Der Sport – Grantler

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Tag: Medaillenspiegel

Olympia, WM, Doping, Chaos: Das war das Sport-Jahr 2018

Vor einem Jahr schrieb der Sport-Grantler in seiner Vorschau „2018 ist ein Jahr des Sports“. War es das wirklich? Natürlich, wenn man die Großveranstaltungen wie Olympische Winterspiele und Fußball-Weltmeisterschaft ansieht, die weltweit für riesengroßes Interesse sorgten. Aber hat 2018 den Sport weltweit auch vorangebracht? Nein, hat es nicht, denn die großen Probleme wurden nicht gelöst, sondern eher vertuscht. Korruption, Doping und Chaos mit Gewalttätigkeiten vor allem beim Fußball, für das Krawall-Brüder (oft fälschlicherweise auch noch als Fans bezeichnet) sorgen, sind nach wie vor allgegenwärtig. Der Profisport leidet oft unter negativen Nebenerscheinungen. Das wird sich leider auch in der Zukunft nicht ausrotten lassen. Wo Geld fließt, wird der Betrug mit eingekauft.

Der Spitzensport hat aber immer noch die Kraft, die Massen zu begeistern. Typisches Beispiel aber dafür, dass das Streben nach Gewinn auf der einen Seite und nach Emotionen sowie Anerkennung auf der anderen oft nicht zusammenpassen, waren die Olympischen Winterspiele in Pyeonchang. Der Zeitplan wurde auf die TV-Sender in Amerika und Europa abgestimmt, so dass es in Südkorea nicht wenige Entscheidungen erst nach Mitternacht gab. Das Resultat: Begeisterung an den Bildschirmen, „tote Hose“ auf den Zuschauerrängen. Verlierer waren die Südkoreaner, die Herzblut in „ihre“ Spiele investierten, beste Gastgeber und Organisatoren waren, atmosphärisch aber zu den Verlierer zählten.

Das war den Fans zu Hause egal, zum Beispiel in Deutschland. Da wurden Medaillen bejubelt, da freuten sich ARD, ZDF und Eurosport über hohe Einschaltquoten. Die deutschen Frauen und Männer waren überaus erfolgreich, Skispringer, Nordisch Kombinierer, Rodler, Bobfahrer und Biathleten sahnten ab, dazu holten die Eiskunstläufer Aljona Savchenko und Bruno Massot mit der Kür ihres Lebens Gold sowie die Eishockey-Nationalmannschaft sensationell Silber (drei Millionen standen nachts um fünf Uhr auf). Wenn die Stimmung auf den Tribünen oft zurückhaltend war, im Deutschen Haus herrschte fast an jedem Abend überschäumende Stimmung. Deutschland belegte im Medaillenspiegel mit 31 Medaillen (14 Gold, 10, Silber, 7 Bronze) Rang zwei hinter Norwegen (39/14-14-11) und vor Kanada (29/11-8-10). Deutschland ist eben ein Wintersportland.

Eigentlich gilt Deutschland ja als Fußball-Land, allerdings gibt es daran nach der Schmach von Russland Zweifel. Das Aus bereits nach der Gruppenphase, sogar der letzte Platz mit Niederlagen gegen Mexiko und Südkorea – das hatte es noch nie gegeben. Aus den Weltmeistern von 2014 wurden die Verlierer 2018. Der Schuldige wurde mit Bundestrainer Joachim Löw schnell gefunden, aber es gab auch noch einen anderen Schuldigen, dem die Pleite angelastet wurde: Nationalspieler Mesut Özil, einst ein Liebling der Fans, schreckte die Nation mit einem Foto mit Türkeis umstrittenen Präsidenten Erdogan auf. Ein Skandal, der die Stimmung trübte und durch Özils Schweigen auch die WM belastete. Mitspieler Gündogan machte das gleiche Foto, erklärte sich aber danach. Özil schwieg und trat erst nach der WM nach einem Rundumschlag mit wirren Anschuldigungen zurück. Es gab also nur Verlierer, die Nationalmannschaft, Jogi Löw, der die Bedeutung unterschätzte, vor allem aber Özil selbst, der seiner Karriere damit geschadet hat, sie vielleicht sogar vernichtet hat. Die Zukunft wird es zeigen. Bei Arsenal London hat er seitdem jedenfalls nicht mehr diese Reputation.

Die Begeisterung für den Fußball war in Deutschland also nicht riesengroß, zumal Löw auch in der Nations League das Ruder nicht herumreißen konnte. Deutschland stieg ab. Zurückhaltung auch für den nationalen Fußball, denn Bayern München beherrschte wieder die Bundesliga (Trainer-Oldie Jupp Heynckes rettete die Saison), konnte in der Champions League aber keine Bäume ausreißen. Da wurde fast Eintracht Frankfurt als Überraschungssieger im Pokal (gegen die Bayern) mehr gefeiert. Gefeiert wurde dagegen vor allem in Frankreich, das mit einem 4:2 über Kroatien die Weltmeisterschaft gewann. Aber auch die Kroaten fühlten sich als Sieger und Kapitän Luka Modric löste sogar die Dauersieger Ronaldo und Messi als bester Fußballer der Welt ab. Ein Sieger war auch der moderne Fußball, aber auch der Fußball Europas, denn die Europäer blieben im Halbfinale unter sich (Belgien wurde mit 2:0 über England Dritter). Verlierer war der Fußball Südamerikas, waren Brasilien und Uruguay.

Neben diesen Großereignissen gab es natürlich noch viele andere Highlights, der Spitzensport schaffte es immer wieder im Gespräch zu bleiben. So waren die European Championships ein Gewinn, die Titelkämpfe zahlreicher Verbände bündelten. Der Höhepunkt war die Leichtathletik-EM in Berlin mit Gesa Krause über 3000 m Hindernis und Zehnkampf-König Arthur Abele als deutsche Helden. Tennis feierte Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber, die auf den Spuren von Steffi Graf wandelte, und am Ende des Jahres auch Talent Sasche Zwerev, der als „Weltmeister“ zeigte, dass er ein neuer Boris Becker werden kann. Selbst Golf schaffte es in die Schlagzeilen, weil der große Star Tiger Woods als Turniersieger ein grandioses Comeback feierte und Europa gegen die USA den Ryder Cup gewann. Ja, 2018 war schon ein großes Sportjahr.

Aber die Probleme bleiben und werden mit hinüber ins Jahr 2019 genommen. Weltpräsident Infantino ist zum Beispiel dabei, den Fußball zu verkaufen, das IOC hat Probleme, geeignete Ausrichter für die Olympischen Spiele zu finden, der Kampf gegen Korruption und Doping kann nicht gewonnen werden, wird aber auch nicht mit der erforderlichen Konsequenz geführt. Dazu zeigten zum Jahresende noch einmal Chaoten ihre hässliche Fratze, das Spitzenspiel der Serie A in Italien zwischen Inter Mailand und Neapel wurde überschattet von Gewalt und Rassismus. Die Dummen sterben nicht aus und bleiben eine Gefahr.

Dennoch: 2019 kann kommen. Allen Lesern alles Gute für 2019 und viel Spaß am Sport, aktiv und als Zuschauer.

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Auf geht’s, zur gedopten Medaillenjagd

Gibt es bei Ihnen eine Vorfreude auf die Olympischen Winterspiele in Südkorea? Wahrscheinlich nicht so sehr, denn die Vorfreude ist bei allen sichtlich getrübt, vor allem bei den Athleten selbst. Der russische Doping-Sumpf von Sotschi 2014 ist immer noch nicht trocken gelegt und beeinträchtigt auch Pyeongchang 2018. Da passt es, dass sich das IOC auf einen Austragungsort festgelegt hat, der buchstäblich am Ende der Welt liegt. Pyeongchang ist ein Örtchen mit gerade mal 10.000 Einwohnern, etwa 100 km von der Grenze zu Nordkorea entfernt. Freiwillig geht da wahrscheinlich niemand hin.

Das IOC und vor allem sein Präsident Dr. Thomas Bach verlieren immer mehr an Reputation. Der Skandal um das staatliche Doping in Russland wurde so schlecht gehändelt, dass es am Ende nur noch Verlierer gibt. Bach und seine Kollegen hatten nicht den Mut, gegen Russland und seinen Präsidenten Putin wirklich hart vorzugehen. Staatliches Doping ist nämlich bewiesen, nur kann man es, wie es der Sportgerichtshof CAS feststellte, nicht jedem Athleten wirklich nachweisen und deshalb der „Freispruch“ mangels Beweisen. Der CAS betonte, die Athleten seien „nicht unschuldig“. Wie auch, Löcher in der Dopingkontrolle wurden ebenso bewiesen, wie Kratzer an den Testfläschchen, die auf ein Öffnen schließen lassen, Salz in den Proben (was auf Manipulation hinweist) und im Urin von Eishockeyspielerinnen wurde männliches Urin gefunden! Gedopt wurde also, nur welcher einzelne Sportler wirklich gedopt war, lässt sich im Nachhinein schlecht feststellen. Russland triumphiert, das IOC lamentiert, Olympia geht am Stock und saubere Athleten fühlen sich betrogen.

Noch Spaß an Olympischen Spielen? Bei allen Erfolgen geht der Blick beim Sieger auf die Nation, auf seinen Hintergrund und die Frage: Gedopt oder nicht? Wer kann sich da noch ehrlich freuen? Typisch der Blick eines deutschen Eisschnellläufers auf den Gewinn seiner Bronzemedaille, die für ihn einen Erfolg darstellte, aber er wies darauf „vor mir waren zwei Russen, die waren schon wegen Dopings gesperrt.“ Noch Fragen?

Ein Beispiel. Eine der deutschen Medaillenhoffnungen ist die Biathletin Laura Dahlmeier, Königin bei der letzten Weltmeisterschaft in Hochfilzen mit fünf Titeln und sechs Medaillen. Ihr bescheidener Wunsch für Pyeongchang: Eine Medaille. Ihre größten Konkurrentinnen sind u. a. Anastasjia Kuzmina und Darya Domratschewa. Erste gebürtige Russin, die einen Isreali heiratete und jetzt für die Slowakei startet. Erstaunlich, dass sie immer gerade zu Olympia in Hochform ist. Erstaunlich, wie sie zu Beginn der Saison die Konkurrenz beherrschte. Die deutsche Biathletin Vanessa Hinz zeigte sich ratlos: „Ich weiß nicht, was sie frühstückt.“ Bruder Anton Shipulin ist wegen Dopingverdachts übrigens nicht für die Spiele zugelassen. Domratschewa läuft von Zeit zu Zeit die Konkurrenz in Grund und Boden, musste nach Krankheit pausieren und wehrte alle Verdachtsmomente ab. Können wir der Frau der Biathlon-Legende Björndalen glauben? Bei der sympathischen, frischen Laura Dahlmeier aus Garmisch-Partenkirchen, einem Bergfex, der die Natur liebt, da wollen wir gern glauben, dass sie sauber ist.

So heißt das Motto für Olympia 2018: Auf geht’s, zur gedopten Medaillenjagd. Nehmen wir es sportlich. In Sotschi taten die Russen also alles dafür, um die Nationenwertung zu gewinnen, mit 13 Goldmedaillen (gegenüber elf von Norwegen) gelang es ihnen auch. Nach dem CAS-Urteil ist noch unsicher, welche Wertung wirklich zählt. Egal, eigentlich sollte man den Medaillenspiegel offiziell abschaffen, denn er verführt nur zum unsportlichen Wettkampf der Nationen. Allerdings lieben alle den Blick auf die Gesamtbilanz und dann heißt es auch „wo liegt Deutschland?“. Nun ja, in Sotschi nur auf Rang sechs (bei den Medaillen wohlgemerkt), 2010 und 2002 war Deutschland zuletzt Zweiter, 2006 sogar Erster mit 29 Medaillen, in Sotschi waren es gerade 19 (8 Gold, 6 Silber, 5 Bronze). In Pyeongchang sollten es mehr werden, die Chancen stehen gut. Als Mindestziel werden vom Sportbund wieder 19 Medaillen für die 153 Athleten ausgegeben.

Die „Winterkönige“ sind zweifellos die Biathleten, die in die Medaillenspur zurückfinden sollten. Ihnen können wir auch zuschauen, die Starts sind nach MEZ meist um 12.15 Uhr. Laura Dahlmeier wie gesagt, die Staffeln sowie die eine oder andere Einzelmedaillen sollten möglich sein. Besonders ertragreich im Medaillensammeln könnten Skeleton, Bob und Rodeln sein, obwohl Deutschland im Rodeln an Dominanz eingebüßt hat. Auch die Athleten der Nordischen Kombination, die in den letzten Jahren fast alles abräumten, laufen inzwischen zum Teil hinterher, Medaillen sollte es aber geben. Auch die Skispringer könnten bei guten Bedingungen vorne dabei sein. Danach wird es spärlich, Viktoria Rebensburg und Kitzbühel-Held Thomas Dreßen tragen die alpinen Hoffnungen, auch im Snowboard könnte was abfallen, im Eiskunstlauf sollten Savchenko/Massot zumindest eine Medaille gewinnen, im Eisschnelllauf will die 46-jährige Claudia Pechstein noch einmal richtig mitmischen. Keine großen Hoffnungen gibt es Freestyle, Shorttrack, Skilanglauf und Eishockey. Im Curling ist Deutschland gar nicht dabei.

Gedopt oder nicht, Medaillengewinne sorgen bei den Sportfans immer für nationale Begeisterung. Ob allerdings diesmal euphorische Olympia-Stimmung aufkommt, ist durch die Zeitverschiebung fraglich. Südkorea ist uns acht Stunden voraus, viele Wettbewerbe finden für uns in den frühen Morgenstunden statt, das heißt, wenn wir Aufstehen werden wir erfahren, welche Medaillengewinne oder Enttäuschungen es gegeben hat. Das sorgt für keine Euphorie. Wettbewerbe vom Abend in Pyeongchang können wir zum Mittagessen genießen oder in der Mittagspause sehen („Chef, ich muss mal Olympia gucken“), so eben Biathlon, das auf die Abendstunden verlegt wurde (wegen Deutschland?).

Aber auch in der kleinen Stadt selbst ist fraglich, ob da richtige Olympia-Stimmung aufkommt, es gibt viele Wettbewerbe, die die Südkoreaner überhaupt nicht interessieren. Kleines Städtchen heißt nicht gleichzeitig große Olympia-Stimmung wie einst 1994 in Lillehammer. Norwegen bleibt unübertroffen, Norwegen könnte übrigens auch der größte Medaillensammler werden. Und in vier Jahren treffen wir uns dann im bekannten Wintersportort Peking in China.

Sehnsucht nach Medaillen, Sehnsucht nach Geld

 

Die Bilanz war eigentlich gar nicht so schlecht: Platz fünf im Medaillenspiegel, 42 Medaillen geholt, davon sogar 17 Goldene. Mehr Gold gab es nur unmittelbar nach der Wende, 1992 mit 33 (insgesamt 82 Medaillen) und 1996 mit 20 (65). Deutschlands Sport könnte zufrieden sein am Ende des Jahres 2016 mit den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro.

Ist er aber nicht. Egal, ob Fans, Verbände oder Regierung – es gibt eine Sehnsucht nach Medaillen. Platz fünf (hinter den USA, Großbritannien, China und Russland) ist ganz gut, aber Deutschland soll Spitze sein, 1992 in Barcelona und 1996 in Atlanta stand Deutschland auf Platz drei im Medaillenspiegel, übrigens ein Ranking, das Deutschland auch im Schnitt aller Sommerspiele seit 1896 einnimmt. Rang fünf ist also zu wenig.

Die Regierung fördert den Sport mit rund 160 Millionen Euro im Jahr und will dafür Medaillen sehen. Die Athleten sollen sauber sein, Doping ist nicht erwünscht, aber sie sollen auch erfolgreich sein, das geht selbst in einer dopingverseuchten Sportwelt. Die Frage ist nur, wie geht der Weg zum Erfolg, sprich Titel und Medaillen. Die Verbände selbst haben auch eine Sehnsucht nach Medaillen, davor aber steht die Sehnsucht nach Geld. Ihre Gleichung ist einfach: Mehr Geld ist gleich mehr Erfolg.

Doch die Gleichung geht nicht auf, das zeigte Rio deutlich. Die Versager waren vor allem die Schwimmer und Fechter, am Geld mangelte es ihnen nicht, sie unterhalten Leistungsstützpunkte, die früher durchaus erfolgreich waren. Die Frage ist jetzt, wie das Geld verteilt werden soll. Innenminister Thomas de Maiziére stellt klar: „Es geht nicht nach dem Gießkannenprinzip. Wer wenig Potenzial hat, kann nicht so viel Geld kriegen, wie jener, der viel Potenzial hat.“ Da verknotet sich ein gordischer Knoten: Wer noch keinen Erfolg hat, bekommt also wenig Geld, er will aber mehr Geld, damit er die Voraussetzungen für mehr Erfolg schaffen kann. Die Lösung könnte sein: Untersuchen, welche Verbände denn Erfolg versprechen!

Allerdings darf es im deutschen Sport nicht nur um Medaillen und Titel gehen. Erfolge tun sich auch da auf, wo die Bevölkerung zum Sport findet, wo die Jugend raus aus Dicos und runter vom Sofa geholt wird, weg von den Computern, hin zu Bewegung, zu Sport in Hallen und an frischer Luft. Gelingt das, hat der Sport schon einmal einen Erfolg erzielt. Am Ende der Kette werden dann auch Medaillen stehen, wenn die Talente richtig gefördert werden.

Es scheint aber so zu sein, dass es im deutschen Sport vorne und hinten knirscht und zwackt. So ist es ein Unding, dass viele Bundestrainer noch keinen Vertrag für 2017 haben. Der Leistungssport wird auch durch unfähige Funktionäre und zu viel Bürokratie gebremst. Die Sportverbände kämpfen um ihre Pfründe und die beginnen beim Geld. So formiert sich Widerstand gegen die geplante Spitzensport-Förderung, die den Erfolgreichen Vorteile verschafft. Viel Zündstoff für die Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sport-Bundes Anfang Dezember in Magdeburg. Dort wird sie wieder offen zutage treten, die Sehnsucht nach Medaillen, zuerst aber die Sehnsucht nach Geld. Und apropos Gießkannenprinzip: Alle werden die Hand aufhalten.

Statistik-Übersicht (deutsche Medaillen bei Sommerspielen, Gold-Silber-Bronze-Gesamt-Rang Medaillenspiegel):

1992 Barcelona: 33-21-28-82-3.

1996 Atlanta: 20-18-27-65-3.

2000 Sydney: 13-17-26-56-5.

2004 Athen: 13-16-20-49-6.

2008 Peking: 16-10-15-41-5.

2012 London: 11-19-14-44- 6.

2016 Rio de Janeiro: 17-10-15-42-5.

Paralympics die wahren Olympischen Spiele für Rio

 

Viele fragen sich: Ist ein Wunder geschehen? Dort, wo die Brasilianer vor Wochen den olympischen Wettkämpfen skeptisch gegenüberstanden und ihnen meist fernblieben, herrscht plötzlich Begeisterung. Die behinderten Wettkämpfer werden umjubelt, die Ränge sind gut gefüllt, die Stimmung ist fast euphorisch. Die Paralympics, meist nur ein Anhängsel der Spiele, obwohl sie seit 1988 immer von der Olympia-Stadt ausgerichtet werden müssen, sind in Rio de Janeiro zum olympischen Erlebnis geworden. Warum? Die Gründe sind offensichtlich.

Im Vorfeld der Olympischen Spiele standen vor allem die Kosten im Blickpunkt, standen sich das Volk und Politik fast feindselig gegenüber, bestimmten Korruption und Doping die Schlagzeilen. Das Olympische Feuer brannte zwar, aber nicht wirklich in den Herzen der Bevölkerung. Ganz anders bei den Paralympics. Auch da gab es im Vorfeld Sorgen, weil nur wenige Eintrittskarten verkauft wurden. Die Veranstalter senkten die Preise und sorgten damit für einen Boom. Eine Sperre fiel weg und weckte dafür Begeisterung. Selbst nicht gut betuchte Brasilianer konnten sich Olympia leisten und die behinderten Sportler wurden quasi zum Synonym für das eigene Leben, das für viele von Behinderungen im Alltag, vom Überlebenskampf gekennzeichnet ist. So wurden die Paralympics in Rio de Janeiro für die Bevölkerung zu „ihren“ Spielen, die wahren Olympischen Spiele.

Dabei haben auch die Paralympics ihre Unschuld verloren. Alle negativen Auswüchse des Profisports sind auch bei den Behinderten zu beobachten. Dort, wo der Sport professionell betrieben wird, geht es um Geld und um den Vorteil mit allen Mitteln. Also spielt auch bei den Behinderten Doping eine große Rolle, geht es darum, technische Vorteile bei den Hilfsmitteln wie Prothesen in Einklang zu bringen, doch manche verschaffen sich natürlich technische Vorteile. Einen gewissen Gigantismus haben die Paralympics auch erreicht, aus ursprünglich 400 Teilnehmern bei den Anfängen 1960 sind inzwischen über 4000 geworden, um 528 Entscheidungen ging es in Rio.

Ein Medaillenspiegel verbietet sich eigentlich bei den Paralympics, dennoch wird er geführt und einige Nationen haben auch die Spiele der behinderten Sportler dafür entdeckt, um sich als fortschrittliche und sportlich erfolgreiche Nation zu präsentieren. Allen voran China, dass am Ende über 200 Medaillen gewonnen haben wird, also fast bei der Hälfte aller Wettkämpfe mit einer Sportlerin oder Sportler auf dem Treppchen stand. Vorne dabei neben Großbritannien und den USA auch die Ukraine, was Fragen aufwirft. Deutschland freute sich über viele Medaillen (Rang 6), aber vor allem auch Brasilien war über die Maßen erfolgreich, wesentlich erfolgreicher als bei Olympia, so dass auch sportlich die Begeisterung der Bevölkerung angeheizt wurde. Allerdings wird gerade bei den Paralympics die Schere zwischen Arm und Reich deutlich, weil sich ärmere Athleten nicht die besten technischen Hilfsmittel leisten können. So sind die Staaten erfolgreich, die ihre Athleten vor allem finanziell unterstützen.

Im Vordergrund bei den Paralympics muss allerdings stehen, welches Schicksal die Athleten gemeistert haben. Der Sport half, mit der Behinderung zu leben. Das ist wichtiger als jede Medaille oder jeder Medaillenspiegel. Deutschlands erfolgreichste Athletin Marianne Buggenhagen, die jetzt mit 63 ihre Karriere beenden will und nach einem Bandscheibenvorfall eine Querschnittslähmung erlitt, sagte im Rückblick: „Wenn ich den Sport nicht gehabt hätte, wäre ich im Pflegeheim gelandet oder asozial geworden.“ Das zählt mehr als jede Medaille.

Olympia in Rio: Jetzt geht es nur noch um die Medaillen

 

Von wegen „dabei sein ist alles“ – „gewinnen ist alles“. Wenn am Freitag die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro beginnen, geht es nur noch um die Medaillen. Es soll Leute geben, die sagen, sie schauen nicht auf den Gewinn der Medaillen, dabei ist der Medaillenspiegel das A & O, sogar für Regierungen. Warum wohl haben sich die Russen (früher der gesamte Ostblock) zu Staatsdoping hinreißen lassen? Der Sport als Beispiel für die Klasse des Systems, für die Stärke der Regierung. Und so vergessen wir mal Chaos, Korruption, Doping, Pleiten und sonstiges, was uns die Vorfreude auf Rio vermiest hat, jetzt geht es nur noch um die Medaillen. Allerdings sagen Kritiker zu Recht, dass die Jagd nach Medaillen Wegbereiter für das Doping ist. Jeder will mit aller Macht gewinnen. 306 Goldmedaillen werden vergeben, rund 10500 Athleten aus 206 Ländern sind am Start.

Ein Blick zurück auf London 2012. Wer weiß noch, welche Nation den Medaillenspiegel anführte. Gut, es gibt nicht viele Kandidaten, natürlich die USA war es. Insgesamt 103 Medaillen sammelten die Amerikaner ein (46 Gold, 28 Silber, 29 Bronze) und sie werden wohl auch in Brasilien vorne stehen. Die Rangfolge dahinter könnte sich verändern, denn Großbritannien (65 Medaillen) war hinter China (88) die Nummer drei, weil das Land ungeheure Anstrengungen unternommen hat, um als Gastgeber auch sportlich glänzen zu können. Ob diese verstärkte Förderung für den Leistungssport von Dauer war, wird sich jetzt 2016 zeigen. Erst dahinter war Russland (82) trotz Staatsdoping platziert und wird jetzt wohl weiter zurückfallen. Hinter Südkorea (28) konnten wir uns für Deutschland über 44 Medaillen freuen. Südkorea gewann 13 Goldene und war deshalb vor Deutschland (11 Gold, 19 Silber, 14 Bronze) platziert. Eine ähnliche Ausbeute hoffen die deutschen Funktionäre wieder für ihr Team, allerdings heißt es hier „es darf auch ein bisschen mehr sein“.

Olympische Spiele sind durch ihren Gigantismus in Verruf gekommen, aber sie sind für die Sportler immer noch das Nonplusultra. Eine Medaille bei Olympia bleibt etwas Besonderes und ist einer Welt- oder Kontinentalmeisterschaft nicht zu vergleichen. Deshalb ist in aller Welt auch die Aufmerksamkeit für Olympia entsprechend größer, Siege sind fast schon ein nationales Ereignis. Und Sportarten, die jeweils vier Jahre lang mehr oder weniger ein Schattendasein führen, geraten bei Olympia plötzlich in den Blickpunkt. Das ist der Segen der Olympischen Spiele.

Wir werden sehen, ob die Spiele auch für Brasilien ein Segen sind und inwiefern die Gastgeber auch einen Sprung nach vorne im Medaillenspiegel machen können. Platz 22 war es in London mit 17 Medaillen (3 – 5 – 9), auch da darf es ein bisschen mehr sein, aber im Sportverband ist man eher zurückhaltend, Brasilien hat nicht viele Spitzenathleten. Jeder Sieg könnte aber auch die Lebensfreude im Land steigern. Die größte Freude wäre wohl der Gewinn der Goldmedaille im Fußball. Das würde Neymar und Co. fast unsterblich machen. Die Chancen sind da, auch bei den Frauen. Die Fußballturniere dürften deshalb im Mittelpunkt stehen.

Bei den Deutschen ist es verschieden, die Männer träumen von einer Medaille, die Frauen haben sogar Gold ins Visier genommen, auch das wäre ein Novum. Die Fußballteams haben das Pech, dass sie die Olympischen Spiele nur am Rande erleben, denn nur wer ins Halbfinale einzieht, zieht auch ins Olympische Dorf in Rio ein. Dies wird als Ziel ausgegeben: Wir wollen ins Olympische Dorf. Olympia wird im Fußball aber auch Stress pur, nur ein kleines Aufgebot von 18 Spielerinnen oder Spielern wurde genehmigt, dennoch muss alle drei Tage (und zusätzlich reisen) angetreten werden. Olympia ist kein Spaß.

Spaß haben will dagegen Golfer Martin Kaymer. Er will das Olympische Dorf genießen und hat im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen keine Angst vor Zika, Terror oder Räubern. Die besten vier Golfer der Weltrangliste haben abgesagt. Golf ist erstmals seit 112 Jahren wieder dabei, doch die Stars haben für ihre Sportart eher eine Anti-Werbung bestritten. Golf in Deutschland würde dagegen durch eine Medaille von Kaymer, Alex Cejka oder den Frauen Caro Masson und Sandra Gal profitieren. Chancen haben sie. Aber in anderen Sportarten gibt es größere Medaillenkandidaten. Die Schützen schießen sich bei Olympia in die Herzen der Zuschauer, Fechter, Reiter, Leichtathleten, Schwimmer, Ruderer oder Kanuten sind immer für vordere Plätze gut. Sie wollen in Form sein, denn jetzt geht eben nur noch um die Medaillen.