Sotschi ist Betrug an den Sportlern!

von knospepeter

 

Am Freitag, 7. Februar beginnen die Olympischen Winterspiele in Sotschi (Russland). Doch Vorfreude ist nirgends zu spüren, nicht einmal bei der Bevölkerung in Sotschi selbst. Natürlich, die Sportler selbst freuen sich auf die Spiele, schließlich ist eine Olympia-Teilnahme das Highlight der Karriere, darauf – und womöglich noch einen Medaillengewinn – arbeitet man hin. Aber Sotschi als Austragungsort zu wählen, war gleichzeitig Betrug an den Sportlern!

Wer von der jetzigen Generation schon länger erfolgreich ist, der darf wenigstens Vancouver 2010 in angenehmer Erinnerung behalten. Die älteren Sportler erinnern sich mit einem Lächeln im Gesicht vor allem an Lillehammer 1994, die vielleicht schönsten Spiele aller Zeiten. Es waren echte Winterspiele in einer heiteren, lockeren Atmosphäre mit viel Schnee und einer Sonne, die vom Himmel lachte. Die Norweger blieben sich treu, ihre Haustüren blieben unverschlossen und sie feuerten die Sportler aller Nationen an.

Welcher Kontrast dagegen in Sotschi. „Olympia in Sotschi ist skurril“, hat zum Beispiel Leichtathletik-Chef Clemens Prokop über die seltsame IOC-Entscheidung geurteilt, „Winterspiele an einem Ort, wo fast ein Mittelmeerklima herrscht“. Rund um den „Medal Plaza“ unweit des Strandes am Schwarzen Meer wird man wohl keine Winter-Atmosphäre zaubern können.

„Geld darf nicht allein entscheiden“ hat Alfons Hörmann, der neue Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, gewarnt. Aber diese Warnung kommt zu spät. Das Geld spielte bei der IOC-Entscheidung für Sotschi ebenso eine Rolle wie der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 an Katar. Erst hinterher machten sich die Entscheider darüber Gedanken, was sie denn da angerichtet haben. Was Sotschi angeht, da ist man dem Werben von Russlands Präsidenten Putin erlegen, der die „besten Spiele aller Zeiten“ offerierte. Putins Spiele. Keine Rede von Terrorgefahr, keine Rede von organisatorischen Mängeln, die jetzt zutage treten. Die teuersten Spiele aller Zeiten mit über 40 Milliarden Euro „glänzen“ im Vorfeld mit Bauten, die noch nicht fertig sind, mit Raubbau an der Natur, mit einer Infrastruktur, die nur zum Teil geschaffen wurde. Viele Versprechungen für nichts. Dafür Sotschi als Hochsicherheitstrakt ohne Bewegungsfreiheit für die Athleten. Olympische Freude sieht anders aus.

Den Sportlern bleibt nur ein Trost: Konzentration auf den Sport. Wer erfolgreich ist, der wird sich dennoch gern an Sotschi erinnern, wer nicht erfolgreich ist, der wurde sogar um das Erlebnis Olympia betrogen. Ein Erlebnis, wie er es eben in Lillehammer hätte erleben dürfen, oder zuletzt in Vancouver. Das IOC denkt leider an die Sportler zuletzt.

Was aber dürfen wir von den deutschen Olympia-Teilnehmern erhoffen? Alfons Hörmann wäre mit „ab 25 Medaillen aufwärts“ zufrieden, 30 Medaillen waren es zuletzt in Vancouver, Deutschland war die Nummer 2 in der Nationenwertung hinter Gastgeber Kanada. Die meisten Medaillen sammelte Deutschland zuletzt 2002 in Salt Lake City mit 36 und war damals sogar der fleißigste Medaillensammler. Doch Medaillen sind nicht alles, auch die Plätze dahinter sollten gewürdigt werden. Leider ist es aber heute so, dass der Zweite schon der erste Verlierer ist.

Medaillenhoffnungen haben wir im deutschen Team genügend. „Neunmal Gold“ ist Prognose der Sport-Bild, vor allem die Rodler könnten zu Gold-Hamsterern werden, wenn die bisherigen Weltcup-Resultate fortgesetzt werden. Ob Damen oder Herren, Doppelsitzer oder Team, die Deutschen liegen vorn. Ähnlich dominant war nur noch Eric Frenzel in der Nordischen Kombination. Es wäre für ihn ein Schlag ins Gesicht, würde er ohne Metall bleiben. Zum Favoritenkreis gehören auch die Alpin-Stars Maria Höfl-Riesch (in allen Disziplinen!) und Felix Neureuther (Slalom und neuerdings sogar Riesenslalom). In den nordischen Disziplinen könnte für die Skispringer und im Sprint der Langläufer etwas abfallen. Auf dem Eis gibt es einige Hoffnungen für die Bobfahrer, natürlich das Eiskunstlaufpaar Szolkowy/Savchenko und Claudia Pechstein auf den langen Strecken im Eisschnelllauf sowie Jenny Wolf über 500 m. Darüber hinaus dürfen wir uns im Snowboard überraschen lassen.

Geht man nach den Einschaltquoten im Fernsehen, dann ist Biathlon die beliebteste Wintersportart der Deutschen. Die Zeiten der Medaillenhamsterer wie Magdalena Neuner sind allerdings vorbei. Einzelerfolge in den letzten Rennen machen zwar Hoffnung auf die eine oder andere Überraschung (Andrea Henkel, Simon Schempp, Andreas Birnbacher, Arnd Peiffer), doch realistische Medaillenchancen haben vor allem die Staffeln. Bei den Damen und Herren scheinen ein paar Konkurrenten übermächtig zu sein. In Vancouver gab es im Biathlon noch fünf Medaillen, in Sotschi eigentlich unvorstellbar.

Eine Entscheidung steht zur Stunde noch aus: Wer trägt die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier? Neben Andrea Henkel und Maria Höfl-Riesch ist auch Claudia Pechstein im Gespräch, doch es wäre ein Anachronismus, würde der Eisschnelllauf-Zicke, die wegen Dopings gesperrt war, diese Ehre zuteil werden. Aber es würde auch zu den Sportfunktionären passen!

Trotz allem: Lassen wir uns den Spaß am Sport nicht verderben und lassen wir uns überraschen, wie viel olympische Begeisterung das Publikum zustande bringt. Eines ist auch klar: Nach Olympia wird Sotschi wieder in einen Winterschlaf verfallen, die meisten Bauten werden leider verfallen und die Bevölkerung nicht besser leben als zuvor. Am Ende bleiben 40 Milliarden Euro Kosten für zwei Wochen olympische Scheinwelt.

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