Paralympics die wahren Olympischen Spiele für Rio

von knospepeter

 

Viele fragen sich: Ist ein Wunder geschehen? Dort, wo die Brasilianer vor Wochen den olympischen Wettkämpfen skeptisch gegenüberstanden und ihnen meist fernblieben, herrscht plötzlich Begeisterung. Die behinderten Wettkämpfer werden umjubelt, die Ränge sind gut gefüllt, die Stimmung ist fast euphorisch. Die Paralympics, meist nur ein Anhängsel der Spiele, obwohl sie seit 1988 immer von der Olympia-Stadt ausgerichtet werden müssen, sind in Rio de Janeiro zum olympischen Erlebnis geworden. Warum? Die Gründe sind offensichtlich.

Im Vorfeld der Olympischen Spiele standen vor allem die Kosten im Blickpunkt, standen sich das Volk und Politik fast feindselig gegenüber, bestimmten Korruption und Doping die Schlagzeilen. Das Olympische Feuer brannte zwar, aber nicht wirklich in den Herzen der Bevölkerung. Ganz anders bei den Paralympics. Auch da gab es im Vorfeld Sorgen, weil nur wenige Eintrittskarten verkauft wurden. Die Veranstalter senkten die Preise und sorgten damit für einen Boom. Eine Sperre fiel weg und weckte dafür Begeisterung. Selbst nicht gut betuchte Brasilianer konnten sich Olympia leisten und die behinderten Sportler wurden quasi zum Synonym für das eigene Leben, das für viele von Behinderungen im Alltag, vom Überlebenskampf gekennzeichnet ist. So wurden die Paralympics in Rio de Janeiro für die Bevölkerung zu „ihren“ Spielen, die wahren Olympischen Spiele.

Dabei haben auch die Paralympics ihre Unschuld verloren. Alle negativen Auswüchse des Profisports sind auch bei den Behinderten zu beobachten. Dort, wo der Sport professionell betrieben wird, geht es um Geld und um den Vorteil mit allen Mitteln. Also spielt auch bei den Behinderten Doping eine große Rolle, geht es darum, technische Vorteile bei den Hilfsmitteln wie Prothesen in Einklang zu bringen, doch manche verschaffen sich natürlich technische Vorteile. Einen gewissen Gigantismus haben die Paralympics auch erreicht, aus ursprünglich 400 Teilnehmern bei den Anfängen 1960 sind inzwischen über 4000 geworden, um 528 Entscheidungen ging es in Rio.

Ein Medaillenspiegel verbietet sich eigentlich bei den Paralympics, dennoch wird er geführt und einige Nationen haben auch die Spiele der behinderten Sportler dafür entdeckt, um sich als fortschrittliche und sportlich erfolgreiche Nation zu präsentieren. Allen voran China, dass am Ende über 200 Medaillen gewonnen haben wird, also fast bei der Hälfte aller Wettkämpfe mit einer Sportlerin oder Sportler auf dem Treppchen stand. Vorne dabei neben Großbritannien und den USA auch die Ukraine, was Fragen aufwirft. Deutschland freute sich über viele Medaillen (Rang 6), aber vor allem auch Brasilien war über die Maßen erfolgreich, wesentlich erfolgreicher als bei Olympia, so dass auch sportlich die Begeisterung der Bevölkerung angeheizt wurde. Allerdings wird gerade bei den Paralympics die Schere zwischen Arm und Reich deutlich, weil sich ärmere Athleten nicht die besten technischen Hilfsmittel leisten können. So sind die Staaten erfolgreich, die ihre Athleten vor allem finanziell unterstützen.

Im Vordergrund bei den Paralympics muss allerdings stehen, welches Schicksal die Athleten gemeistert haben. Der Sport half, mit der Behinderung zu leben. Das ist wichtiger als jede Medaille oder jeder Medaillenspiegel. Deutschlands erfolgreichste Athletin Marianne Buggenhagen, die jetzt mit 63 ihre Karriere beenden will und nach einem Bandscheibenvorfall eine Querschnittslähmung erlitt, sagte im Rückblick: „Wenn ich den Sport nicht gehabt hätte, wäre ich im Pflegeheim gelandet oder asozial geworden.“ Das zählt mehr als jede Medaille.

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