier von den vier Gruppensiegern ermittelt, als Termin steht bereits die Zeit vom 5. bis 9. Juni 2019 fest. Die nächste EM-Qualifikation soll dafür kompakter zwischen März und November 2019 ausgetragen werden.

Der geneigte Leser sieht, es ist nicht leicht, sich mit dem neuen Wettbewerb anzufreunden. Auch Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff kritisierte, dass der vom früheren UEFA-Präsident Michel Platini ins Leben gerufene Wettbewerb wohl vor allem zur Geldbeschaffungsmaßnahme des Verbandes dienen soll. Aber die Verbände werden nicht ausweichen können, die Fernsehrechte sind schon vergeben. In Deutschland freuen sich ARD und ZDF, die ja die Rechte in den Qualifikationsspielen verloren haben, dass sie die Spiele von 2018 bis 2022 schon mal übertragen dürfen.

Am Ende dürfen sie vielleicht sogar eine Weltliga übertragen, denn mit Europa allein will sich der neue UEFA-Präsident Aleksander Ceferin nicht zufrieden geben, er plant, alle Nationen auf allen Kontinenten einzuladen. Aus der Konkurrenz zur Europameisterschaft könnte eine Konkurrenz zur Weltmeisterschaft werden, der Geldfluss dann natürlich noch größer werden.

Den Funktionären ist es egal, wie Spieler oder Fans die Neuerung sehen. Hauptsache die Kasse stimmt. Sie werden erst dann aufwachen, wenn die Fans reagieren und der Zuspruch fehlt. Wenn das Angebot zu viel wird, fehlt der Reiz. Attraktiver wird, wer sich rar macht. Der Fußball muss aufpassen, dass er nicht überreizt. Die Frage erübrigt sich wohl, ob wir uns schon auf die neue National League freuen…

Warum Deutschland nicht Fußball-Weltmeister wird

Die Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018 ist fast gelaufen, 23 von 32 Nationen stehen fest. Afrika sucht noch drei Vertreter und einige Play-Offs stehen noch an. Turbulent gingen die letzten Spiele in Amerika und Europa zu Ende, mit Chile und den Niederlanden fehlen in Russland prominente Vertreter, Italien muss noch bangen. Deutschland hat die Qualifikation bekanntlich ungeschlagen mit einem neuen Weltrekord beendet. Ist die DFB-Elf, immerhin auch Erster der Weltrangliste, damit der logische Favorit? Vorsicht! Der Sport-Grantler sagt, warum Deutschland nicht Fußball-Weltmeister wird.

Es wäre ja zu schön, wenn Deutschland erstmals nach Brasilien (1958 und 1962) die erfolgreiche Titelverteidigung gelingen würde. Das Zeug dazu haben die Löw-Schützlinge sicherlich, aber einiges spricht auch dagegen. Wer an schlechte Omen glaubt, hat gute Argumente. Eben, dass eine erfolgreiche Titelverteidigung unwahrscheinlich ist (doch jede Serie geht einmal zu Ende, siehe Real Madrid in der Champions League) und vor allem, dass der Confed-Cup-Sieger danach nie Weltmeister wurde. Da wehrte Bundestrainer Joachim Löw zwar schon im Sommer nach dem überraschenden Cup-Gewinn mit einem B-Team ab, „daran denke ich überhaupt nicht“, aber der Sport hat doch seltsame Gesetzmäßigkeiten.

Realistischer muss man darauf verweisen, dass Jogi Löw zwar eine starke Mannschaft mit einer großen Kaderbreite zur Verfügung hat, aber die überragenden Spieler, die gerade in wichtigen Spielen den Unterschied ausmachen können, die fehlen. Gerade der Titelgewinn 2014 in Brasilien hat gezeigt, dass für den großen Coup alles stimmen, alles zusammenpassen muss und gerade diese glückliche Fügung wird sich vier Jahre später nicht gleich wiederholen. Könnte sein, dass Löw und seine Mannen 2014 das Füllhorn von Glücksgöttin Fortuna bereits geleert haben. Ein Handicap ist auch, dass Deutschland in der Qualifikation kaum gefordert wurde. Zwar stehen in den nächsten Freundschaftsspielen mit England, Brasilien und Spanien starke Gegner parat, aber die Wettkampfhärte kann auch hier nicht geschult werden. Wird die junge Garde den Druck aushalten? Ein Handicap. Alles deutet darauf hin, dass Deutschland eher nicht Weltmeister wird, die Konkurrenten Brasilien und Frankreich sind wohl weiter, mit Spanien und Argentinien (Messi !!!) ist immer zu rechnen.

Natürlich gibt es auch Gründe, warum Deutschland zum Favoritenkreis gehört und deshalb Weltmeister werden kann. Der große Kader ohne deutliche Leistungsunterschiede ist ein Vorteil, weil selbst Verletzungspech kaum für einen Qualitätsverlust sorgt. Dazu hat die DFB-Elf den Vorteil, dass jeder Gegner mit Respekt antritt. Jogi Löw weiß, wie man Titel gewinnt, aber die Turniere vorher und nach 2014 zeigten auch, dass der Bundestrainer gern mal zu taktischen Fehleinschätzungen neigt. Was aber die Anhänger des mystischen Glaubens angeht, da gibt es einen verlockenden Hinweis vom Schicksal: Italien war erster Doppel-Weltmeister genau vor 80 Jahren 1934 und 1938. Das wäre doch ein Jubiläum!

Was wirklich passiert, werden wir vom 14. Juni bis 15. Juli 2018 in Russland sehen. Am 1. Dezember folgt die Auslosung der WM-Gruppen. Was passieren kann, musste vor allem Chile erleben. Der Südamerika-Meister scheiterte u. a. an einem Einspruch! Kurios: Die Chilenen hatten 2016 gegen das 0:0 gegen Bolivien Protest eingelegt, weil der Gegner einen nicht spielberechtigten Spieler eingesetzt hatte. Dem Protest wurde stattgegeben, aber auch Peru profitierte davon, weil dieser Spieler auch in dem Vergleich mitgewirkt hatte. Nur: Peru hatte verloren und bekam gleich drei Punkte geschenkt und landete nun vor Chile auf Platz fünf und bestreitet die Qualifikation mit Neuseeland. Hätte Chile auf den Protest verzichtet, wäre Chile Fünfter geworden! Pech auch für die USA, die mit der 1:2-Niederlage bei Trinidad & Tobago allerdings auch selbstverschuldet ausgeschieden ist. Panama, das den USA die Qualifikation wegschnappte, gewann allerdings durch ein Phantom-Tor. Man sieht, im Fußball kann alles passieren, auch, dass Deutschland Weltmeister wird.

Joachim Löw und die Suche nach dem richtigen System

Eigentlich dürfte Joachim Löw als Bundestrainer der Fußball-Nationalmannschaft ein fröhlicher Mann sein. Nach außen hin strahlt er auch Zuversicht und Gelassenheit aus, doch im Inneren sieht es vermutlich anders aus. Jogi Löw könnte auch ein Mann sein voller Zweifel, voller Bedenken und zerfressen von der Unsicherheit, wie er es denn wirklich bewerkstelligen soll, aus rund 40 überdurchschnittlichen Kickern ein Weltmeister-Team zu formen. Einmal hat er es schon geschafft, doch beim Titelgewinn 2014 war die Auswahl der Kandidaten nicht so groß, was die Arbeit sogar erleichtert hat.

Eines muss man wissen: Die Aussagen in der Öffentlichkeit und die Gedanken bei der Fortentwicklung der Mannschaft sind zwei Paar Stiefel. So muss der Bundestrainer seinen Kader loben und die Welle der Begeisterung mitgehen. Deutschland ist Weltmeister, gewann den Confed-Cup und die U21 wurde Europameister. Auch der Sport-Grantler fragte: „Ist Deutschland jetzt unschlagbar?“. Die Auswahl ist immens, vielleicht aber auch erdrückend und erschwert die Sichtung. Es wird ein Puzzle-Spiel und Löw braucht am Ende vor allem eine glückliche Hand. Das weiß er. Nach außen hin gibt er sich optimistisch und kämpferisch: „Die Auswahl war noch nie so groß, der Konkurrenzkampf noch nie so hart.“ Er sagt das, was die Öffentlichkeit hören will.

Doch bei aller Auswahl, Joachim Löw ist auch auf der Suche nach dem richtigen System für die richtigen Spieler. Er kann in jede System-Kiste greifen und wird immer die richtigen Spieler dafür im Kader haben. Der Erfolg ist damit allerdings noch nicht garantiert. Siehe das mühselige 2:1 in Prag gegen Tschechien. Die „variable Offensive“ war die Losung, der defensive Gegner sollte quasi schwindlig gespielt werden, doch schwindlig wurde es eher den Löw-Schützlingen. Müller und Co. rannten auf dem Feld durcheinander und wussten am Ende selbst nicht mehr, wo das gegnerische Tor steht. Die tschechischen Abwehrreihen behielten ihre Ordnung und rätselten: „Ja wohin laufen sie, denn (die Deutschen)?“ Also: Ein Fehlschlag. Übrigens auf der ganzen Linie, durch die verbalen Ausfälle einer Horde deutscher Chaoten.

Dagegen war das nächste WM-Qualifikationsspiel in Stuttgart gegen Norwegen ein Genuss. Spielfreude pur auf dem Feld, ein fröhliches Publikum, das seinen Spaß hatte, keine Ausfälle auf dem Feld und der Tribüne. So soll die Stimmung bei einem Länderspiel sein. Leider heute eine Ausnahme. Die Spielfreude sollte allerdings keine Ausnahme sein, war aber auch dem zuvorkommenden Gegner geschuldet, der sich als Zuschauer gefiel. Solche Freiheiten bekommen Özil, Draxler, Müller, Kroos und Werner in keinem Training. Aber eine Gewissheit muss Joachim Löw gewonnen haben: Die Mannschaft braucht eine klare Linie, ein klares Konzept, kein Durcheinander.

Gegenüber vielen anderen Nationen, die auf eine WM-Teilnahme 2018 in Russland gehofft hatten und jetzt bangen müssen, befindet sich die DFB-Elf in einer komfortablen Situation. Ein Punkt am 5. Oktober in Belfast gegen Nordirland und Deutschland ist durch. Zweifel gibt es keine, notfalls muss ein Sieg zum Abschluss gegen Aserbaidschan her. Dagegen bangen die Niederlande, steht Österreich vor dem Aus, muss Italien wohl in die Qualifikation und in Südamerika jammern Argentinien und Chile. Dagegen hat ein wieder erstarktes Brasilien bereits die Fahrkarte zur WM gelöst und auch Frankreich beeindruckt mit einem Offensivspiel mit den Assen Griezmann, Mbappe und Pogba. Und doch gingen die gefürchteten Stürmer gegen den Fußball-Zwerg Luxemburg beim sensationellen 0:0 leer aus. Das macht deutlich: Man darf sich nie zu sicher fühlen. Kein Wunder, dass Joachim Löw insgeheim doch von Zweifeln geplagt wird.

Ist Deutschland jetzt unschlagbar?

Das war ein Paukenschlag, der die Fußball-Welt aufhorchen ließ: Deutschlands U 21 wurde am Freitag, 30. Juni, Junioren-Europameister, zwei Tage später holte Deutschland in St. Petersburg auch noch den Confed Cup. Das Besondere an der Situation: Bundestrainer Joachim Löw hatte auf das Gros der Weltmeister von 2014 beim Confed Cup verzichtet und acht Spieler im jüngsten Kader des Turniers, die noch in der U 21 hätten spielen können. Und dennoch wurden die U 21 Europameister! Welch ein Potential hat der deutsche Fußball! Die Fußball-Welt ist in Aufruhr: Ist Deutschland jetzt unschlagbar?

In beiden Endspielen gab es das gleiche Muster. Der Gegner war jedes Mal Favorit. Da die jungen Spanier, die teilweise bereits in der Champions League für Furore gesorgt hatten und schon als künftige Stars gehandelt werden. Dort der Südamerika-Meister Chile, der in Person von Anführer Arturo Vidal tönte: „Wir werden siegen und dann sind wir die Besten der Welt.“ Deutschland gewann jeweils mit 1:0. Nicht mit spielerischem Glanz, aber doch mit hohem technischem Niveau, aber vor allem mit Kampfgeist und Siegeswillen. Der kann bekanntlich Berge versetzen – und damit kann man Pokale gewinnen. Auch wenn die meisten Weltmeister sich eine Ruhepause gönnen.

Jogi Löws Vorgänger und Ex-USA-Nationalcoach Jürgen Klinsmann schaut bewundernd auf das deutsche Aufgebot und konstatiert: Jogi Löw hat eine Auswahl von 50 Spielern für die Weltmeisterschaft 2018. Da ist das A-Team, das mehr oder weniger Pause hatte, da sind die Gewinner des Confed Cups, die an der Tür zur Nationalmannschaft rütteln und da sind die Junioren-Europameister, die davon träumen, das zu wiederholen, was Neuer, Höwedes, Boateng, Khedira, Özil und Co. schafften: 2009 Europameister und dann 2014 Weltmeister. Heißt: 2018 in Russland werden noch andere den Vortritt im DFB-Team haben, aber 2022 in Katar sind die Europameister von 2017 dran. Die Fußball-Welt hat nur eine Hoffnung: Nicht immer werden die Junioren-Europameister später auch Weltmeister. Das wäre zu einfach.

Bundestrainer Joachim Löw hat das Glück, dass er Spieler für jede taktische Ausrichtung hat und jede Menge flexibler Spieler, die für ein WM-Aufgebot unheimlich wichtig sind. Aber jetzt hat er eine einfache und eine schwere Aufgabe. Die einfache Aufgabe ist, die 23 besten Kandidaten für das WM-Team zu finden. Er kann dabei fast keine Fehler machen und Verletzungssorgen wird er kaum kennen, denn es steht auf jeder Position adäquater Ersatz bereit. Seine Aufgabe wird es sein, die Jungs in Form zu bringen und wie bei der U 21 und beim Confed Cup sowie 2014 in Brasilien eine echte Mannschaft zu formen.

Die schwere Aufgabe hat es in sich, Löw muss die Euphorie in Deutschland dämpfen. Logisch, wenn ein B-Team den Confed Cup gewinnt, wird das A-Team Weltmeister. Doch Löw beginnt bereits jetzt die Schwierigkeiten herauszuarbeiten: Die Talente sind noch nicht so weit, eine Weltmeisterschaft ist ein anderes Kaliber als ein Confed Cup, gegen Argentinien, Brasilien, Italien, England oder Spanien geht es anders zur Sache. Der Bundestrainer muss Kritik vorbeugen, ein frühzeitiges Scheitern bei der WM würde als Bumerang auf ihn zurückkommen, nach dem Motto: Bei so einer Auswahl muss herauskommen.

Doch das ist Zukunftsmusik oder die Zukunftsangst des Herrn Löw. Zunächst muss erst die WM-Qualifikation bestanden werden und da ist Deutschland (noch ohne Punktverlust) auf einem guten Weg. Und dann muss man wirklich erst sehen, wie stark die Gegner sind und was sie auf die Beine stellen. Favoriten sind oft gescheitert, wie jetzt bei der U 21-EM und beim Confed Cup. Joachim Löw muss sich die nächsten zwölf Monate vielleicht mehr mit Ausreden für den Fall der Fälle beschäftigen als mit der Taktik gegen die künftigen Gegner.

Das könnte nach heutigem Stand das WM-Aufgebot Deutschlands sein:

Tor: Neuer, ter Stegen, Trapp. – Abwehr: Boateng, Hummels, Rüdiger, Mustafi, Kimmich, Hector, Henrichs, Toljan. – Mittelfeld: Kroos, Khedira, Goretzka, Stindl, Rudy, Özil. – Angriff: Müller, Gomez, Werner, Reus, Draxler, Sané. Und dabei fehlen in dieser Aufzählung Höwedes, Gündogan, Can, Ginter, Götze, Schürrle, Weiser, Gnabry und andere, die sich ebenfalls in den Vordergrund gespielt haben. Welch eine Auswahl!