Das Wunder von Belo Horizonte

von knospepeter

„Wunder gibt es immer wieder…“ sang einst Katja Ebstein und landete damit einen Hit. An ein Wunder glaubten auch die Millionen deutschen Fußball-Fans beim 7:1 der DFB-Elf gegen Brasilien. Aber dieser historische Sieg basiert nicht auf einem Wunder, sondern auf ganz irdischen Tatsachen. Der Sport-Grantler entzaubert das „Wunder von Belo Horizonte“. So kam das 7:1 zustande:

Dummheit: Es wurde viel über die Taktik bei der Fußball-Weltmeisterschaft geredet, über das Defensivkonzept der meisten Teams, über die Überfall-Kommandos, das Konterspiel und vieles mehr. Nichts von dem zeigte Brasilien gegen Deutschland, dafür aber eine gehörige Portion Dummheit. Die Mannschaft rannte führungslos in ihr Verderben, der erfahrene Trainer Felipe Scolari vermochte es nicht, seine Spieler zu beruhigen. Sie stürmten zunächst eindrucksvoll, machten aber in der Abwehr unverzeihliche Fehler, welche die Löw-Schützlinge gnadenlos ausnutzten.

Effektivität: Wenn man von einem „Wunder“ reden will, dann von der besonderen Effektivität, welche die deutsche Mannschaft vor dem gegnerischen Tor auszeichnete. Fast jeder Fehler des Gegners wurde bestraft, jeder Angriff fast schulbuchmäßig ausgespielt und abgeschlossen, die Mannschaft spielte sich in einen Rausch, der zu diesem historischen 7:1 führte, dem bisher höchsten Ergebnis in einem WM-Halbfinale. Miro Kloses Rekordtor, sein 16. WM-Treffer, machte das „Wunder von Belo Horizonte“ endgültig historisch.

Nervosität: Eines wurde deutlich, Brasilien konnte die Ausfälle von Kapitän Thiago Silva und Neymar nicht verkraften, es gab niemanden, an dem sich die Spieler auf dem Feld aufrichten konnten. Stattdessen zerbrachen sie an der Last des „Müssens“, an der Aufgabe Weltmeister werden zu müssen. Die Mannen auf dem Feld mussten einer Nation den Titel schenken und machten dabei Fehler wie Anfänger. Der Druck war einfach zu groß und so kam es zu dem Dilemma einer 1:7-Niederlage. Deutschland profitierte davon, dass Brasilien unter der WM-Last zusammenbrach. Torjäger Thomas Müller brachte es wieder mal auf den Punkt: „Solche Tage gibt es im Fußball“. Das ist Sport, kein Wunder.

Selbstvertrauen: Auf der einen Seite die Nervosität der Brasilianer, auf der anderen Seite das Selbstvertrauen der Deutschen, die Waage neigte sich schnell auf Seite der Löw-Schützlinge. Die Schwäche des Gegners ließ die Deutschen ihre Stärke ausspielen, endlich mal wieder das schnelle Umschaltspiel, erfolgreiches Pressing selbstbewusster Deutscher gegen verunsicherte Brasilianer – das musste zur Katastrophe führen. Die Löw-Schützlinge zeigten, zu was sie fähig sind, voran Toni Kroos und Sami Khedira, Thomas Müller und Bastian Schweinsteiger. Für das Selbstvertrauen steht vor allem aber auch Torhüter Manuel Neuer, ein Fels, an dem Brasilianer abprallten.

Der Weg zum Titelgewinn ist frei, wer Brasilien 7:1 schlägt, geht als Favorit ins Endspiel. Aber Vorsicht, so leicht wird es nicht. Jeder weiß, dass Deutschland nicht ins Rollen kommen darf, Algerien lieferte den Beweis und damit das Gegenstück zu Brasilien. Deutschland gewann gerade mal mühsam 2:1 nach Verlängerung. Ein Ergebnis, das auch für das Finale Gültigkeit haben könnte, egal, wer der Gegner ist. Fast so spannend ist aber auch die Frage, wie die Fußball-Nation Brasilien auf das ungeliebte und unnötige Spiel um Platz drei reagiert, nachdem der Traum vom Titel ausgeträumt ist.

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