Die Formel 1 kämpft ums Überleben

von knospepeter

Es sollte ein besonderes Jahr werden, hatte der Sport-Grantler in seiner Saisonvorschau auf die Formel-1-Weltmeisterschaft im März geschrieben. Jubiläen standen an, 70 Jahre Formel 1 und das 1000. Rennen von Ferrari. Doch das rückte alles in den Hintergrund, 2020 wurde durch die Coronapandemie nämlich ein ganz besonderes Jahr und nach der Absagen der geplanten Rennen kämpft die Königsklasse des Motorsports sogar ums Überleben. Damit es noch eine Zukunft gibt, haben die Organisatoren um Ross Brawn alles getan, um wenigstens eine verkürzte Weltmeisterschaft mit Geisterrennen auf die Beine zu stellen. Acht Renntermine stehen bisher fest, am Sonntag, 5. Juli, geht es in Spielberg/Österreich endlich los. Die Formel 1 ist wieder da!

Die Formel 1 2020 wird ganz anders sein, als die Formel 1 bisher. Leere Ränge ohne Zuschauer machen dies optisch deutlich, aber auch das Fahrerlager sieht ganz anders aus. Keine luxuriösen Motorhomes, kein Schnickschnack, geringster Aufwand bei dem Personal. Von den Fahrern bis zum letzten Mechaniker werden alle ständig auf Corona getestet, über 10.000 Tests werden es am Ende sein. Damit sich für Spielberg der Aufwand lohnt, gibt es am Sonntag drauf gleich noch einmal ein Rennen in der Steiermark, dann ist am 19. Juli Budapest dran, dann zweimal Silverstone (2. und 9. August), außerdem wird in Barcelona (16.8.), Spa (30.8.) und Monza (6.9.) gefahren. Europa ist also die erste Heimat, alles andere steht in den Sternen, etwa 15 Rennen sollen es bis zum Jahresende allerdings schon sein, das Finale ist im Dezember in Abu Dhabi vorgesehen.

Wie in anderen Sportarten auch, sind Wettbewerbe, also die Rennen für die Formel 1 überlebenswichtig. Nicht nur die kleineren Rennställe hatten an den fehlenden Einnahmen von Sponsoren und Fernsehen zu knabbern. Aber damit sie weiter existieren und mitfahren können, war es leichter, eine Reduzierung der Budgets bei den Platzhirschen für die Zukunft durchzusetzen. Allein können auch Mercedes, Ferrari oder Red Bull nicht fahren. Die diesjährige Saison soll gerettet werden, dann geht es um die Zukunftssicherung. Wie schon geschrieben, rüttelt die Formel E mit ihren zeitgemäßen Elektroboliden auf Stadtkursen am Thron der Königsklasse.

Ob sich sportlich was ändert, wird sich in Spielberg zeigen. Es könnte sein, dass es nach der Zwangspause Überraschungen gibt, weil der eine oder andere neue Tricks auspackt. Die Aufmerksamkeit gehört natürlich wieder Mercedes und Titelverteidiger Lewis Hamilton, der den Rekord von Michael Schumacher mit sieben Weltmeisterschaften einstellen will. Spielverderber könnte neben Ferrari vor allem Max Verstappen mit Red Bull sein. Wagen und Fahrer gelten als besonders schnell, die Strecke von Spielberg aber nicht unbedingt als günstig für Mercedes.

Die Aufmerksamkeit gehört aber auch Sebastian Vettel, der die Pause mit der Ankündigung von seinem Abschied von Ferrari würzte. Der Heppenheimer hat für das nächste Jahr noch kein neues Cockpit, doch der Abschied brachte Bewegung in das Fahrerlager. Carlos Sainz wird Vettels Nachfolger, den wiederum Daniel Ricciardo (Renault) bei McLaren ersetzt. Spannungen sind in den einzelnen Rennställen gewiss, denn Abtrünnige werden kaum die Unterstützung wie der Stammfahrer finden und von Firmengeheimnissen ferngehalten werden. So wird vor allem mit Argusaugen auf Ferrari geschaut, wie Vettel neben Charles Leclerc bestehen kann, denn der junge Monegasse ist jetzt die klare Nummer 1 im Team. Offen ist auch, ob die Wechselwilligen ihren neuen Rennställen unbedingt WM-Punkte klauen wollen. Es steht uns also eine besondere und seltsame Saison bevor.

Lewis Hamilton ist nicht nur der Chef auf der Strecke, er hat sich inzwischen auch zum Leader der Formel 1 abseits des Renngeschehens entwickelt. Aus dem Partyboy wurde ein gestandener Mann, der auch die Probleme der Welt anspricht. Als einziger farbiger Fahrer und naturgemäß erster Weltmeister hat sich der Engländer vor allem dem Kampf gegen Rassismus angenommen und Unterstützung in seinem Team gefunden, vor allem von Teamchef Toto Wolff. Starkes optisches Zeichen: Die Silberpfeile werden schwarz. „Um unser klares Engagement für mehr Vielfalt in unserem Team und unserem Sport zu demonstrieren.“ Mercedes wird außerdem mit verschiedenen Initiativen und Programmen junge Menschen und unterrepräsentierte Gruppen unterstützen. Hamilton gesteht: „Ich habe in meinem Leben selbst Rassismus erlebt und gesehen, wie meine Familie und meine Freunde Rassismus ausgesetzt waren.“ Gut, dass hier ein Spitzensportler über den Tellerrand seines Sports hinausblickt.

Welches Erlebnis die Formel 1 ohne Zuschauer und mit reduziertem Programm wird, muss sich zeigen. Aber Rennsport ist nicht Fußball, die Zuschauer haben nicht den unmittelbaren Einfluss auf das Geschehen. Dem Rasen sind sie nahe und können pushen, die Fahrer in den Boliden nehmen die Fans am Rande kaum war und können ein Bad in der Menge erst bei der Siegerehrung genießen. Formel 1 ist mehr Fernsehsport, dennoch wird sich RTL als übertragender Sender im Free-TV nach dieser Saison zurückziehen und das Feld in Deutschland allein dem Pay-TV-Sender Sky überlassen. Offensichtlich verlieren Rennen, die vielleicht nicht mehr in Deutschland und ohne deutschen Fahrer stattfinden ihre Attraktivität. Auch dies zeigt, die Formel 1 kämpft an allen Fronten ums Überleben.