Der Sport – Grantler

Kommentare rund um Fußball und anderen Sport

Tag: Fußball

Strafe muss sein! Im Sport nicht immer!

„Der Sport hat seine eigenen Gesetze“ heißt es oft bei strittigen Entscheidungen. Manchmal werden dann auch allgemeine Lebensregeln außer Kraft gesetzt, zum Beispiel die Weisheit „Strafe muss sein“. Die gilt zwar auch im Profisport, aber eben nicht immer. Drei Beispiele, die in der letzten Zeit zu Diskussionen in der Öffentlichkeit führten.

Nummer 1 die Attacke von Sebastian Vettel gegen Lewis Hamilton in der Formel 1. Der Deutsche wurde zum Rächer, als ihn Konkurrent Lewis Hamilton vermeintlich widerrechtlich ausbremste, was für ihn eben nur in der Wahrnehmung galt, aber nicht wirklich so war. Vettel ließ seinem Wutausbruch freien Lauf, die Vernunft hatte Pause und zudem ignorierte er die Regeln und fuhr Hamilton als Revanche seitlich ins Auto. Eine Aktion, die im Rennsport überhaupt nicht geht, wo es immer wieder Todesopfer zu beklagen gibt und sich Fahrer und Verbände Gedanken machen, wie die Sicherheit erhöht werden kann. All diese Bemühungen konterkarierte Vettel. Seine Strafe: Zehn Sekunden „Nachsitzen“, eine Wartezeit, die nicht ausreichen kann, um sein Mütchen zu kühlen. Weil Konkurrent Hamilton dann auch noch technische Probleme hatte, wurde „Rambo“ Vettel zum punktemäßigen Gewinner des Laufs in Baku. Der Weltverband beschäftigte sich zwar im Nachhinein noch einmal mit dem Vorfall, beließ es aber nach einer Entschuldigung von Vettel bei einer Verwarnung. Hier wurde die Weisheit „Strafe muss sein“ außer Kraft gesetzt, Vettel hätte zumindest die WM-Punkte für diesen Lauf verlieren müssen oder eine Sperre für wenigstens ein Rennen zur Abkühlung gebraucht. Den Gerüchten sind Tür und Tor geöffnet, profitierte Vettel davon, dass sein Rennstall Ferrari oft Sonderbehandlungen erhält oder von der Nähe des FIA-Präsidenten Jean Todt zu Ferrari? Vettels Vorbild Michael Schumacher hat für einen ähnlichen Rammstoß mal alle WM-Punkte einer Saison verloren. Noch Fragen?

Nummer 2 im Finale des Fußball-Confed-Cup in Russland. Deutschland brachte den selbsternannten Favoriten Chile zur Verzweiflung und der Ehrgeiz der Südamerikaner wurde ebenso wie die Ungeduld immer größer. Da schlägt man schon mal über die Stränge, Gonzalo Jara tat dies eine halbe Stunde vor Schluss mit einem Rammstoss mit dem Ellenbogen in das Gesicht des Deutschen Timo Werner. Bilder zeigen, wie sich dessen Gesicht verformte. Die Fernsehbilder sprachen eine deutliche Sprache. Nicht für Schiedsrichter Mazic. Der Serbe konnte auf den Videobeweis zurückgreifen und griff dann mit seiner Karte daneben, nachdem er die Tätlichkeit zuvor sogar ignoriert hatte: Gelb statt Rot. Die Weisheit „Strafe muss sein“ wurde also auch hier außer Kraft gesetzt, ein Sträfchen statt Strafe. Immerhin siegte ja Deutschland dennoch mit 1:0. Ein bisschen Gerechtigkeit.

Nummer 3 betrifft den Radsport, nach dem Motto, die Tour de France muss doch dabei sein. Aber gerade dort, wo in Sachen Doping lange Zeit viel zu wachsweich gehandelt wurde und auch heute noch die Augen gerne verschlossen werden, wurde als Zeichen „wir wollen Gerechtigkeit“ hart durchgegriffen. Für viele, selbst für die Konkurrenten, zu hart. Weltmeister Peter Sagan fuhr im Zielsprint die Ellenbogen aus, brachte Mitstreiter Mark Cavendish zu Fall und kassierte die härteste Strafe, die es nur geben kann: Ausschluss von der Tour de France. Im Radsport wird immer hart gesprintet, sind Stürze im Gewühl des Zielsprints fast schon an der Tagesordnung, da hat die Tour-Leitung über das Ziel hinausgeschossen. Das Zeichen für die Öffentlichkeit, „schaut, wir greifen durch“ war daneben, denn im führenden Team Sky, das die Tour bisher dominiert und dies wahrscheinlich bis zum Schluss in Paris auch weiter tun wird, fahren die Doping-Verdächtigungen weiter mit. Gültige Antworten auf die Anschuldigungen hat es bisher nicht gegeben, sondern nur Ausflüchte. „Strafe muss sein“, aber nicht für den Falschen.

So zeigt sich wieder einmal, dass wir im Spitzensport die Gerechtigkeit leider viel zu selten finden. Im Vordergrund steht das Geschäft und es herrscht eben oft auch trotz aller Regeln die Willkür, dass gerecht ist, was dem Geschäft dient. Ein Wunder, dass der Profisport weltweit noch so viele Anhänger hat. Zugegeben: Auch der Sport-Grantler ist einer

Ist Deutschland jetzt unschlagbar?

Das war ein Paukenschlag, der die Fußball-Welt aufhorchen ließ: Deutschlands U 21 wurde am Freitag, 30. Juni, Junioren-Europameister, zwei Tage später holte Deutschland in St. Petersburg auch noch den Confed Cup. Das Besondere an der Situation: Bundestrainer Joachim Löw hatte auf das Gros der Weltmeister von 2014 beim Confed Cup verzichtet und acht Spieler im jüngsten Kader des Turniers, die noch in der U 21 hätten spielen können. Und dennoch wurden die U 21 Europameister! Welch ein Potential hat der deutsche Fußball! Die Fußball-Welt ist in Aufruhr: Ist Deutschland jetzt unschlagbar?

In beiden Endspielen gab es das gleiche Muster. Der Gegner war jedes Mal Favorit. Da die jungen Spanier, die teilweise bereits in der Champions League für Furore gesorgt hatten und schon als künftige Stars gehandelt werden. Dort der Südamerika-Meister Chile, der in Person von Anführer Arturo Vidal tönte: „Wir werden siegen und dann sind wir die Besten der Welt.“ Deutschland gewann jeweils mit 1:0. Nicht mit spielerischem Glanz, aber doch mit hohem technischem Niveau, aber vor allem mit Kampfgeist und Siegeswillen. Der kann bekanntlich Berge versetzen – und damit kann man Pokale gewinnen. Auch wenn die meisten Weltmeister sich eine Ruhepause gönnen.

Jogi Löws Vorgänger und Ex-USA-Nationalcoach Jürgen Klinsmann schaut bewundernd auf das deutsche Aufgebot und konstatiert: Jogi Löw hat eine Auswahl von 50 Spielern für die Weltmeisterschaft 2018. Da ist das A-Team, das mehr oder weniger Pause hatte, da sind die Gewinner des Confed Cups, die an der Tür zur Nationalmannschaft rütteln und da sind die Junioren-Europameister, die davon träumen, das zu wiederholen, was Neuer, Höwedes, Boateng, Khedira, Özil und Co. schafften: 2009 Europameister und dann 2014 Weltmeister. Heißt: 2018 in Russland werden noch andere den Vortritt im DFB-Team haben, aber 2022 in Katar sind die Europameister von 2017 dran. Die Fußball-Welt hat nur eine Hoffnung: Nicht immer werden die Junioren-Europameister später auch Weltmeister. Das wäre zu einfach.

Bundestrainer Joachim Löw hat das Glück, dass er Spieler für jede taktische Ausrichtung hat und jede Menge flexibler Spieler, die für ein WM-Aufgebot unheimlich wichtig sind. Aber jetzt hat er eine einfache und eine schwere Aufgabe. Die einfache Aufgabe ist, die 23 besten Kandidaten für das WM-Team zu finden. Er kann dabei fast keine Fehler machen und Verletzungssorgen wird er kaum kennen, denn es steht auf jeder Position adäquater Ersatz bereit. Seine Aufgabe wird es sein, die Jungs in Form zu bringen und wie bei der U 21 und beim Confed Cup sowie 2014 in Brasilien eine echte Mannschaft zu formen.

Die schwere Aufgabe hat es in sich, Löw muss die Euphorie in Deutschland dämpfen. Logisch, wenn ein B-Team den Confed Cup gewinnt, wird das A-Team Weltmeister. Doch Löw beginnt bereits jetzt die Schwierigkeiten herauszuarbeiten: Die Talente sind noch nicht so weit, eine Weltmeisterschaft ist ein anderes Kaliber als ein Confed Cup, gegen Argentinien, Brasilien, Italien, England oder Spanien geht es anders zur Sache. Der Bundestrainer muss Kritik vorbeugen, ein frühzeitiges Scheitern bei der WM würde als Bumerang auf ihn zurückkommen, nach dem Motto: Bei so einer Auswahl muss herauskommen.

Doch das ist Zukunftsmusik oder die Zukunftsangst des Herrn Löw. Zunächst muss erst die WM-Qualifikation bestanden werden und da ist Deutschland (noch ohne Punktverlust) auf einem guten Weg. Und dann muss man wirklich erst sehen, wie stark die Gegner sind und was sie auf die Beine stellen. Favoriten sind oft gescheitert, wie jetzt bei der U 21-EM und beim Confed Cup. Joachim Löw muss sich die nächsten zwölf Monate vielleicht mehr mit Ausreden für den Fall der Fälle beschäftigen als mit der Taktik gegen die künftigen Gegner.

Das könnte nach heutigem Stand das WM-Aufgebot Deutschlands sein:

Tor: Neuer, ter Stegen, Trapp. – Abwehr: Boateng, Hummels, Rüdiger, Mustafi, Kimmich, Hector, Henrichs, Toljan. – Mittelfeld: Kroos, Khedira, Goretzka, Stindl, Rudy, Özil. – Angriff: Müller, Gomez, Werner, Reus, Draxler, Sané. Und dabei fehlen in dieser Aufzählung Höwedes, Gündogan, Can, Ginter, Götze, Schürrle, Weiser, Gnabry und andere, die sich ebenfalls in den Vordergrund gespielt haben. Welch eine Auswahl!

Neue Fußball-Regeln als Ablenkungsmanöver von Infantino

Da staunte die Fachwelt und der Laie wunderte sich: Die Regelhüter des Fußballs gingen mit geradezu revolutionären Vorschlägen an die Öffentlichkeit. Es sieht so aus, als gebe es nur ein Ziel: Alles muss anders werden. Die Vorschläge kommen vom International Football-Association Board (IFAB), bisher als Altherren-Klub der dem Fortschritt im Wege steht bekannt. Umso erstaunlicher diese Kehrtwendung. Aber sie hat ganz eindeutig einen Hintergrund: Initiator ist FIFA-Präsident Gianni Infantino, der ja das Versprechen abgegeben hat, die FIFA und den Fußball zu modernisieren und jetzt ist die Gelegenheit günstig. Alle reden über die Regeln, keiner mehr darüber, wie die Ethik-Fahnder abserviert wurden, damit die FIFA-Funktionäre nicht in Not (oder vielleicht sogar hinter Schloss und Riegel) kommen. Also dienen die neuen Fußball-Regeln ganz einfach als Ablenkungsmanöver.

Es ist ja auch hanebüchend, was da aufgetischt wird. Nach dem Motto, „man muss über alles reden“ werden die abstrusesten Ideen in die Welt gesetzt. Vorneweg der Gedanke, dass wie im Eishockey auf die effektive Spielzeit umgestellt wird und bei jeder Unterbrechung die Uhr angehalten wird. Auch im Handball und Basketball wird immer wieder die Uhr angehalten. Zweimal 30 Minuten sollen es dann sein, in Untersuchungen wird jetzt im Schnitt eine effektive Spielzeit von 57 Minuten ausgemacht.

Aber was soll das? Will der Fußball zu einer beliebigen Sportart werden? Warum haben Eishockey, Handball und Basketball nicht das Renommee des Fußballs, wenn die effektive Spielzeit der Stein des Weisen ist? Ist er nämlich nicht, die Spielunterbrechungen dauern dann nämlich noch länger als jetzt und können quälend lang sein. Beispiel Basketball, wo sich die entscheidenden letzten zwei Minuten manchmal über 15 und mehr Minuten hinziehen. Hier darf der Fußball seine Seele nicht verlieren, Schiedsrichter müssen nur konsequenter handeln. Aber als Ablenkungsmanöver ist die Idee gut.

Folgende Punkte hat die IFAB herausgestellt: Verbesserung des Verhaltens und Erhöhung des Respekts (Blabla… da sollten die Funktionäre die FIFA nicht mehr als Selbstbedienungsladen sehen und vorangehen). Erhöhung der effektiven Spielzeit (bitte andere Ideen als die Uhr stoppen). Steigerung von Fairness und der Attraktivität (immer gerne, da muss auch ein Lernprozess bei den Spielern stattfinden. Mehr Respekt gegenüber Schiedsrichtern und Gegnern wäre wünschenswert).

In der Tat muss sich der Fußball überlegen, in welche Richtung er gehen will. Gilt der Fußball nur als Mittel zum Zweck um viel zu verdienen (Spieler, Vereine, Berater, Funktionäre), steht deshalb der Event-Charakter, die Unterhaltung im Vordergrund, oder geht es doch noch in erster Linie um Sport? Leider ist es ja so, dass der Profi-Fußball heute gar nicht mehr richtig eingeordnet werden kann, ob er Unterhaltung oder Sport ist. Salomonisch könnte es heißen „beides“. Es wäre die eigentliche Aufgabe der FIFA und ihres Präsidenten, den Fußball wieder vermehrt in Richtung Sport zu führen. Selbst auf die Gefahr hin, dass die eigenen Verdienstmöglichkeiten darunter leiden.

Money, Money, Money – Geht der Fußball im Geld unter?

Was haben die Zeichentrickfigur Dagobert Duck und der Fußball gemeinsam? Sie schwimmen beide gern im Geld. Während aber Dagobert der eher unsympathische Reiche ist, will der Fußball sympathisch bleiben und weltweit Fans anziehen. Derzeit ist er allerdings eher dabei, in eine unsympathische Rolle abzugleiten und Fans abzustoßen. Es geht fast nicht mehr um den Sport, sondern nur noch ums Geld. Spieler, Berater und Funktionäre haben die Dollar-Zeichen in den Augen. Das Motto heißt „Money, Money, Money“ und der Sport-</em>Grantler fragt sich: Geht der Fußball im Geld unter?

Das Thema ist ja nicht neu, kam aber jetzt mit der Vergabe der TV-Rechte für die Champions League wieder neu auf den Tisch. Vor allem in Deutschland war der Aufschrei groß, weil ab 2018 die Königsklasse des Fußballs im Pay-TV verschwindet. Das sind die Fernseh-Zuschauer in England, Spanien und Italien gewöhnt, aber nicht die in Deutschland, die ja sowieso eine monatliche Gebühr für die öffentlich-rechtlichen Sender zahlen müssen. ARD und ZDF müssen mit diesen Geldern haushalten und haben Proteste geerntet, wenn sie viele Millionen Euro für die Übertragungsrechte im Sport ausgegeben haben. Hohe Einschaltquoten bewiesen eine gewisse Berechtigung. Jetzt aber erleben sie eine Niederlage nach der anderen. Die Rechte für die Olympischen Spiele haben sie ebenso verloren wie die nun für die Champions League. Bisher zeigte das ZDF 18 Spiele live, ab dem Finale 2018 in Kiew ist dies vorbei. Das Angebot war zu niedrig, „wir sind an unsere Grenzen gegangen“, gestand der ZDF-Boss, „mehr war nicht drin“.

Schon bei den Bundesliga-Rechten wurde es für ARD und ZDF knapp, aber die Sportschau und das Sportstudio wurden gerettet, es gibt weiter ein paar Live-Spiele im ZDF, aber alle Spiele weiterhin nur im Bezahl-Fernsehen, wobei dem Platzhirsch Sky Konkurrenz erwachsen ist. Vor allem der Streamingdienst DAZN mischt die Branche auf und schmeißt mit Geld um sich. Ob sich das lohnt? Dem Sport, vor allem dem Fußball, ist das egal: Hauptsache die Kasse stimmt. Es könnte aber auf lange Sicht auch ein Eigentor werden. Bleibt der Fußball wirklich Volkssport, wenn er im Pay-TV und Internet verschwindet?

Die Grenzen gesprengt haben vor allem die Fernsehsender in England, die der Premiere League das Geld quasi hinterher werfen. Da entstanden auch gesteigerte Begehrlichkeiten in anderen Ländern, vor allem in Deutschland, wo die Vereine jammern, dass sie nicht mehr wettbewerbsfähig sein können, wenn der Letzte der Premiere League mehr TV-Gelder kassiert als der Erste in Deutschland, Bayern München. Dazu kommen Scheichs aus den Golfstaaten, Oligarchen aus Russland, Milliardäre aus Asien und Afrika, die sich im Fußball Europas verwirklichen wollen und quasi mit dem Geld um sich werfen. Als Beispiel zwei Überschriften zum Saisonschluss: „Geld aus Nigeria hilft beim Titel“ hieß es zum Titelkampf in Kroatien, „Investoren aus China feiern“ zur Meisterschaft in Tschechien. Money, Money, Money – das Geld regiert überall.

Es ist ein riskantes Spiel, das der Fußball derzeit spielt. Die Bundesliga kassiert jetzt auch Milliarden über das Fernsehen, aber dieses Geld stößt anderweitig sauer auf. Immer drängender wird die Frage, ob die Fußballvereine nicht für den Polizei-Einsatz zahlen müssen. Immer mehr Leute sehen nicht ein, dass die öffentliche Hand Gelder zum Bau von Fußball-Stadien in die Hand nimmt. Darf der Staat die reiche Unterhaltungsindustrie Fußball unterstützen? Dazu kommen die Probleme mit den Hooligans, die vor Gewalt nicht zurückschrecken und manchen davon abhalten können, auf einen Besuch im Stadion zu verzichten. Dann aber wird es gefährlich: Weniger Leute im Stadion, keine Zuschauer mehr vor den Bildschirmen (im ZDF sahen bisher 7 – 9 Millionen Zuschauer die Champions League, auf Sky höchstens 2 Millionen), da ist der Werteverlust programmiert. Money, Money, Money kommt in den großen Geldspeicher. Dagobert schwimmt im Geld, der Fußball geht in der Geldmenge vielleicht eines Tages unter. Vernunft wäre ein guter Rettungsring.

Der Fußball und die Probleme der Gesellschaft

Die Bilder der vergangenen Woche, die man vom deutschen Fußball sah, waren erschreckend. Chaoten reagierten in den Stadien ihren Frust über Niederlagen und Abstiege ihrer Mannschaften mit Gewalt ab. Leidtragende waren in erster Linie die Ordner der Vereine und die Polizei, die teilweise in Hundertschaften aufmarschieren mussten, Leidtragender war aber auch der Fußball, der von manchen Kritikern als Verursacher der Gewalt hingestellt wird. Doch das falsch. Der Fußball muss diesbezüglich die Probleme der Gesellschaft ausbaden.

Die Bundesliga hat nicht allein mit diesen Probleme zu kämpfen. England hat sie gehabt, Italien kämpft einen verzweifelten Kampf vor allem gegen Rechtsradikale und Schmähungen von den Tribünen aus, in Polen und Russland gehören Krawalle fast zum normalen Spielbetrieb, „Kampfbrigaden“ aus Russland haben schon die Fußball-Welt erschüttert. In Deutschland hieß es bisher immer, „wir haben die Probleme der Hooligans und Chaoten im Griff“, doch die Vorkommnisse der letzten Wochen beweisen das Gegenteil. Platzsturm in Braunschweig, Attacken von den Rängen aus mit dem Werfen von Sitzschalen und Stangen auf das Feld in München, Aufmarsch der „Fans“ von Dynamo Dresden in Kampfkleidung mit einer „Kriegserklärung“ gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) in Karlsruhe, Randale und tätliche Angriffe in Dortmund gegen Anhänger von RB Leipzig schon vor dem Stadion. Nur ein Teil, denn die Liste des Horrors ist lang – zu lang.

Der Fußball leidet, ein Zuschauer-Rückgang wird folgen, weil sich zum Beispiel Familien in diesem Umfeld nicht mehr sicher fühlen. Dazu kommt, dass Großereignisse auch im Sport verstärkt ins Blickfeld der Krake Terror rücken. Und die komplette Sicherheit gibt es nicht, unverständlich, dass zum Beispiel immer noch verbotene Pyrotechnik in die Stadien geschmuggelt werden kann. Sind es demnächst Bomben? Ob jemand Unbeteiligter Schaden nimmt, ist diesen Chaoten egal. Sie wollen bewusst gegen Verbote verstoßen. Ein Experte für Fan-Projekte erläutert in einem Interview aber ganz klar: „Ich erkenne kein fußballspezifisches Problem, sondern generell ein gesellschaftliches. Der schwindende Respekt gegenüber Mitmenschen ist eine bedauernswerte Entwicklung, die ich leider auch in anderen Bereichen des Lebens zunehmend registriere.“

Fast ein Hohn ist es, das zur gleichen Zeit darüber diskutiert wird, ob der Fußball nicht für die Einsätze der Polizei zahlen muss. Das Land Bremen hat eine Vereinbarung zwischen Liga und den Bundesländern ignoriert und die Polizei-Einsätze in Rechnung gestellt. Dies wurde zwar in erster Instanz vor Gericht zurückgewiesen, aber vor allem wegen formeller Fehler. Viele Kritiker sehen aber nur das Geld, das im Fußball verdient und umgesetzt wird, aber nicht, dass Polizei-Einsätze grundsätzlich eine Pflicht des Staates sind. Für den öffentlichen Raum ist nur die Polizei als Gesetzhüter verantwortlich. Im Zuge der Gerechtigkeit müssten künftig alle Veranstalter für die Polizei zahlen. Aber nicht sie – oder eben der Fußball – sind Schuld an den Auswüchsen, sondern die Gesellschaft, in der eine gewisse Verrohung immer weiter fortschreitet. Was ja auch nicht verwunderlich ist, wenn sich schon Staatsoberhäupter als Pöpler gefallen.

Was den deutschen Fußball angeht, so muss der Verband die Relegationsspiele überdenken. Gerade diese Endspiele um Auf- und Abstieg beinhalten ein hohes Konfliktpotential. Die Emotionen sind in diesen Spielen besonders stark. Mit einem ausschließlich direkten Auf- und Abstieg könnten sich DFL und DFB viel Ärger ersparen. Eine Änderung diesbezüglich wäre keineswegs ein Einknicken vor den Chaoten. Außerdem sind harte Strafen gegen diese Chaoten in den Fußballstadien angebracht. Aber auch hier kann der Fußball nur zum Teil tätig werden.

Was bedenklich stimmt, ist die Tatsache, dass in vielen Vereinen die sogenannten „Ultras“, die harten Fans, die für Stimmung in den Stadien sorgen, aber für sich auch einen Teil der Macht reklamieren, tatsächlich eine gewisse Macht erreicht haben und die Vorstände unter Druck setzen. Hier müssen die Vorstände eine Grenze ziehen und notfalls auf Stimmung verzichten. Wie in England könnte man mit der Abschaffung der Stehplätze die Grenze deutlich machen. Weniger Begeisterung bedeutet in diesem Fall auch weniger Krawall. Der Fußball darf nicht den Ultras gehören! Und dann würden sich die Spieler auf dem Feld vielleicht auch nicht mehr so sehr genötigt sehen, den Torjubel teilweise aufreizend und den Gegner missachtend auszudehnen. Auch dies heizt die (negative) Stimmung an.

Trotz allem: Fußballstadien können keine Insel der Glücksseligkeit werden, wenn die Menschheit generell verroht.

Abstieg: Ende oder Wende?

In den Top-Ligen des europäischen Fußballs geht meist am Wochenende des 20./21. Mai die Saison zu Ende. Zum Beispiel in Spanien, Deutschland und England wird da der letzte Spieltag absolviert. Umso stärker wird vor allem über Auf- und Abstieg diskutiert und kontroverser könnten die Stimmen nicht sein. Da die Meinung, dass nur ein Abstieg zur Wende in der Misswirtschaft führen kann, dort die düstere Prophezeiung, dass ein Abstieg das Ende bedeuten würde, quasi ein Abschied ohne Wiederkehr ins Oberhaus.

Der Abstieg als Ende oder die Wende? Dies wird von Verein zu Verein, von Fall zu Fall immer unterschiedlich sein. Für den einen Klub der Fall ins Bodenlose, ein Durchmarsch vom Oberhaus bis hinunter in die vierte Liga zum Beispiel. Beim anderen Verein wird Ruhe bewahrt, hat man eine Klasse tiefer Erfolg im Kampf um den Wiederaufstieg und kann den Abstieg quasi als „Betriebsunfall“ abhaken. Da gehören die richtigen Entscheidungen in der Vorstandsetage ebenso dazu wie auch ein bisschen Glück während der Saison. Es gibt aber auch sogenannte „Fahrstuhlmannschaften“, für die Ab- und Aufstieg fast schon zur Gewohnheit wird. Dort wird nach der Lösung gesucht, wie diese „Regel“ durchbrochen werden kann. Abstellen will man den Fahrstuhl nach unten.

Nehmen wir das Beispiel Deutschland, wo sich seit Jahren der „Dino“ der Liga, der Hamburger SV, gegen den drohenden Abstieg wehrt. Bisher mit Erfolg, mit Glückstreffern in der Relegation fast in letzter Minute. So läuft im Stadion noch die Bundesliga-Uhr für das einzige Gründungsmitglied der Bundesliga, das bisher ewig in der ersten Liga dabei war. Die richtige Wende, hin zur Konsolidierung, wurde allerdings nicht geschafft und so meinen viele, der Klub von Uwe Seeler müsste auch mal am Herzen operiert werden, wie das Fußball-Idol selbst. Dem widerspricht allerdings Gönner Klaus-Michael Kühne, der schon viele Millionen Euro zur Rettung des HSV verpulvert hat. So heißt es in der Süddeutschen Zeitung, Zitat Kühne: „Es ist ein Irrglaube zu denken, dass eine Mannschaft sich konsolidieren kann, wenn sie absteigt.“ Und weiter im Text: „Das könne vielleicht in einer Kleinstadt passieren, aber nicht in einer Stadt wie Hamburg. Der HSV habe so viele Schulden, dass er sie in der zweiten Liga niemals abtragen könnte.“ Aber die Relegation droht erneut.

Schulden sind das größte Problem der Vereine. Die Bundesliga gilt als die Liga, in der kassiert werden kann, wo Fernseh- und Werbegelder fließen, die Zuschauer-Einnahmen steigen – fast wie im Schlaraffenland (das aber für die deutschen Klubs bekanntlich in England liegt). Dagegen halbieren sich oft diese Einnahmen eine Klasse tiefer, der Rotstift muss angesetzt werden. So spielen viele Klubs Vabanque, sie riskieren Schulden, um mit einer starken Mannschaft den sofortigen Wiederaufstieg zu schaffen, so wie in diesem Jahr in der zweiten Liga die letztjährigen Absteiger Stuttgart und Hannover. Doch geht dieser Plan schief, wird die Zukunft ungewiss. Im nächsten Jahr vielleicht noch einmal ein großer Kraftakt und bleibt da der Aufstieg aus, könnte die finanzielle Pleite die Folge sein. Das Spielchen halt, Wende oder Ende!

Es geht natürlich auch anders, das Gegenbeispiel ist über viele Jahre hinweg der SC Freiburg, der nicht den jeweiligen Trainer als Hauptverantwortlichen sieht, egal, ob es ein schlechtes Jahr mit einem Abstieg ist oder ein gutes, als es sogar bis auf die Bühne Europas ging. Im Schwarzwald gehen die Uhren anders, ist Ruhe die erste Bürgerpflicht. Der Verein weiß, dass er unter Erfolgen insofern leiden muss, weil die guten Leistungen Begehrlichkeiten wecken und die besten Spieler weggekauft werden. Ein ewiger Kreislauf, der fast zwangsläufig auch mal zum Abstieg führen muss. Da darf man halt nicht in Panik verfallen. Im Schwarzwald wird diesbezüglich nicht schwarz gemalt.

Freiburg sollte Vorbild für alle Absteiger sein. Manche Vereine sollten erkennen, dass die Bundesliga halt nicht um jeden Preis zu halten ist und ein Abstieg zum Sport dazu gehört. Nur wer die Ruhe bewahrt und sich nicht auf ein Vabanquespiel einlässt, wird auch eine Klasse tiefer nicht in Schieflage geraten. Ein Abstieg sollte immer mehr Wende als Ende sein.

Verteilen die Schiedsrichter die Pokale?

Wir kennen alle die grundlegenden Fußball-Weisheiten: Ein Spiel dauert 90 Minuten, das Runde muss ins Eckige, die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Meisterschaften und – der Schiedsrichter ist dann gut, wenn er gar nicht in Erscheinung tritt. Gerade auf Letzteres kommt es in den kommenden Wochen an, wenn es in Europas Fußball um Meisterschaften und Pokale geht. Viele Entscheidungen in den letzten Wochen lassen aber befürchten, dass die Schiedsrichter keine Nebenrolle, sondern die Hauptrolle spielen werden. Wenn die Klubs Pech haben, dann verteilen die Schiedsrichter die Pokale!

Bezeichnend dazu: Der FC Barcelona wäre heute in der Champions League gar nicht mehr dabei, wenn ihm Schiedsrichter Aytekin beim sensationellen 6:1 über Paris nicht einen Elfmeter geschenkt hätte. Das „Handauflegen“ bei Stürmer Suarez hatte „heilende Folgen“: Der Stürmer fiel hin, weil er was spürte und einen Pfiff provozieren wollte, der Schiedsrichter schaute nicht genau hin, ließ sich übertölpeln und zeigte auf den Elfmeterpunkt. Ohne diesen Elfmeter hätte es Barcelona trotz aller Begeisterung nicht geschafft. So, bitte schön, sollen die Entscheidungen in den nächsten Wochen nicht fallen!

Im Fußball gibt es derzeit eine große Verunsicherung über manche Regel und deren Auslegung. Ein besonderes Beispiel sind die Urteile bei „Hand“. Spieler, Trainer und Fans wissen bei der unterschiedlichen Auslegung der Regeln nicht mehr, was Sache ist. Von Schiedsrichter zu Schiedsrichter gibt es andere Entscheidungen. Hand ist nicht immer Hand, sondern einmal angelegt und nicht strafwürdig, beim anderen aber doch strafwürdig, bei ähnlichen Situationen geht einmal die Hand bewusst zum Ball (also Pfiff), dann aber wieder unbewusst und wird nicht geahndet. Auslegungssache, aber eben auch Glückssache. Ähnliche Unterschiede gibt es bei Fouls, da werden vor allem Grätschen mit einem unterschiedlichen Strafmaß bedacht, was eben auch zu einer wesentlichen Beeinflussung führen kann, wenn es eine Rote oder Gelb-Rote Karte nach sich zieht. Ärgerlich wird es, wenn eben die Schiedsrichter die Entscheidung herbeiführen und nicht die Leistungen der Mannschaften.

Es ist reines Wunschdenken, dass die Schiedsrichter in den nächsten Wochen nur eine Nebenrolle spielen. Viel mehr wird es Diskussionen über Entscheidungen geben, die Fernsehkameras als Fehlentscheidungen enttarnen. Dann kommt wieder die Sehnsucht nach dem Videobeweis hoch, aber für diese Saison müssen die Schiedsrichter noch ohne Hilfsmittel auskommen. Da wünschen wir ihnen gute Augen, das richtige Augenmaß und vor allem das richtige Fingerspitzengefühl. Lasst die Spieler die Spiele entscheiden und verteilt nicht die Pokale!

Die Probleme mit den Länderspielen

Im Volksmund heißt es „wer bezahlt, schafft an“. Das ist im Profi-Fußball keineswegs so. Die Vereine bezahlen die Spieler, aber sie sind machtlos, wenn diese von den Verbänden angefordert werden und oft die Leidtragenden, wenn ihre Profis dann verletzt zu den Klubs zurückkehren, quasi als „totes Kapital“. Kein Wunder also, dass die Vereinigung der Profi-Klubs, die sich praktisch als Schutzgemeinschaft gegründet hat, hier Änderungen anstrebt und die Abstellungen zu Nationalmannschaften reduzieren will. Kein Wunder, dass die Trainer diese Länderspielpausen nicht gerne sehen. „Ich habe Angst vor den Länderspielen“, sagt zum Beispiel Bayern Münchens Coach Carlo Ancelotti, denn er weiß aus Erfahrung, „immer kommt einer verletzt zurück“. Besonders anfällig ist hier Chiles Star Arturo Vidal, der sich für sein Heimatland ins Zeug legt, aber eben auch bei den Bayern als Abräumer im Mittelfeld und Dampfmacher dringend gebraucht wird, wenn der Traum vom Triple (Meisterschaft, Pokalsieg, Gewinn Champions League) Wirklichkeit werden soll.

Gerade die Länderspielpause jetzt Ende März liegt denkbar ungünstig. Es stehen in aller Welt wieder Qualifikationsspiele zur Weltmeisterschaft 2018 in Russland an, die Zeit wird aber auch für Freundschaftsspiele genutzt. Aber nach gerade zwei oder drei Spieltagen (je nach Land, die Bundesliga schiebt am 4./5. April einen Wochenspieltag ein) stehen die wichtigen Spiele im Viertelfinale der Champions League an, die innerhalb von zwei Wochen (11./12. und 18./19. April) durchgepeitscht werden. Es könnte also sein, dass Spieler, die verletzt von ihren Nationalmannschaften zurückkommen, bis zu diesen wichtigen Begegnungen ihres Vereins ihre Blessuren noch nicht auskuriert haben. Sie haben gerade zwei bis drei Wochen Zeit. Die Vereine bezahlen, schaffen aber nicht an!

Freilich, Verletzungen können in jedem Training oder jedem Spiel des Vereins passieren, aber es ist schon seltsam, dass Klubs wie Bayern München fast bei allen Abstellungen Spieler haben, die verletzt von ihren internationalen Einsätzen zurückkommen. Gut, WM- oder EM-Qualifikationsspiele müssen sein (zumindest so lange, bis die Bosse bei FIFA oder UEFA in den Sinn kommt, ein WM-Turnier mit allen Mitgliedsverbänden zu spielen!), aber die normalen Länderspiele, die Freundschaftsspiele, sind in Verruf gekommen. Müssen sie sein? Der Fan lässt sich da nicht mehr begeistern, die Stadien sind nicht mehr voll, weil die Attraktivität fehlt und die Trainer zu Experimenten neigen, also nicht alle Stars auf dem Feld stehen. Ein Teufelskreis, der die Probleme mit den Länderspielen deutlich macht.

Jeder muss Verständnis für die Trainer haben, eine gute Lösung für alle gibt es aber nicht. Die ist auch der Nationen-Cup nicht, der im nächsten Jahr neu eingeführt wird. Hintergedanke: Die normalen Länderspiele sollen aufgewertet werden, der Zuschauer soll den Eindruck bekommen, es geht um was. Viele Trainer haben schon abgewunken und angekündigt, dass sie dann eben bei diesem Wettbewerb auf den Pokal verzichten und die Spiele lieber als Test nehmen. Die Vereine meutern sowieso und wollen einen Riegel vorschieben: Keinesfalls mehr Spiele, lieber weniger. Gibt es künftig also keine Länderspiele mehr?

Der Deutsche Fußball-Bund serviert seinen Fans zunächst einmal attraktive Länderspiele. Könnte sein, dass dann die Stadien trotz der „wertlosen“ Spiele voll sind, weil die Gegner England (Mittwoch, 22. März in Dortmund), Spanien und Brasilien (nächstes Jahr im März)) attraktiv sind. In Dortmund absolviert Publikumsliebling Lukas Podolski zudem sein Abschiedsspiel aus der Nationalmannschaft. Der Jubel ist also gewiss, doch die Probleme um die Länderspiele bleiben. Und nicht nur Carlo Ancelotti wird zittern.

Kann der Fußball noch attraktiver werden?

Stillstand bedeutet bekanntlich Rückschritt, insofern darf es nicht verwundern, dass sich auch die Funktionäre im Fußball-Weltverband Gedanken machen, wie der Fußball weiterentwickelt werden kann. Aber die Frage ist eben auch berechtigt: Kann der Fußball noch attraktiver werden?

Tatsache ist, dass der Fußball weltweit eine Spitzenposition einnimmt, in Europa und Südamerika als Nummer eins aller Sportarten, in Asien und Nordamerika ist er auf dem Vormarsch. Die Umsätze steigen ebenso wie die Fernsehhonorare und wenn der Fußball Rückschläge hinnehmen musste, dann nicht durch den Sport, sondern durch Funktionäre, die den Sport mit Korruption und anderem mit den Füßen getreten haben. Wie stark muss der Fußball sein, wenn er einen Skandal wie den um seinen ehemaligen Präsidenten Sepp Blatter fast schadlos überstehen kann! Dennoch kann und muss man sich natürlich Gedanken machen, schade nur, dass manche so abwegig sind, wie die Aufblähung der Weltmeisterschaft auf nun 48 Nationen.

Aber jetzt geht es nicht um einen Turniermodus, sondern der neue Sportdirektor der FIFA, der einstige Weltklassestürmer Marco van Basten, hat laut darüber nachgedacht, wie das Spiel verbessert und attraktiver werden kann. Wer viele Vorschläge bringt, schießt manchmal auch über das Ziel hinaus, mal sehen was Wirklichkeit werden kann. Bisher war es so, dass Regeln schonend verändert wurden und dass nicht gravierend ins ursprüngliche Spiel eingegriffen wurde. Nehmen wir nur die Änderungen für die Torhüter, die heute bei einem Rückpass den Ball nicht in die Hand nehmen dürfen. Fortschritte gab es immer wieder, wie jetzt mit der Einführung des Videobeweises, wenn die moderne Technik helfen soll, das Spiel gerechter zu machen. Stillstand gibt es also nicht.

Die Frage ist immer, wie weitreichend Neuerungen sind bzw. sein dürfen. Schlagworte der Vorschläge des Niederländers sind „Abseits abschaffen“, „Zeitstrafen statt Gelber Karten“, „Fliegende Wechsel“ oder „Shoot-out statt Verlängerung“. Manches wurde schon oft diskutiert und wieder verworfen, zum Beispiel beim Abseits. Es ganz abzuschaffen würde den Fußball gravierend verändern – auf die Streichliste.

Zeitstrafen werden schon lange diskutiert, im Amateurfußball gab es positive Erfahrungen und dennoch wurden sie teilweise wieder abgeschafft. Zeitstrafen statt Gelber Karten könnten für mehr Gerechtigkeit sorgen, weil der Gegner unmittelbar von der Bestrafung profitiert und nicht der nächste Gegner. Da sind Überlegungen also angebracht.

Fliegende Wechsel kann man vergessen, weil sie bei 22 Mann auf dem Spielfeld nicht zu kontrollieren sind und nicht nur die Zuschauer den Überblick verlieren, sondern wahrscheinlich auch Trainer und Schiedsrichter – Streichliste.

Das Shoot-out gab es früher in Nordamerika und hat sich nicht bewährt. Es sorgt für nicht mehr Spannung als ein Elfmeter, wenn der Spieler weitab vom Tor den Ball aufnimmt und auf den Torhüter zuläuft. Der Elfmeter ist dagegen kurz und knackig – also Streichliste. Schwierig wird es auch, den Fußball in punkto Zeitspiel gerechter zu machen, selbst wenn die Uhr (Vorschlag in den letzten Minuten) zum Ende zu angehalten wird. Was ist mit den Spielverzögerungen zuvor? Nein, da müssen die Schiedsrichter weiterhin ein entsprechendes Fingerspitzengefühl zeigen. Und auch Unterbrechungen für die Trainer für kurze Spielerbesprechungen (Time Out) sind nicht notwendig.

Der Fußball kann durchaus auf andere Sportarten schauen und darüber diskutieren, was ihm helfen kann. Aber der Fußball muss ein Original bleiben, nicht umsonst schauen fast alle anderen Sportarten neidisch auf den Fußball. Nehmen wir Deutschland als Beispiel, da heißt es Fußball, Fußball, Fußball und dann kommt lange nichts. Hier können einschneidende Änderungen der Fußballeuphorie eher schaden. Vereine und Funktionäre sollten sich eher bemühen, die Volkstümlichkeit des Fußballs zu bewahren und ihn nicht zur reinen Geldverkehrung zu missbrauchen.

Ist Jogi Löw ein guter Bundestrainer?

 

Ein Bekannter überraschte mich kürzlich mit der Frage: „Wie denkst Du denn über den Löw?“ Der Sport-Grantler war perplex. „Wie meinst Du das?“, fragte er zurück. „Na ja, ist der Löw ein guter Bundestrainer oder nicht?“ Ja, darf man denn an der Qualität eines Weltmeister-Trainers überhaupt zweifeln?

Der DFB-Präsident tut es offensichtlich nicht. Von Beginn seiner Amtszeit an zielte Reinhard Grindel auf eine Verlängerung des Vertrages mit Joachim Löw, der Stand jetzt nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 endet. Löw hat für dieses Turnier ein klares Ziel ausgegeben: Erfolgreiche Titelverteidigung, Deutschland soll wie 2014 Weltmeister werden. Eigentlich eine gute Eigenschaft, nicht den Duckmäuser zu spielen, sondern klare Kante zu zeigen. Doch der Erfolg ist damit nicht garantiert, schließlich wollte Deutschland 2016 auch Europameister werden. Der Titel ging an Portugal, Deutschland schied im Halbfinale unglücklich gegen Gastgeber Frankreich aus.

Jogi Löw feiert in diesem Jahr sein 10-Jähriges Jubiläum, im August 2006 war er erstmals als Bundestrainer für die DFB-Auswahl verantwortlich, als Nachfolger von Jürgen Klinsmann. Der Deutsche Fußball-Verband darf mit der Bilanz zufrieden sein, obwohl sich die Erfolge schon früher hätten einstellen können. Löw hat seine Mannen immer ins Halbfinale geführt, war bereits 2008 bei der EM im Finale, bei der WM 2010 Dritter und bei der WM 2014 schließlich Weltmeister. Das kaschierte, dass er bei den Turnieren zuvor den einen oder anderen taktischen Fehler begangen hat und deshalb für das vorzeitige Ausscheiden mit verantwortlich war. Inzwischen hat Löw die DFB-Auswahl sogar in mehr Länderspielen betreut als der beliebte Helmut Schön (1964 – 1978). Mit dem Match gegen Tschechien ist Löw mit 140 Spielen an Schön (139) vorbeigezogen, nur der legendäre Sepp Herberger (1936 – 1964) liegt noch vor ihm mit 167 Spielen. Damals gab es aber auch viel weniger Länderspiele. Helmut Schön schaffte das, was Löw fehlt, er wurde Weltmeister (1974) und Europameister (1972).

Joachim Löw ist in der Öffentlichkeit durchaus anerkannt, aber nicht unbedingt so beliebt, wie es Sepp Herberger und Helmut Schön waren. Löw ist bekannt, aber nicht sonderlich populär, sein Auftreten manchmal etwas seltsam, negative Schlagzeilen erntete er als Nasenpopler auf der Bundesligatribüne oder mit Hosen-Gate, dem Griff in die eigene Hose an der Seitenlinie. Löw hatte und hat den Vorteil, dass er eine Generation von überaus talentierten Spielern anführen kann, mit dem besten Torwart der Welt als Rückhalt. Der Bundestrainer hat durchaus das Können, aus guten Spielern auch eine gute Gemeinschaft zu machen, Spielfreude ist sein Programm. Auffällig, dass er sein Team immer gut in Form bringen kann, wenn er vor einem Turnier genügend Vorbereitungszeit erhält.

Ja, Jogi Löw ist zweifellos ein guter Bundestrainer. Er hat wohl seine Berufung gefunden, denn als Vereinstrainer hielten sich seine Erfolge in Grenzen (Pokalsieger mit dem VfB Stuttgart, Meister in Österreich mit Tirol Innsbruck, Supercupsieger in der Türkei mit Fenerbahce Instanbul). Aber Löw ist kein sehr guter oder überragender Bundestrainer, als dass es nicht eine Steigerung geben könnte. Deshalb ist es verwunderlich, dass DFB-Präsident Reinhard Grindel so auf eine Vertragsverlängerung über 2018 hinaus drängt. Die WM-Qualifikation sollte kein Problem darstellen, aber der Titel in Russland ist keineswegs garantiert. Und was, wenn Deutschland frühzeitig scheitern sollte? Dann wäre eine Trennung die logische, aber auch teure Folge für den Verband. Also ruhig Blut, Herr Präsident. Der Löw rennt Ihnen nicht davon! Vertragsverlängerung höchstens dann, wenn es eine entsprechende günstige Ausstiegsklausel für den DFB gibt.

Übrigens: In einer Umfrage fragt die Fachzeitung kicker Ihre Leser, ob der DFB mit Löw den Vertrag verlängern soll. 54 Prozent stimmten bisher mit Nein.