Durchhalteparolen beherrschen Europas Fußball

von knospepeter

Was für eine Woche im Fußball. Die Welt war schockiert, die Fußball-Welt trauert, Argentinien weint. „Weine nicht, Argentinien“ möchte man den Südamerikanern zurufen nach dem Tod von Diego Maradona. Die Frage nach dem größten Fußballer der Welt wird nie endgültig beantwortet werden können, doch Maradona ist immer im Kreis der Kandidaten. Dazu war er vielleicht die schillerndste Figur und trotz aller Eskapaden fast ein Nationalheiligtum in Argentinien, die drei Tage Staatstrauer bestätigen dies. Maradona wurde bereits beerdigt, das Nachspiel folgt. Sein Tod nach einer Gehirn-Operation wird untersucht, die Anschuldigung der falschen medizinischen Behandlung ist gravierend. Maradona, der einst mit Hilfe der „Hand Gottes“ ein Tor erzielte, wird jetzt von oben herab beobachten, was sich im Fußball tut. Eine Lücke wird er hinterlassen, eine Lücke, die Argentiniens zweiter Fußball-Star Leonie Messi gerne füllen würde, aber trotz aller Qualitäten als Idol nicht füllen kann. Er würdigte den Fußball-Helden auf besondere Art: Schoss ein Tor aus 20 Meter in den Torwinkel wie Maradona und jubelte im Maradona-Trikot wie einst Diego.

Die Fußball-Welt trauert, aber der Fußball rollt weiter. In Europa stehen derzeit die Durchhalteparolen im Mittelpunkt, die bösen Vorahnungen angesichts des Terminplans ohne Pausen bestätigen sich immer mehr. Die Trainer haben vorher geschimpft und jetzt werden sie immer lauter (am lautesten wohl Jürgen Klopp in Liverpool), angesichts der großen Zahl von Verletzungen. Spitzenteams müssen manchmal auf die halbe Mannschaft verzichten, für alle das Problem, das der Sport-Grantler schon vor einer Woche angesprochen hat, es gilt nicht nur für Hansi Flick den gordischen Knoten zu lösen. Der Bayern-Trainer versucht es aber auf seine Art, er will den Gedanken an eine Überlastung bei seinen Spielern gar nicht aufkommen lassen („Wir müssen das annehmen“), auch wenn zum Beispiel Leon Goretzka gesteht: „Ich fühle mich müde“. Also ist klar, es geht darum, irgendwie Erfolg zu haben und die Punkte einzufahren. „Wir holen keinen Schönheitspreis, aber liefern Ergebnisse“, ist Flick deshalb zufrieden.

Die Belastungen gehen weiter, einen Vorteil haben die Bayern, sie stehen in der Champions League bereits vorzeitig als Gruppensieger fest. Die Aufgabe am Dienstag bei Atletico Madrid ist also kein Schlagerspiel mehr für die Münchner, sondern eher ein Testspiel. Die wichtigere Aufgabe wartet am Samstag (18.30 Uhr) mit Verfolger RB Leipzig, da geht es um die Tabellenführung in der Bundesliga (im Vorjahr 0:0 und 1:1). Die Rekordjagd in der CL gerät also in den Hintergrund, andererseits ist eine Siegprämie von 2,7 Millionen Euro auch nicht zu verachten. Dennoch steht für Hansi Flick Schonung im Vordergrund, Dauerspieler wie Torhüter Manuel Neuer (!, das CL-Debüt von Alexander Nübel steht bevor), Torjäger Robert Lewandowski und Dauerläufer Leon Goretzka müssen den Trip nach Madrid nicht mitmachen. Der Fußball-Wahnsinn geht jedoch weiter, bis Weihnachten warten in der Bundesliga nur Spitzenteams, nach Leipzig noch Union Berlin, VfL Wolfsburg und zum Abschluss Bayer Leverkusen. Zu beachten ist: Wolfsburg und Leverkusen sind nach wie vor die einzigen Klubs ohne Niederlage!

Fast möchte man sagen, die übliche Niederlage hat sich Borussia Dortmund geholt. Der Blick geht zwar Richtung Meisterschaft, aber Aussetzer wie jetzt beim 1:2 gegen den 1. FC Köln passieren immer wieder. Es ist wohl doch eine Frage der Konzentration und Mentalität, das „mia san mia“ der Bayern lässt sich nicht implantieren. Peinlich: Zwei Gegentore nach Ecken nach gleichem Muster. Und das ausgerechnet gegen Köln, das 18 sieglose Spiele zu beklagen hatte.

Anders als bei Mainz und Köln gehen die sieglosen Spiele bei Schalke 04 weiter. Erstaunlich, das 1:4 gegen Gladbach wird als „Fortschritt“ gewertet. Die Woche war turbulent, Kaderplaner Michael Reschke musste gehen, mit Stürmer Ibisevic hat man den Vertrag aufgelöst, Bentaleb und Harit wurden zu Einzeltraining verdonnert, damit sie quasi zur Besinnung kommen. Der Zusammenhalt wird gesucht, Fremdkörper soll eliminiert werden. Ob es reicht, um dem traurigen Rekord als schlechteste Mannschaft der Bundesliga-Geschichte zu entgehen?. 31 Spiele ohne Sieg musste Tasmania Berlin in der Saison 1965/66 erleiden, fehlen noch sechs. Die Gegner: Leverkusen, Augsburg, Freiburg, Bielefeld, Hertha und Hoffenheim – wer erbarmt sich? Kurios: Schalke hat nach neun Spieltagen 28 Gegentreffer, das hatte Tasmania damals aufs Tor genau ebenso! Und: Die Verantwortlichen von Tasmania wären traurig, wenn ihnen Schalke den Rekord raubt. „Damit geraten wir nicht in Vergessenheit, wir bleiben im Gespräch, das ist Werbung für uns“, heißt es aus dem Klub. Wie aber denkt Schalke? Punkte und der gute Ruf wären wohl wichtiger. Noch ist ja der Anschluss ans ähnlich schwache Vorderfeld da.

Es geht turbulent zu im Fußball und das bleibt auch so, es stehen in nächster Zeit wichtige Tagungen an. Dabei gibt es auch Durchhalteparolen, nämlich beim DFB und der Frage, ob Joachim Löw Bundestrainer bleiben soll oder nicht. Zunächst trifft sich ein kleiner Kreis u. a. mit Präsident Fritz Keller und Team-Manager Oliver Bierhoff um mit Joachim Löw die 0:6-Pleite aufzuarbeiten und ein Konzept für die Zukunft aufzustellen. Über die Zukunft des Bundestrainers entscheidet aber allein der Präsidiumsausschuss des DFB. der aus 13 Männern und einer Frau besteht. Er wird auch auf die Basis achten müssen, denn die Fans fordern die Ablösung von Joachim Löw, der angeblich zuletzt allein mit Kurzarbeitergeld zufrieden gewesen sein soll. Wie die Entscheidung ausfallen wird, dürfte auch davon abhängen, ob ein Nachfolger (Ralf Rangnick?) in Sicht ist oder nicht.

Um die Zukunft geht es am 7. Dezember auch bei der FIFA, da werden nämlich die Gruppen für die Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar ausgelost. Deutschland hat sich immerhin unter den zehn besten Nationen in Europa gehalten und ist damit einer der Gruppenköpfe, kann also zunächst nicht auf eine Top-Nation wie Frankreich, England oder Spanien treffen. In Topf zwei sind dann Teams der Kategorie Polen oder Schweden zu finden. Mal sehen, ob Jogi Löw bei der Auslosung noch Deutschland repräsentiert.

An diesem Tag findet zudem eine wichtige Sitzung der DFL statt, denn es geht um die zukünftige Verteilung der Fernsehgelder, die Diskussion sind ja bekannt. Bleibt es wie bisher oder soll eine andere Verteilung stattfinden zugunsten der kleineren bzw. schwächeren Vereine. Es geht um viel Geld, Bayern München kassierte zuletzt 105 Millionen Euro an TV-Gelder national und international. Die einen verteidigen die gut gefüllten Töpfe, die anderen lechzen nach mehr Euro. Das wird nicht einfach.