Rote Bullen nehmen die Bundesliga auf die Hörner

von knospepeter

 

Die Fußball-Bundesliga ist durcheinander geraten. Der FC Bayern München ist nicht mehr Tabellenführer, zum ersten Mal seit 14 Monaten. Was sich die Konkurrenz gewünscht hatte, aber eigentlich nicht zu hoffen wagte, ist eingetreten. Die erste Niederlage nach 20 Spielen ohne doppelten Punktverlust, das 0:1 in Dortmund und der gleichzeitige Siegeszug des RB Leipzig lässt in der Bundesliga quasi eine neue Zeitrechnung beginnen. Das Ende der Bayern-Dominanz ist gekommen.

Es gibt zwei Ursachen für diese Wende im deutschen Fußball. Da sind einmal die Bayern selbst. Die Ära Pep Guardiola war eine erfolgreiche, der Spanier sammelte national Titel, unter anderem den Hattrick in der Meisterschaft, in Verbindung mit dem Sieg von Vorgänger Jupp Heynckes war es 2016 ein Rekord, noch nie zuvor hatte ein Team in der Bundesliga viermal hintereinander die Meisterschaft geholt. Und der fünfte Titel lag auf dem Präsentierteller, niemand wagte daran zu denken, dass die Bayern ins Wanken geraten könnten, ganz zaghaft wurde angemerkt, dass jede Siegesserie noch immer ein Ende gefunden hatte und vielleicht wären die Münchner einfach satt, nicht mehr erfolgshungrig genug. Offensichtlich sind sie satt, Beobachten mahnen, dass die Spieler Übergewicht mit rumschleppen würden, außerdem fehle die Gier nach Erfolg. Und plötzlich sind die Bayern nur noch Zweiter. Da ist der Ärger zumindest so groß wie beim VfL Wolfsburg auf Platz 14.

Zehn Spieltage lang ging ja alles gut. Die Bayern begannen furios und es kam ob des Sturmlaufs in den ersten Spielen sogar leise Kritik an Pep Guardiola auf. „Unter Ancelotti werden die Spieler von der Leine gelassen“, hieß es ein bisschen hämisch. Danach schwächelte der Meister allerdings, doch er hielt die Tabellenspitze und so wurde übersehen, dass die Bayern weniger lauffreudig waren, sich die Fehlpässe häuften, das Spiel in die Spitze schlampig war. Die Quittung folgte: Drei Unentschieden, eine Niederlage nach einem Drittel der Punktrunde. Heute heißt es, „bei Pep hat es das nicht gegeben“. Verloren gegangen ist die Dominanz auf dem Feld. Die Konkurrenz wittert ihre Chance: Die Bayern in der Saison 2016/17 sind schlagbar.

Die Bayern dankten früher ab als gedacht, ein Neuling trumpft dafür früher auf als gedacht und wahrscheinlich sogar selbst geplant. Die Roten Bullen aus Leipzig nehmen die Bundesliga auf die Hörner. Mit Argwohn wurden die Pläne des Brause-Herstellers Red Bull und dessen Besitzer Dietrich Mateschitz beobachtet, als er in Leipzig mit dem Aufbau einer Mannschaft begann und die Bundesliga und sogar die Champions League als Fernziel ausgab, im Bewusstsein, das dauert Jahre. „Das schafft er nie“, höhnten die einen, „Vorsicht, mit seinen Millionen geht alles“, waren andere skeptisch. Der DFB verschloss die Augen vor der Mateschitz-Masche des „leibeigenen“ Vereins, wollte nur den Firmennamen nicht als Vereinsnahmen akzeptieren. So wurde im Mai 2009 aus dem Vorortklub SSV Markranstädt der RasenBallsport Leipzig, eben RB und im Sprachgebrauch die „Roten Bullen“. Da kann der DFB halt nichts machen.

RB begann in der Oberliga und als Ralf Rangnick 2012 die Geschicke übernahm, begann der Aufstieg. 2013 Aufstieg in die 3. Liga und Durchmarsch in die 2. Bundesliga, dort hielt man sich auch gerade mal zwei Jahre auf. Nun die Bundesliga, nun die Tabellenspitze, die Bundesliga fühlt sich auf die Hörner genommen. Über 100 Millionen hat Mateschitz mit Sicherheit in sein Projekt gesteckt, doch das Geld nicht für teure Stars ausgegeben, sondern ein Vorzeigemodell im Gesamten hingestellt, nämlich auch ein verheißungsvolles Nachwuchsleistungszentrum. Rangnick suchte bewusst Spieler aus, die in sein Konzept passen mussten, zum Beispiel für die Bundesliga schnelle und technisch begabte Spieler, zudem mit Ralph Hasenhüttl einen Trainer, der seinen Höchstgeschwindigkeitsfußball als sein eigenes Credo sieht. So überrollte Leipzig die Bundesliga, immer mit Tempo, rasende Bullen sind es geworden.

Die Konkurrenz muss sich umstellen und neu einstellen. Jetzt ist nicht die Frage, wer stoppt die Bayern, sondern jetzt ist die Frage, „wer stoppt die Bullen?“ Von Null auf Hundert, sprich zum Titel, ist nicht unmöglich. Zwei Beispiele dienen der Bundesliga als Warnung: Der 1. FC Kaiserslautern wurde 1978 unter Otto Rehhagel als Aufsteiger gleich Meister und in England dominierte im Vorjahr Nobody Leicester City, von der Konkurrenz lange Zeit nicht ernst genommen.

Doch, ernst nehmen tun die Münchner, Dortmunder und die anderen Leipzig jetzt schon. Sie vertrauen allerdings darauf, dass die Bullen mal müde werden, dass sie mal eine Schwächephase haben werden und dann wollen die anderen zuschlagen. Klar ist, diesen Tempo-Fußball könnte Leipzig nicht durchhalten, wenn die Mannschaft unter der Woche auch international gefordert wäre. „Sie liegen unter der Woche auf der Couch und können sich schonen“, ätzte der baldige neue Präsident der Bayern, Uli Hoeneß. Er ist einer der Hoffnungsträger, dass die Bayern wieder schnelle Beine bekommen und die Roten Bullen einfangen. Plötzlich gehören den Bayern die Sympathien der Fußball-Fans. Ein Brause-Meister, das geht gar nicht!

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